Nieder mit dem Mieder
Naturheilkuren, Wanderlust und Fleischverzicht – vieles, was die Lebensreformbewegung um 1900 forderte, ist heute selbstverständlich. Aber nicht alles. Nacktwandern zum Beispiel.

Natürlich statt sündhaft sollte Nacktheit sein.
Die Appenzellerinnen und Appenzeller haben an der Landsgemeinde Ende April beschlossen, dass kein Wanderer bloss mit Rucksack und Schuhen bekleidet ungestraft durch den Alpstein marschieren soll. Die Stimmenden waren sich vielleicht nicht bewusst, dass sie damit eine Tradition verbannten, die bereits über 100 Jahre alt ist – und der Gesellschaft nur Gutes wollte.
Nacktbaden und Ausdruckstanz, Reformhaus und Vegi-Restaurant, Wandervereine und Gartenstädte, Vollkornkost und Impfgegnertum, all diese aktuellen Erscheinungen entspringen der Lebensreformbewegung, die um 1900 die Umwälzungen der anbrechenden Moderne begleitete. Es war eine Protestbewegung gegen eine Zeit, die ungesund, körperfeindlich und nervenaufreibend war.
Surftipps
• Organisation Naturiste Suisse
• Deutscher Verband für FreiKörperKultur
• Lexikon der Geschichte der Lebensreform in der Schweiz
• www.nacktwandern.org
Die nervöse Gesellschaft
Deutschland erlebte damals eine rasante Industrialisierung und Verstädterung. Man spricht vom «nervösen Zeitalter», da Sinnüberreizung, Arbeitsstress und Verkehr die Menschen an ihre Grenzen brachten. Die Nervenkrankheit Neurasthenie wurde zu einem gesellschaftlichen Phänomen wie heute das Burnout. Die Arbeits- und Wohnverhältnisse waren prekär. «Wo die Sonne nicht hinkommt, kommt der Arzt hin! Oder der Tod», sagte der Volksmund. Asphaltwüste, Moloch und Hure Babylon nannten die Menschen die ausufernden Städte, in denen es statt Erholung höchstens noch Abwechslung gab. Alte Werte und Lebensgewohnheiten büssten ihre Gültigkeit ein, ohne dass etwas die geistige und kulturelle Leerstelle auszufüllen vermochte.
Die Lebensreform war eine Heilslehre gegen den Schrecken der Moderne und war dabei durchaus selber modern. Kulturpessimistisch zwar, aber gleichzeitig zukunftsorientiert und kreativ, forderte die neue Körperreligion die Umkehr zum selbst bestimmten – der Natur des Menschen entsprechenden – Leben.
Die Lebensreform war ein weit verzweigtes Geflecht unterschiedlichster sozia ler Bewegungen, die sich von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg erstreckten und in der Zwischenkriegszeit nochmals aufblühten. Zu ihrem Kern zählten die Naturheilkunde, der Vegetarismus und die Nacktkulturbewegung. Initiativen wie die Siedlungs- und Bodenreform, die Gartenstadt- und Antialkoholbewegung, die Wohn- und Kleiderreform gehörten ebenfalls dazu. Sie alle strebten über die Selbstreform am Körper des Einzelnen nichts weniger als eine Erneuerung der ganzen Gesellschaft an.
Die Freikörperkultur wollte durch Lichtluftbäder, Schwimmen und Nacktgymnastik den Zivilisationsmenschen aus den Fesseln enger Kleidung und prüder Sexualmoral befreien, um ihn an Leib und Seele gesunden zu lassen. Natürlich statt sündhaft sollte Nacktheit sein. Das mündete auch in eine Reform der Erziehung und in die populäre Wandervogelbewegung mit ihren Liedern und Lagerfeuerromantik, die die Jugend «aus grauer Städte Mauern» aufs Land hinaus lockte. Die Naturheilkunde setzte ebenfalls auf Sonne, Luft und Wasser als «arzneilose Medizin». Das Vertrauen in die natürlichen Selbstheilkräfte sollte es dem Einzelnen ermöglichen, Krankheit unabhängig von der immer analytischer und unpersönlicher werdenden Schulmedizin zu überwinden. Selbst der Vegetarismus strebte eine «Pflege edlen, wahren Menschtums» an, die weit über den blossen Fleischverzicht hinausging.
