Oasen der Industrie
Die Stiftung Natur und Wirtschaft fördert Naturparks auf Industriearealen. Über 250 Firmen sind bereits zertifiziert und teilen ihr Areal mit Kreuzkröten, Flussregenpfeifern und Schwarzdorn.
Was plätschert da vorne im Wasser? Ein Frosch, ein Fisch oder etwa eine der Schildkröten, die hier in den beiden Biotopen der Firma Ditzler
in Möhlin AG ein neues Zuhause gefunden haben? Hinter einer hohen Hecke auf dem Firmenareal dieses Lebensmittelbetriebes verbirgt sich eine Naturoase, die man in diesem Industriegebiet nicht erwarten würde. Auf einer Fläche von über 14000 Quadratmetern entstand hier bereits 1977 ein Naturpark mit Biotopen, Bäumen, Hecken, Kieswegen und Sitzbänken. Beim Eingang zum Naturpark befindet sich ein Gewächshaus, wo Orchideen – eine Leidenschaft des Firmeninhabers – gezüchtet werden.
Hinter dem nahe gelegenen Tiefkühlhaus wurden Obst- und später auch Nussbäume angepflanzt. «Als naturverbundener Betrieb pflegen wir diese grüne Lunge auf unserem Areal bewusst, auch wenn der Arbeitsaufwand dafür erheblich ist», erklärt Betriebsleiter Jürg Brändli.
Industrie überflügelt öffentliche Parks
Ditzler wurde vor sechs Jahren mit dem Qualitätslabel «Naturpark» der Stiftung Natur und Wirtschaft zertifiziert. Ziel und Zweck dieser Stiftung ist es, einen Zehntel – sprich 2500 Hektaren – aller Schweizer Firmenareale naturnah zu gestalten. Die Initialzündung für dieses aussergewöhnliche Projekt geht auf das Europäische Naturschutzjahr 1995 zurück. Dahinter steht die Idee, bestehende Industrieflächen und Gewerbeareale für den Naturschutz zu nutzen.
Mit 250 Quadratkilometern ist die Fläche der Firmenareale, die sich für eine naturnahe Gestaltung eignen, grösser als sämtliche öffentlichen Grünanlagen in der Schweiz. Aus dieser Idee heraus entstand 1996 die Stiftung Natur und Wirtschaft. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) gehört zur Trägerschaft. Zudem beteiligen sich der Fachverband der Schweizerischen Kies- und Betonindustrie (FSKB) sowie der Verband der Schweizerischen Gasindustrie (VSG) und die Migros an der Stiftung.
Unter der Leitung von Geschäftsführer Reto Locher in Luzern werden Firmen gesucht, deren Areale naturnah aufgewertet werden können. «70 Prozent aller Betriebe in der Schweiz können ihr Gelände naturgerecht umgestalten, 30 Prozent haben diese Möglichkeit nicht, weil ihr Areal derart eingepfercht ist, dass kein Platz für Grünflächen besteht», berichtet der Biologe. Das Qualitätslabel «Naturpark der Wirtschaft» wird erst nach sorgfältiger Überprüfung der Anträge und im engen Dialog mit den Firmen vergeben.
Es gibt noch viel zu tun
«Naturanlagen in Industriearealen sind zu begrüssen», findet Kurt Eichenberger, Projektleiter Biodiversität Alpen bei WWF Schweiz. Als sehr wichtig wertet er die Signalwirkung für Belegschaft und Öffentlichkeit. Zudem spricht der Vertreter des WWF von einer Trendumkehr: weg von sterilen, geometrisch angelegten Arealen hin zu natürlicheren Anlagen. «Unternehmen könnten hier noch viel mehr tun. Wichtig wären hier auch politische Instrumente, die Firmen verpflichten, bei Neubauten Kompensationsmassnahmen für die verbaute Natur zu ergreifen.» Naturnah gestaltete Flächen im Siedlungsraum können laut Roland Schuler von Pro Natura einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt leisten. In biologischer und ästhetischer Hinsicht jedoch lässt sich durch solche Flächen die freie Landschaft mit ihrer ganzen Vielfalt nicht ersetzen. «Die Vernetzung von Lebensräumen in der freien Natur fehlt bei Industrie-Naturflächen oder anderen naturnahen Flächen im Siedlungsraum. Trotzdem: Was die Wirtschaft vormacht, könnte als Modell für Wohnsiedlungen oder öffentliche Flächen dienen.»
