Orte der Kraft
Der abwechslungreiche Weg vom Kloster Einsiedeln weiter zur Tüfelsbrugg und über den Etzelpass ist eine Wanderung, die an starken Kraftorten vorbeiführt. Was die Jakobspilger im Mittelalter beeindruckte, ist auch heute noch spürbar.
Innerhalb der grossräumigen Barockkirche von Einsiedeln befindet sich eine Art Kapelle. In diesem sogenannten Oktogon befindet sich das berühmte Gnadenbild der Maria. Als schwarzhäutige Madonna ist die Muttergottes dargestellt. Woher die schwarze Hautfarbe kommt, bleibt ein Rätsel und war schon Bestandteil mancher Theorie, unter anderen folgender: Es gilt als erwiesen, dass vor zirka 30 000 Jahren die Sammler- und Jägerkulturen eine weibliche Gottheit verehrten. Die kleinasiatische Göttin Kybele und die griechische Hekate zum Beispiel wurden dunkel dargestellt. Die Kelten verehrten die Göttinnen Ambeth (Erde), Wilbeth (Mond) und Borbeth (Sonne).
Maria mit Kraft und Ausstrahlung
Es ist anzunehmen, dass auch in der Innerschweiz wie andernorts alte Kulte, Bräuche und Orte neben dem Christentum weitergepflegt und erst allmählich von der Kirche assimiliert wurden. Es kursiert auch die Hypothese, dass die schwarzen Madonnen eine getarnte Überlieferung der alten Mond- und Erdkulte darstellen sollen. Doch reicht das Alter der verehrten Statuen nicht derart weit in die Zeit zurück.
Wer das Glück hatte, die Madonna von Einsiedeln bei offenem Oktogon zu bewundern, dem erscheinen all diese Fragen und Überlegungen müssig. Die Ausstrahlung des heiligen Bildes ist derart stark, dass es jeden Zweifel über dessen Kraft und Bedeutung wegräumt. Die leider verstorbene Kraftortforscherin Blanche Merz hat hier höchste Pendelwerte von 30 000 Bovis gemessen. Auf dieser Skala gelten Orte mit mehr als 15000 Bovis als Kraftorte.
Echo mit goldenem Haar
Beim Wandern in Richtung Etzel fällt als Erstes der See auf. Unter dem Lauiberg am Sihlsee gibt es ein dreifaches Echo. Alten Überlieferungen nach soll sich alle 100 Jahre das Echo in der Karfreitagsnacht zeigen, sofern man es wage, dieses anzurufen. In einer kalten Nacht stand ein Bursche am Ufer unter dem Lauiberg. Zuerst etwas schüchtern begann er zurufen: «Echo! zeige dich!», dann nochmals und ein drittes Mal etwas übermütiger. Da kam die Antwort des Echos mit einer unnatürlichen Stärke und Deutlichkeit zurück. Gleichzeitig gewahrte der Bursche am Hang auf der Seegegenseite ein weisses Nebelchen, das langsam über die Wasseroberfläche schwebte. Nach und nach kam es näher, und schliesslich konnte er ein weiss gekleidetes bleiches Mädchen erblicken. Es lächelte ihm zu, und sein goldenes langes Haar leuchtete geheimnisvoll im Mondlicht.
Die Moorflächen von Roblosen und Hirzenstein auf der Seeanhöhe muten etwas fremd an. Auf dem wasserundurchlässigen Untergrund der Endmoräne vom ehemaligen Sihlgletscher sind vielfältige Moorlandschaften entstanden. Wer die Gegend näher kennen lernen möchte, kann noch einen halbstündigen Abstecher durch die Schwantenau einbeziehen. Beim Galgenchappeli geht es dabei links auf der Naturstrasse zum eidgenössisch geschützten Objekt. In der Mitte der Moorsenke wandern wir rechts weiter Richtung Schindellegi. Nach den Torfstich-Häuschen gehen wir nochmals rechts und treffen vor Horben wieder auf den Jakobsweg. Jetzt geht es auf einen der bekanntesten Abschnitte des rituellen Wegs, der über mehrere Äste die Pilger von Nordeuropa ins spanische Santiago de Compostela zusammenführt.
Um zur Sihl zu gelangen, müssen wir kurz durch eine Weide hinab. Die Lieblichkeit der durch Fichtensäume kleinräumig gegliederten Landschaft lässt eine gewisse Stimmung aufleuchten, die Orte der Kraft auszeichnet. Doch ganz so geschlossene «kleine Welten für sich» mögen diese Wieseninseln nicht bilden. In dieser romantischen Kulturlandschaft kann man sich vorbeiziehende Jakobspilger aus alten Zeiten mit Mantel, breitkrempigem Hut und Wanderstock gut vorstellen. Seit über 1000 Jahren schreiten Pilger über diesen Weg, sühnend und betend um körperliches und seelisches Heil.
Der Spielplatz des Paracelsus
Die Tüfelsbrugg ist ein wunderschöner Sandsteinbau aus dem 17. Jahrhundert. Der erste Bau einer Brücke ist 1117 belegt. An einem Deckenpfeiler stehen alte Pilgerinschriften und natürlich ist auch die Jakobsmuschel hier eingeritzt. Zwischen Tüfelsbrugg und St. Meinrad laufen wir am Ort vorbei, wo einst das Geburtshaus des berühmtesten Heilers in Europa stand: Paracelsus.