Die Lebensreform war vom Gedanken beseelt, dass jeder es selbst in der Hand hat, sich zu reformieren. Daraus liess sich aber auch folgern, dass Krankheit und Dekadenz selbst verschuldet sind. Selbstpflege wurde zur moralischen Pflicht, denn es ging letztlich nicht nur um den individuellen, sondern um den «Volkskörper». Die Sorge um den Niedergang der Gesellschaft bereitete auch einigen völkisch-rassistischen Strömungen Bahn. Da war zum Beispiel Nacktpionier Richard Ungewitter, der schon 1910 durch das Mittel der «nackten Gattenwahl» vermeiden wollte, dass «schwaches Leben» sich fortpflanzt. Er forderte gar die Auspeitschung von Frauen, die sich weiterhin in Korsette schnürten, weil sie ihrer Gebärfähigkeit und somit dem Volk schadeten. Solches Gedankengut war ein Keimboden für national sozialistische Ideologien. Viele Initiativen der Lebensreform waren aber humane Bewegungen, die von den Nazis entweder pervertiert oder brutal unterdrückt wurden.
In der Schweiz wurde der Monte Verità in Ascona zu einem Leuchtturm der Lebensreform. Hierzulande konnte sie sich auch während des Krieges weiterentwickeln. Aber mit den Problemen, die sie ursprünglich bekämpfte, nahm auch ihr Elan ab. Die Moderne hatte ihren Schrecken verloren. Die Hippiebewegung hat später das Ideal vom natürlichen Leben wieder aufgegriffen und lässt sich doch nur ansatzweise mit der Lebensreform vergleichen, die alles andere als sexuelle Freizügigkeit und Laissez-faire anstrebte.
Befreit und doch gehemmt
Heute leben wir ohne Korsagen, unsere Städte haben Grünzonen und Schwimmbäder und der sogenannte Lohas, der Lifestyle of Health and Sustainability, ist auf dem Vormarsch. Niemand würde heute verschämt verschweigen, dass er kein Fleisch isst oder zum Joggen geht. Anders ist das für viele Naturisten. Alice Haller, Präsidentin der Organisation von Naturisten in der Schweiz (ONS), die bis 1927 zurückreicht und 5000 Mitglieder zählt, sagt, der Naturismus werde von vielen Leuten noch immer als etwas Unanständiges angesehen. Die meisten Naturisten würden daher kaum jemandem von ihren Aktivitäten erzählen.
«Viele befürchten negative oder abschätzige Reaktionen», glaubt auch Kurt Fischer, Präsident des traditionsreichen Deutschen Verbandes für Freikörperkultur (DFK), der 150 Vereine mit rund 40000 Mitgliedern vereint. Naturisten unterscheiden sich nach wie vor von den einfach Nackten, wie er erklärt: «Naturismus ist eine Lebensform zur Pflege des Körpers und der Seele in Harmonie mit der Natur.» Für Haller hat der Naturismus einen Auftrag: «Wir wollen der Gesellschaft das natürliche Leben wieder näher bringen.»
Wenn man bedenkt, wie gross vor 100 Jahren der Schritt vom hoch geschlossenen Kleid zum nackten Körper war, könnte man meinen, dass es die Naturisten heute leicht hätten. Dem ist nicht so. «Ich habe manchmal das Gefühl, die Leute haben noch immer ein Problem mit ihrem Körper», so Haller. Die sexualisierte Freizügigkeit schätzen die Naturisten nicht. «Deshalb lehnen wir den Begriff FKK ab», sagt sie. Der werde im Internet zu pornografischen Zwecken missbraucht. Es stört sie, dass billige Erotik gesellschaftlich toleriert wird, natürliche Nacktheit dagegen nicht.