Weitere Infos: Stiftung Natur und Wirtschaft, Telefen 041 249 40 00, www.naturundwirtschaft.ch
Ein Bijou mitten in Zürich
Möchte ein Betrieb mit dem Zertifikat ausgezeichnet werden, muss er bestimmte Bedingungen erfüllen. Als Hauptkriterium gilt folgende: «Mindestens 30 Prozent des Gebäudeumschwungs (inkl. Flachdächer) sind naturnah zu gestalten.»
Das bedeutet unter anderem, Blumenwiesen statt Rasen, einheimische und standortgerechte Pflanzen, durchlässige Bodenbeläge statt Asphalt, begrünte Flachdächer, Feuchtbiotope wie Weiher und Bäche.
Einer der kleinsten, aber feinsten Naturparks liegt mitten in der Stadt Zürich und ist bloss 300 Quadratmeter gross. Die Landschaftsarchitekten Kienast, Vogt und Partner legten für die Ingenieurfirma Ernst Basler und Partner an der Mühlebachstrasse einen Hain aus 15 Linden an. Der Vorgarten besticht durch eine raffinierte Regenwasser-Versickerungsanlage. Der zurzeit grösste Naturpark der Schweizer Wirtschaft umfasst 500000 Quadratmeter Wiesen, Wälder, Feuchtbiotope und Bäche. Die Oase befindet sich auf dem Gelände der Firma Ruag Munition in Altdorf UR.
Der Weg von der Idee bis zur Zertifizierung dauert ungefähr zwei Jahre. Typische Elemente im Industrie- und Gewerbegebiet können oft mit geringem Aufwand zu ökologisch wertvollen Lebensräumen aufgewertet werden. «Besonders die schweizerische Sand- und Kiesbranche hat Lebensräume für gefährdete Tiere und Pflanzen geschaffen, ohne dass der Betrieb darunter leidet», sagt Reto Locher. Kein Wunder, befindet sich ein Fünftel der zertifizierten Naturparks in Kiesgruben mit ökologischer Begleitplanung – so zum Beispiel in der ehemaligen Tongrube in Liesberg BL, die als Naturpark von nationaler Bedeutung gilt. Hier leben nun Kreuzkröten und Laubfrösche, Nachtigallen und Flussregenpfeifer.
Naturparks machen glückliche Mitarbeiter
Von Naturparks auf Firmengeländen profitieren neben der Natur auch das Image des Unternehmens sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. «Befragungen haben gezeigt, dass die Zufriedenheit in Firmen mit Naturparks gestiegen ist. Die Angestellten verbringen ihre Pausen im Grünen und erholen sich von der Arbeit», erklärt Locher. Zusammen mit Hochschulinstituten hat die Stiftung Studien über den konkreten Nutzen für den Naturschutz, die Angestellten und über allfällige Kostenersparnisse durchgeführt. Eine dieser Studien zeigt, dass in einem einzigen Naturpark – bei der Ciba im aargauischen Kaisten – mehr als 900 Tier- und Pflanzenarten vorkommen.
Rund 250 Firmen haben bis heute auf ihrem Areal Naturparks eingerichtet und erhielten von der Stiftung das Qualitätslabel. Dadurch entstanden insgesamt über 14 Millionen Quadratmeter Naturflächen. Besonders in der Nordwestschweiz und im Mittelland findet sich der Grossteil der neuen Naturparks. Stark vertreten sind Kieswerke, gefolgt von Kläranlagen und Chemiebetrieben – jene Firmen also, die in Sachen Umweltschutz Imagepflege nötig haben. Vermehrt schliessen sich ebenso Kliniken sowie Banken und Versicherungen der Naturpark-Idee an. Künftig sollen auch Grossverteiler und Hotels für die Idee gewonnen werden.
Zurzeit steht Reto Locher im Gespräch mit verschiedenen Firmen, die mit einem Naturpark liebäugeln. So etwa die ETH Zürich oder weitere Migros-Betriebe. Die Chancen, das ambitiöse Ziel mit 2500 Hektaren naturnahen Firmenflächen zu erreichen, stehen gut.
Bilder: © Stiftung Natur und Wirtschaft
Kommentare