Nieder mit dem Mieder

Susanne Strässle | Ausgabe 6 - 2009

Naturheilkuren, Wanderlust und Fleischverzicht – vieles, was die Lebensreformbewegung um 1900 forderte, ist heute selbstverständlich. Aber nicht alles. Nacktwandern zum Beispiel.

Natürlich statt sündhaft sollte Nacktheit sein.

Die Appenzellerinnen und Appen­zeller haben an der Landsgemeinde Ende April be­schlossen, dass kein Wanderer bloss mit Rucksack und Schuhen bekleidet ungestraft durch den Alpstein marschieren soll. Die Stimmenden waren sich vielleicht nicht bewusst, dass sie damit eine Tradition verbannten, die bereits über 100 Jahre alt ist – und der Gesell­schaft nur Gutes wollte.

Nacktbaden und Ausdruckstanz, Re­formhaus und Vegi-Restaurant, Wander­vereine und Gartenstädte, Vollkornkost und Impfgegnertum, all diese aktuellen Erscheinungen entspringen der Lebens­reformbewegung, die um 1900 die Um­wälzungen der anbrechenden Moderne begleitete. Es war eine Protestbewegung gegen eine Zeit, die ungesund, körper­feindlich und nervenaufreibend war.

Surftipps
Organisation Naturiste Suisse
Deutscher Verband für FreiKörperKultur
Lexikon der Geschichte der Lebensreform in der Schweiz
www.nacktwandern.org

Die nervöse Gesellschaft

Deutschland erlebte damals eine rasante Industrialisierung und Verstädterung. Man spricht vom «nervösen Zeitalter», da Sinn­überreizung, Arbeitsstress und Verkehr die Menschen an ihre Grenzen brachten. Die Nervenkrankheit Neurasthenie wurde zu einem gesellschaftlichen Phänomen wie heute das Burnout. Die Arbeits- und Wohnverhältnisse waren prekär. «Wo die Sonne nicht hinkommt, kommt der Arzt hin! Oder der Tod», sagte der Volksmund. Asphaltwüste, Moloch und Hure Babylon nannten die Menschen die ausufernden Städte, in denen es statt Erholung höchs­tens noch Abwechslung gab. Alte Werte und Lebensgewohnheiten büssten ihre Gültigkeit ein, ohne dass etwas die geistige und kulturelle Leerstelle auszufüllen ver­mochte.

Die Lebensreform war eine Heilslehre gegen den Schrecken der Moderne und war dabei durchaus selber modern. Kul­turpessimistisch zwar, aber gleichzeitig zukunftsorientiert und kreativ, forderte die neue Körperreligion die Umkehr zum selbst bestimmten – der Natur des Menschen entsprechenden – Leben.

Die Lebensreform war ein weit ver­zweigtes Geflecht unterschiedlichster sozia ler Bewegungen, die sich von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg erstreckten und in der Zwischenkriegszeit nochmals aufblüh­ten. Zu ihrem Kern zählten die Naturheil­kunde, der Vegetarismus und die Nackt­kulturbewegung. Initiativen wie die Siedlungs- und Bodenreform, die Garten­stadt- und Antialkoholbewegung, die Wohn- und Kleiderreform gehörten eben­falls dazu. Sie alle strebten über die Selbstreform am Körper des Einzelnen nichts weniger als eine Erneuerung der ganzen Gesellschaft an.

Die Freikörperkultur wollte durch Lichtluftbäder, Schwimmen und Nackt­gymnastik den Zivilisationsmenschen aus den Fesseln enger Kleidung und prüder Sexualmoral befreien, um ihn an Leib und Seele gesunden zu lassen. Natürlich statt sündhaft sollte Nacktheit sein. Das mün­dete auch in eine Reform der Erziehung und in die populäre Wandervogelbewe­gung mit ihren Liedern und Lagerfeuer­romantik, die die Jugend «aus grauer Städte Mauern» aufs Land hinaus lockte. Die Naturheilkunde setzte ebenfalls auf Sonne, Luft und Wasser als «arzneilose Medizin». Das Vertrauen in die natürli­chen Selbstheilkräfte sollte es dem Einzel­nen ermöglichen, Krankheit unabhängig von der immer analytischer und unpersön­licher werdenden Schulmedizin zu über­winden. Selbst der Vegetarismus strebte eine «Pflege edlen, wahren Menschtums» an, die weit über den blossen Fleischver­zicht hinausging.

