Ohne Chef ins Bett
Der Zwang, ständig erreichbar zu sein, belastet immer mehr Arbeitnehmer. Deshalb werden die letzten Handylöcher im Alpenraum zum Geheimtipp all jener, die für einmal auf Handy, Blackburry und Laptop verzichten wollen.
St. Martin im Calfeisental ist einer der südlichsten Zipfel des Kantons St. Gallen und besteht heute aus einem Kirchlein und einer Gaststätte mit Möglichkeit zum Übernachten. Das über 1300 Meter hoch gelegene Bijou wurde im 14. Jahrhundert von Walsern besiedelt. Es war für die Menschen ein Wagnis gewesen, ins Unbekannte zu ziehen, ganz ohne Kontakt und Kommunikationsmöglichkeit. Heute zieht es wieder mehr Menschen in das enge Bergtal. Sie wandern zwar nicht wie die ersten Walser ins Unbekannte, aber von der Kommunikation ist man in St. Martin auch heute noch abgeschnitten. Es gibt weder Internet noch Handyempfang. Dem Chef entwischen, einfach mal ein paar Tage lang nicht erreichbar sein – hier wird der heimliche Traum wahr.
Surftipps
• Hotel Rosenlaui
• St. Martin und Cafeisental
• Tageswanderung Berner Oberland, Region Kiental
• Bundesamt für Landestopographie swisstopo
Der Chef im Rucksack
Der Zwang, ständig erreichbar sein zu müssen, entwickelt sich für immer mehr Arbeitnehmer zum Problem. Das bestätigt auch Barbara Gisi, Leiterin Angestelltenpolitik beim Kaufmännischen Verband Schweiz. «Immer mehr Vorgesetzte erwarten von ihren Mitarbeitern, selbst im Urlaub über Handy oder Mail den Kontakt zur Firma aufrecht zu erhalten.» Doch das ist trügerisch. «Jeder Mensch braucht Erholung. Wenn er sie nicht mehr hat, wird er erschöpft, überfordert und unkonzentriert. Ein solcher Angestellter ist dann für den Chef auch nicht mehr attraktiv», erklärt Gisi. Auch heute erkennen viele Gäste in St. Martin hier genau diese Qualität: Unerreichbar sein heisst, ohne Denkzwang frei zu sein, sich den kulinarischen Genüssen hingeben, die kulturellen Veranstaltungen geniessen und die gestalterischen Kräfte entfalten.
Handystrahlung – Forschung ohne klares Resultat
Hunderte von Studien belegen, dass Handystrahlung zumindest nicht schädlich ist. Doch eine von der «BioInitativ Working Group» durchgeführte Meta¬studie führte nun bei der Europäischen Umweltagentur zu einer Warnung. Die Analyse von 2000 Studien ergab einen breiten Fächer gesundheitlicher Probleme, die eine zu häufige Handynutzung begünstigen können. Dazu gehört häufigeres Kopfweh bei Kindern und Jugendlichen, die oft das Mobiltelefon nutzen und sogar der Verdacht einer erhöhten Krebsgefahr in der Nähe von Sendemasten oder von Embryonenschädigungen bei häufigem Handygebrauch von Schwangeren. Zudem können elektromagnetische Felder in Zellen zu Stress bis hin zu DNA-Schädigungen führen. Regelmässige Handynutzung wird auch verdächtigt, Demenz und Alzheimer zu begünstigen.
Regeln für die Freizeit
Jenen Arbeitnehmern, die tatsächlich erreichbar sein müssen, empfiehlt Barbara Gisi vom kaufmännischen Verband mit dem Arbeitgeber eine Regelung zu treffen. Wer am Wochenende oder in den Ferien erreichbar sein muss, sollte mit den Vorgesetzten einen bestimmten Zeitpunkt abmachen, wo dies möglich ist.» «Die Vorgesetzten sollten organisiert und strukturiert vorgehen und nicht während eines Wochenendes zehn SMS und fünf Mails an ihre Untergebenen senden. Sie sollten zurückhaltend sein und wirklich nur die notwendigen Fragen, die keinen Aufschub erlauben, besprechen.» Während es vor 20 Jahren einem Privileg gleichkam, über das Natel erreichbar zu sein, ist es heute umgekehrt. Privilegiert ist, wer es sich leisten kann, einige Stunden unerreichbar zu sein.
Lust auf handyfreie Zonen
Auch an anderen Orten wirken Handys störend. Mit technischen Massnahmen würden viele Kino- und Restaurantbesitzer gerne handyfreie Zonen erzwingen. Die Industrie hat deshalb einen neuen Markt entdeckt und bietet «Cellular Disabler», beziehungsweise Handyblocker an. Die Geräte senden auf den Nutzungsfrequenzen des Mobilfunks Signale aus, welche die Kommunikation der Handys der Umgebung stört. Es liegt in der Verantwortung der Nutzer selber, dem Handygebrauch Grenzen zu setzen – aber viele scheinen damit Mühe zu haben. Es kann gut sein, dass die sinnvolle Nutzung der Telekommunikationsmittel bald auf dem Stundenplan der Schulen landet oder im Knigge ein eigenes Kapitel erhält. Bis es jedoch soweit ist, bleibt nur die Flucht in strahlenfreie Zonen. Doch die wird immer schwieriger. Wer von Swisstopo die Landeskarte der Handyantennen anschaut, findet ausser im zentralen Alpenraum, dem Calfeisental, der Rosenlaui oder etwa der ebenfalls im Berner Oberland gelegenen Griesalp kaum mehr weisse Flächen.
Literatur
• Cross / Neumann«Die heimlichen Krankmacher», Verlag Pendo 2009,
Fr. 32.90
• Dickschus / Otto«Elektrosmog und Erdstrahlen», Konzept-Verlag 2009,
Fr. 31.50
Fotos: © Martin Arnold
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