St. Meinrad, der der ehemaligen Einsiedelei seinen Namen gab, war der Sohn des Grafen Berchtold von Hohenzollern und lebte im 9. Jahrhundert. Zuerst Mönch in Reichenau, erbaute er später eine Kapelle am Etzel. In dieser Umgebung baute er danach eine Klause, in welcher er als Einsiedler von der Arbeit seiner Hände und von Almosen lebte. Zwei Raben, die er regelmässig fütterte, leisteten ihm treue Gesellschaft. Nach vielen Jahren wurde er von zwei Räubern ermordet. Die Raben flogen den beiden Mördern bis Zürich nach. Die krächzende Begleitung machte die beiden verdächtig; sie wurden gestellt, gaben die Untat zu und wurden vom Reichsvogt zum Rade verurteilt. Der Leichnam von Meinrad wurde nach Reichenau geführt und am Ort seiner Ermordung wurde 934 das Kloster Einsiedeln gegründet. Die zwei treuen Vögel des Eremiten sind im Wappen des Klosters verewigt.
Die mit Stuckaturen reich geschmückte Kapelle St. Meinrad ist leider nicht mehr taufrisch. Der architektonisch originelle Sandsteinbau mutet etwas fremd in der ländlichen Umgebung an. Diese Kapelle folgte 1698 auf einen früheren Bau aus dem 13. Jahr-hundert. Die Pilgergaststätte wurde 1759 erbaut.
Nach St. Meinrad führt der Weg in Richtung Etzel/Schindellegi zuerst an einem malerischen Waldrand entlang. Die Ausstrahlung ist stark, insbesondere zu Beginn des kleinen Pfads durch den Wald nach Etzel.

Sprudelnde Wasser auf moos'gem Stein
Der Wanderweg von Jureten nach Egg führt durch ein kleineres Bachtobel. Der Bachlauf wird von einem stimmungsvollen Wäldlein mit viel Moos gesäumt. Beim Waldausgang über Egg steht eine Tafel des Bauernlehrpfades, eine Bank, ein grosser Wildrosenstrauch und mehrere Weissdornexemplare. Etwas weiter erheben sich in der Weide ein aufrecht wachsender Wacholder, Weissdorn- und Wildrosensträucher. Die Anhäufung von energieliebenden Essenzen weist auf den Kraftortcharakter hin. Diese Eigenschaft kommt im nächsten bewaldeten Bachtobel unmissverständlich zum Ausdruck. Über eine bemooste Steintreppe fliesst das klare Wasser des Sarenbachs in Richtung Sihl. Der Anblick ist bezaubernd, und die spürbare Ortskraft erstaunt quantitativ wie qualitativ in dieser zivilisationsnahen Lage. Die Ruhe und Dynamik der beseelten Bach- und Waldlandschaft verleihen diesem Juwel eine regenerierende und erheiternde Wirkung.
Hirzenstein und Roblosen sind geschützte Riedmoore. Unerwartet auf dieser Höhenlage ist die verbreitete Präsenz von Trollblumen. Deren Samen müssen nämlich wintersüber längere Zeit um den Gefrierpunkt bleiben, also unter einer geschlossenen Schneedecke liegen, um keimfähig zu werden. Daher gedeiht die Anzucht der im Volksmund Ankebälleli genannten, in goldgelben Kugeln blühenden Pflanze in der Ebene nicht so leicht. Die Region von Schwyz über Einsiedeln bis St. Gallen gehört zu den niederschlagreichsten der Schweiz. Der hier oben lang anhaltende Winter und die Alpennähe erklären die Präsenz der alpinen Blumen auf dieser tie-fen Lage.
Mit all den Bergen um den Ybrig und die Mythen stehen die Alpen tatsächlich unmittelbar im Hintergrund. Einsiedeln und der Etzel bilden das Verbindungsglied zwischen den niederen Lagen um das Zürichseebecken und die Höhenwelten der Alpen. Zwei unterschiedliche Lebensräume vermählen sich zu einer freundlich ausstrahlenden Übergangszone – eben einer Marcht, wie der politische Bezirk auch genannt wird.
Der Jakobsweg
Der Jakobsweg stellt ein Netz von Wanderrouten dar, das die Pilger von Nord-europa nach Spanien in die Stadt Santiago de Compostela führt. Insgesamt werden nicht weni-ger als 14 000 Kilometer Weg zu diesem Netz gezählt. 1987 erklärte der Europarat den Jakobs-weg als ersten europäischen Kulturweg. Der Legende nach hatte der Apostel Jakobus ver-sucht, das römische Spanien zum Christentum zu bekehren und wurde dafür im Jahre 44 durch Herodes in Jerusalem enthauptet. Seine Überreste wurden 614 zurück nach Spanien gebracht. Schon bald häuften sich die Berichte über ge-schehene Wunder und Heilungen um das Grab. Im 12. Jahrhundert stand Santiago in der Pilger-gunst schon in gleicher Hochachtung wie Rom und Jerusalem. Über Stock und Stein und bei jedem Wetter unterwegs, beanspruchte die nicht ungefährliche Reise damals etwa sechs Monate. Der Pilgerweg ist nach wie vor sehr beliebt. 2004 waren rund 150 000 Menschen offiziell als Pilger unterwegs, darunter sind auch Nichtkatholiken. Interessanterweise geht das religiöse Pilgern auch von der Annahme aus, dass bestimmte Orte eine grössere Kraft besitzen und einen unmittel-bareren Bezug zum Heiligen verleihen. Viele Kirchen, Klöster und Kapellen stehen bekanntlich auf älteren Ritualplätzen und Orten der Kraft, wie beispielsweise die Kirche St. Peter und Paul, die sich auf der nahen Insel Ufenau an der Stelle eines galloromanischen Tempels befindet.
Weitere Infos: www.jakobsweg.ch
Bilder: © René Berner
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