Die Lebensreform war vom Gedanken beseelt, dass jeder es selbst in der Hand hat, sich zu reformieren. Daraus liess sich aber auch folgern, dass Krankheit und Deka­denz selbst verschuldet sind. Selbst­pflege wurde zur moralischen Pflicht, denn es ging letztlich nicht nur um den indivi­duellen, sondern um den «Volkskörper». Die Sorge um den Niedergang der Gesell­schaft bereitete auch einigen völkisch-ras­sistischen Strömungen Bahn. Da war zum Beispiel Nacktpionier Richard Ungewit­ter, der schon 1910 durch das Mittel der «nackten Gattenwahl» vermeiden wollte, dass «schwaches Leben» sich fortpflanzt. Er forderte gar die Auspeitschung von Frauen, die sich weiterhin in Korsette schnürten, weil sie ihrer Gebärfähigkeit und somit dem Volk schadeten. Solches Gedankengut war ein Keimboden für national sozialistische Ideologien. Viele Initia­tiven der Lebensreform waren aber humane Bewegungen, die von den Nazis entweder pervertiert oder brutal unter­drückt wurden.

In der Schweiz wurde der Monte Verità in Ascona zu einem Leuchtturm der Le­bensreform. Hierzulande konnte sie sich auch während des Krieges weiterent­wickeln. Aber mit den Problemen, die sie ursprünglich bekämpfte, nahm auch ihr Elan ab. Die Moderne hatte ihren Schre­cken verloren. Die Hippiebewegung hat später das Ideal vom natürlichen Leben wieder aufgegriffen und lässt sich doch nur ansatzweise mit der Lebensreform vergleichen, die alles andere als sexuelle Freizügigkeit und Laissez-faire anstrebte.

Befreit und doch gehemmt

Heute leben wir ohne Korsagen, unsere Städte haben Grünzonen und Schwimmbä­der und der sogenannte Lohas, der Lifestyle of Health and Sustainability, ist auf dem Vormarsch. Nie­mand würde heute verschämt verschweigen, dass er kein Fleisch isst oder zum Joggen geht. Anders ist das für viele Naturisten. Alice Haller, Präsidentin der Organisation von Naturisten in der Schweiz (ONS), die bis 1927 zurückreicht und 5000 Mitglieder zählt, sagt, der Naturismus werde von vielen Leuten noch  immer als etwas Unanständi­ges angesehen. Die meisten Naturisten wür­den daher kaum jemandem von ihren Akti­vitäten erzählen.

«Viele befürchten negative oder ab­schätzige Reaktionen», glaubt auch Kurt ­Fischer, Präsident des traditionsreichen Deutschen Verbandes für Freikörperkultur (DFK), der 150 Vereine mit rund 40000 Mitgliedern vereint. Naturisten unterschei­den sich nach wie vor von den einfach Nackten, wie er erklärt: «Naturismus ist eine Lebensform zur Pflege des Körpers und der Seele in Harmonie mit der Natur.» Für Haller hat der Naturismus einen Auf­trag: «Wir wollen der Gesellschaft das natürli­che Leben wieder näher bringen.»

Wenn man bedenkt, wie gross vor 100 Jahren der Schritt vom hoch geschlossenen Kleid zum nackten Körper war, könnte man meinen, dass es die Naturisten heute leicht hätten. Dem ist nicht so. «Ich habe manchmal das Gefühl, die Leute haben noch immer ein Problem mit ihrem Kör­per», so Haller. Die sexualisierte Freizügig­keit schätzen die Naturisten nicht. «Des­halb lehnen wir den Begriff FKK ab», sagt sie. Der werde im Internet zu pornografi­schen Zwecken missbraucht. Es stört sie, dass billige Erotik gesellschaftlich toleriert wird, natürliche Nacktheit dagegen nicht.