Der deutsche Verband wurde nach dem Krieg als Sport- und Freizeitverband neu gegründet, frei vom lebensreformerischen Gedankengut seiner Vorgänger. Auf dem Gelände «Die Neue Zeit», das die Naturisten der ONS seit über 80 Jahren in Thielle am Neuenburgersee aufsuchen, hat sich dagegen die Reformphilosophie auf einmalige Weise bewahrt. Alkohol, Tabak und Fleischkonsum sind tabu, wie Alice Haller erklärt: «Wir leben so schlicht wie möglich. Auf dem Campingplatz gibt es auf den Parzellen weder Strom- noch Wasseranschlüsse.» Dahinter stehen der Umweltschutzgedanke und der Wunsch nach Naturnähe. Puritanisch lebt man dennoch nicht. Man praktiziert Naturisten-Sportarten wie Schwimmen, Pétanque, Tischtennis und Volleyball. Und am ökumenischen Gottesdienst predigt auch der Pfarrer so, wie Gott ihn geschaffen hat.
Nackte Regierung
Heute sind die Pioniere in die Jahre gekommen. Kurt Fischer ist aber überzeugt, dass der organisierte Naturismus wieder Mitglieder gewinnen wird: «In Krisenzeiten haben Vereine Zulauf. Hier kann man Gemeinschaft, Zusammenhalt und das Gefühl einer intakten Welt erleben. Für den Naturismus gilt das ganz besonders.» Haller stimmt optimistisch, dass viele junge Familien auf dem Gelände anzutreffen sind. «Unsere Philosophie ist heute topmodern», sagt sie.
Doch nicht alle Naturisten wollen sich mit Vereinsgeländen zufrieden geben. Blickt man in die Medien und glaubt dem «Nacktaktivbuch», ist die nackte Horizonterweiterung im Trend – ob beim Wandern, Joggen, Velofahren oder Fensterputzen. Fischer steht dem als Vertreter des organisierten Naturismus kritisch gegenüber: «Wir praktizieren Nacktheit nur, wenn es niemanden stört. In Online-Foren zu Nacktheit vertreten manche Leute sehr egoistische Vorstellungen. Sie verspotten anders Denkende und wollen nackt sein, wo und wann immer sie möchten.» In den Vereinen sind gerade Respekt und Rücksichtnahme zentrale Werte. Ohne Vertrauen ginge es nicht, sagt Haller.
Dennoch bedauert sie, dass ausgerechnet aus dem Appenzell, dem Paradies für Barfussläufer, ein restriktives Nacktwanderverbot kommt: «Die Leute werden nun mit Argusaugen schauen, ob nicht irgendwo so ein Säuniggel sei. Selbst das erfrischende, textilfreie Bad im Bergsee wird mit 200 Franken gebüsst, dabei gibt es nichts Schöneres und Natürlicheres.» Provokation schätzt sie aber nicht. «Nacktwanderer sollten nur in abgelegenen Gebieten im Naturistenkleid gehen», sagt sie. «Ferner hüllt man sich, wie in Naturistenkreisen üblich, in ein grosses Tuch, wenn sich jemand nähert.» Fischer rät, die Sache klarer zu regeln: «Warum nicht eine feste Strecke ausweisen?» In Österreich gibt es bereits Nacktwanderwege, im deutschen Harz ist einer in Planung.
Das textilfreie Erlebnis, so sagen beide, sei wunderbar befreiend und entspannend. Man müsse es selber erleben. Alice Haller hat denn im Namen der ONS die Vertreter der Appenzeller Regierung auch herzlich eingeladen, sich selber ein Bild von der 100-jährigen Nacktkultur zu machen – als Ehrengäste auf dem ältesten Naturistengelände der Schweiz.
Literatur
• Anita Gramer, Wolfgang Gramer: «1, 2, Frei! Das Nacktaktivbuch»,
mym-Verlag 2005, Fr. 29.50
• Andreas Schwab: «Monte Verità – Sanatorium der Sehnsucht»,
Orell Füssli 2003, Fr. 49.–
Foto: Collector/Voller Ernst
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