Ohne Leim

Andreas Krebs | Ausgabe 08 - 2010

Der Innerschweizer Schreiner Roger Lindauer verarbeitet fast ausschliesslich Mondholz aus der Region zu Massivholzmöbeln. Statt Leim, Metall oder Kunststoff verwendet er ausgeklügelte Holzverbindungen. Die Eingebungen schenkt ihm der Grosse Mythen.

Holz sei ein absolut genialer Werkstoff, sagt Lindauer. Er verwendet fast ausschliesslich Mondholz von Bauern aus der Region. Diese seien sehr offen dafür. «Sie kennen das von ihren Vätern und Grossvätern.» Zum Teil werde aber schier ein Glaube um das Mondholz gemacht, das gehe ihm zu weit, meint er, der für sein Mondholz keine höheren Preise verlangt. Zwar schafft, schwindet, quellt und reisst Mondholz laut dem naturverbundenen Schreiner etwas weniger als normal geschlagenes Holz. Der grösste Vorteil aber sei ein ökologischer: Mondholz müsse zur Lagerung nicht mit Chemikalien behandelt werden, da es resistenter gegen Pilze und Insekten sei. «Das ist für mich das Hauptargument für Mondholz.»

Für Massivholz im Allgemeinen spricht die schwer zu übertreffende Ökobilanz, insbesondere, wenn das Holz nicht chemisch behandelt und nicht verleimt wird. Dies ist jedoch selten der Fall. «Es gibt kaum ein Holzteil, das der Schreiner nicht verleimt», erklärt Lindauer. «Das lernt man in der Ausbildung so: Leim, Leim, Leim. Das hinterfragt man nicht. Das ist Schreinertradition.»

Lindauer hat es ausgerechnet: Eine durchschnittliche konventionelle Küche aus Spanplatten wiegt um die 700 Kilogramm; 56 davon sind Leim. «Das schenkt ein.» In der Schweiz werden pro Jahr 700 000 Tonnen Altholz entsorgt; 5400 Tonnen davon bleiben als Schlacke in der Kehrichtverbrennungsanlage zurück: Sondermüll, den man verhindern könnte, meint Lindauer. «Wenn wir Schreiner ohne Leim arbeiten würden, dann könnte man das Holz wieder in den natürlichen Kreislauf zurückführen.» Davon ist die Gilde heute weit entfernt. Ob Tisch, Tür, «Tabourettli» – selbst als ökologisch verkauftes Massivholz wird gemeinhin verleimt. «Das kann es doch nicht sein», sagt Lindauer.

Skeptische Kollegen

1995 hat er deshalb die ersten leimfreien Betten aus Massivholz hergestellt. Die verschiedenen Holzteile hat er mit einfachen Verbindungen ineinander gesteckt. Seither entwickelt er diese Technik ständig weiter. Eine der ausgeklügelten Konstruktionen hat Lindauer patentieren lassen.
«Das war eine Riesenprozedur.»

Die Holzverbindungen müssen extrem präzise sein. «Das geht nur mit einer computergesteuerten Fünf-Achs-Maschine», sagt Lindauer, «damit kann man gigantisch viel machen». Die Programmierarbeit sei zwar riesig – ein paar Hundert Stunden, um einen Tisch zu programmieren. Doch das sei ein Hobby von ihm. «Mit der heutigen Technologie und der nötigen Innovation sehe ich für die Umwelt ein ungeheures Potenzial – und die Kunden schätzen das.»

Bezahlbare Ökoküchen

Lindauer machte eine Weiterbildung zum Baubiologen. Endlich traf er Gleichgesinnte, Menschen, die ihn verstanden. Als Abschlussarbeit entwickelte Lindauer zusammen mit der Architektin Susanne Stamm eine ökologische und zugleich günstige Küche aus Massivholz. Das gehe nicht, hiess es in der Gilde. Zum Vergleich: Ein Quadratmeter Spanplatte kostet um die 10 Franken, Massivholz gut 200. «Eine Herausforderung», sagte sich Lindauer.

Schön und dauerhaft sollte die Ökoküche sein. Kurzlebige Modetrends haben die beiden ausgeklammert, das Design reduziert, Luxus vermieden, sich auf das Wesentliche konzentriert. So werden etwa die Korpusseiten nicht wie im konventionellen Küchenbau doppelt, sondern nur einfach ausgeführt. Für sämtliche Böden und Tablare verwenden sie anstelle von Massivholz günstiges Altglas. Das sorge für eine gewisse Transparenz und Leichtigkeit, sagt Lindauer.

Weitere Einsparungen erreichte Lindauer bei den Arbeitsgängen wie der Oberflächenbehandlung, der CNC-Bearbeitung und den Schleifarbeiten. Die Front der Ökoküche fertigt er aus einheimischem Mondphasenholz und sie ist komplett leimfrei hergestellt. Durch den hohen Massivholzanteil der Ökoküche könne er zusätzlich auch auf persönliche Bedürfnisse seiner Kundschaft eingehen, so Lindauer. «Jedes Holz wirkt anders auf den Menschen», ist er überzeugt.

Fotos: René Berner


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