Der deutsche Verband wurde nach dem Krieg als Sport- und Freizeitverband neu gegründet, frei vom lebensreformerischen Gedankengut seiner Vorgänger. Auf dem Gelände «Die Neue Zeit», das die Naturis­ten der ONS seit über 80 Jahren in Thielle am Neuenburgersee aufsuchen, hat sich dagegen die Reformphilosophie auf ein­malige Weise bewahrt. Alkohol, Tabak und Fleischkonsum sind tabu, wie Alice Haller erklärt: «Wir leben so schlicht wie möglich. Auf dem Campingplatz gibt es auf den Parzellen weder Strom- noch Wasser­anschlüsse.» Dahinter stehen der Umwelt­schutzgedanke und der Wunsch nach Natur­nähe. Puritanisch lebt man dennoch nicht. Man praktiziert Naturisten-Sport­arten wie Schwimmen, Pétanque, Tisch­tennis und Volleyball. Und am ökumenischen Gottesdienst predigt auch der Pfarrer so, wie Gott ihn geschaffen hat.

Nackte Regierung

Heute sind die Pioniere in die Jahre ge­kommen. Kurt Fischer ist aber überzeugt, dass der organisierte Naturismus wieder Mitglieder gewinnen wird: «In Krisen­zeiten haben Vereine Zulauf. Hier kann man Gemeinschaft, Zusammenhalt und das Gefühl einer intakten Welt erle­ben. Für den Naturismus gilt das ganz besonders.» Haller stimmt optimistisch, dass viele junge Familien auf dem Gelände anzutreffen sind. «Unsere Philosophie ist heute top­modern», sagt sie.

Doch nicht alle Naturisten wollen sich mit Vereinsgeländen zufrieden geben. Blickt man in die Medien und glaubt dem «Nacktaktivbuch», ist die nackte Horizont­erweiterung im Trend – ob beim Wandern, Joggen, Velofahren oder Fensterputzen. Fischer steht dem als Vertreter des organi­sierten Naturismus kritisch gegenüber: «Wir praktizieren Nacktheit nur, wenn es niemanden stört. In Online-Foren zu Nacktheit vertreten manche Leute sehr egoistische Vorstellungen. Sie verspotten anders Denkende und wollen nackt sein, wo und wann immer sie möchten.» In den Vereinen sind gerade Respekt und Rück­sichtnahme zentrale Werte. Ohne Ver­trauen ginge es nicht, sagt Haller. 

Dennoch bedauert sie, dass ausgerech­net aus dem Appenzell, dem Paradies für Barfussläufer, ein restriktives Nackt­wanderverbot kommt: «Die Leute werden nun mit Argusaugen schauen, ob nicht ir­gendwo so ein Säuniggel sei. Selbst das er­frischende, textilfreie Bad im Bergsee wird mit 200 Franken gebüsst, dabei gibt es nichts Schöneres und Natürlicheres.» Pro­vokation schätzt sie aber nicht. «Nackt­wanderer sollten nur in abgelegenen Ge­bieten im Naturistenkleid gehen», sagt sie. «Ferner hüllt man sich, wie in Naturisten­kreisen üblich, in ein grosses Tuch, wenn sich jemand nähert.» Fischer rät, die Sache klarer zu regeln: «Warum nicht eine feste Strecke ausweisen?» In Österreich gibt es bereits Nacktwanderwege, im deut­schen Harz ist einer in Planung.

Das textilfreie Erlebnis, so sagen beide, sei wunderbar befreiend und entspannend. Man müsse es selber erleben. Alice Haller hat denn im Namen der ONS die Vertre­ter der Appenzeller Regierung auch herz­lich eingeladen, sich selber ein Bild von der 100-jährigen Nacktkultur zu machen – als Ehrengäste auf dem ältesten Naturis­tengelände der Schweiz.

Literatur
Anita Gramer, Wolfgang Gramer: «1, 2, Frei! Das Nacktaktivbuch»,
mym-Verlag 2005, Fr. 29.50
Andreas Schwab: «Monte Verità – ­Sanatorium der Sehnsucht»,
Orell Füssli 2003, Fr. 49.–

Foto: Collector/Voller Ernst


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