Öko-Lisa:
Zum An- und Abbeissen

Nicole Amrein | Ausgabe 8 - 2009

Um die Grillsaison macht auch eine Öko-Lisa keinen Bogen – erst recht nicht, seit es die Renzo-Blumenthal-Bio-Grillwurst gibt.

Was für eine Grillsaison! Egal, wie das Wetter noch wird: Dies ist der heisseste Sommer über­haupt! Einst werden wir unseren Ur-En­keln erzählen können, dass wir Zeitzeugen des schweizerischen Wurstgipfels waren, in der vollen Blüte unseres irdischen Daseins erleben durften, wie sich die helvetische Cervelat-Prominenz selbst durch den Fleischwolf drehte.

Da denkt man immer, das Ende der Wurst sei erreicht, vergisst dabei aber, dass sie stets zwei Zipfel hat, Fleisch geworden durch Renzo Blumenthal, Mister Schweiz 2005. Die Bündner Reinkarnation des Schwiegermuttertraums («Ich denke, dass ich vieles richtig gemacht habe in meinem Leben») hat doch tatsächlich eine eigene Grillwurst (250 Gramm, mit Bio-Bergkäse durchsetzt) auf den Markt gebracht – und damit den Status der Schweiz als attrakti­ves Klöpferland aufs Eindrücklichste un­termauert.

Tote Würste leben länger

Darüber hinaus hat er dies zu einem Zeit­punkt getan, wo unsere Nationalwurst, die Cervelat, eigentlich längst tot sein sollte. Sie erinnern sich? An das Einfuhrverbot der EU für Rinderdärme aus Brasilien? Dass wir auch drei Jahre danach immer noch ein Volk fröhlich Grillender sind, verdanken wir den Kühen aus Uruguay und Argentinien, die uns seither freundli­cherweise ihre Verdauungsorgane zu Re­cyclingzwecken überlassen. Diese Därme sind zwar nicht so zart wie die der brasili­anischen Zebu-Rinder und auch zieht sich die Cervelathaut beim Braten nicht mehr so schön zusammen – doch um auf dem Holzkohlengrill zu verkohlen, reichen sie allemal aus.

Natürlich wäre ein Gasgrill grundsätz­lich gesünder, jedoch definitiv nicht für meinen dritten Lendenwirbel, der jetzt noch schmerzvoll aufheult, wenn er an die Elf-Kilogramm-Gasflasche zurückdenkt, die es jeweils zum Saisonauftakt auf den Balkon hoch zu schleppen galt. Das war notabene, bevor ich mir diesen kugeligen Elektrogrill zugelegt habe, dessen meter­langes Stromkabel mich wiederholt zu Fall brachte. Doch auch ohne entzündeten Schleimbeutel im rechten Knie: Wer mag denn schon an einem lauen Sommerabend auf den typischen Grillgeschmack verzich­ten? Und wen, bitte schön, kümmern die krebserregenden polyzyklischen Kohlen­wasserstoffe, wenn die dunkle Kruste zum herzhaften Reinbeissen lockt? Diese ent­stehen übrigens, wenn Fett in die Glut tropft und verdampft.

Dagegen hilft, ein Gerät mit senkrech­tem Rost zu verwenden, sagt Hans-­Joachim Fuchs. Oder aber, Sie legen vor dem Einfüllen der Kohle den Grill mit hitze beständiger Backfolie aus, stechen diese mehrmals mit einer Gabel durch, ­damit der Sauerstoff zirkulieren kann. Zum Einfeuern lassen Sie den Haartrock­ner genauso im Badezimmer liegen, wie die Kaminanzünder auf dem Ofensims ­neben dem gerahmten Hochzeitsfoto ­stehen. Die beste Anzündhilfe überhaupt ist – laut Fuchs – ein profaner Eierkarton.

Kurzes Grillmeisterleben

Nun fragen Sie sich vielleicht, wer denn zum Wurster dieser Fuchs ist. Viel mehr war er, nämlich Grillweltmeister 2002 (in der Disziplin «Schweinegericht mit Mais-Bei­lage») sowie Gründer der ersten Deut­schen Grill- und Barbecue-Schule. Dass der gebürtige Ostdeutsche im letzten Dezem­ber mit nur 62 Jahren völlig überraschend verstarb, könnte mit seinem erhöh­ten Konsum an Grillgut zu tun haben, doch entbehrt diese Vermutung jeglicher ernährungswissenschaftlicher Grundlage.

Denn: Grillen ist nicht a priori ungesund – sofern mageres Fleisch verwendet wird, das mit möglichst wenig Fett für möglichst kurze Zeit auf den Rost kommt, sodass die mineralreichen Fleischsäfte und Vitamine nährstoffschonend eingeschlossen werden können. Im Klartext und zum Mitschreiben: Finger weg von rotem Fleisch, hin zu glück­lichen Freilandhühnern, Fisch und Fleischersatz. Und immer schön warten, bis die Glut genügend heiss – also weiss – ist. Beim Marinieren darf, ausser beim Öl,  ruhig geklotzt werden. Senf zum Bei­spiel  fördert die Fettverdauung, Majoran gilt als magenstärkend, Kurkuma lindert Reizmagenbeschwerden und Kümmel hilft bei Blähungen.

Ob auch der wurstende Ex-Mister Schweiz zeitweilig unter störenden Win­den leidet, ist bislang nicht medial bekannt geworden. Hingegen gilt als gesichert, dass nach Renzo-Bier, Renzo-Alpkäse und Renzo-Nusstorte die Renzo-Grill­wurst noch nicht der letzte Coup des zum An­beissen schönen Bio-Bauern war: eine eigene Modelinie ist bereits in Planung. Sexy Bikini-Höschen aus den Bündner Bergen? Gut möglich, dass der nächste Grill-Sommer noch viel heisser wird.

Die Autorin
Geboren 1970 in Bern, arbeitet Nicole Amrein als freie Journalistin und Romanautorin. Nach ihrer Tätigkeit als News-Moderatorin bei einem Schweizer Fernsehsender war sie unter anderem Redaktionsleiterin verschiedener Frauenzeitschriften sowie Autorin bei einem Gastromagazin.
Mehr Informationen unter www.nicoleamrein.ch

Illustration: © Manuela Lanfranconi

Tags (Stichworte): CervelatGrillGrillenWürste

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