Nach Regeln zu pflanzen
Als Biobäuerin versteht sich Susanne Hochuli selbstverständlich aufs Pflanzen. Bei der Begrünung des departementeigenen Betonplatzes gelten für die Regierungsrätin jedoch besondere Regeln.

Ich bin sehr froh, in der Schweiz leben zu können. Wir haben zum Beispiel Maler wie Paul Klee, der das Bild «Nach Regeln zu pflanzen» gemalt hat. Um ehrlich zu sein: Daran halte ich mich in meinem Garten nicht immer; beziehungsweise haben mein Garten und ich eigene, etwas wildwüchsige Regeln. Ja, sie lesen richtig: Mein Garten und ich haben Regeln, die aber nicht zwingend die Ihren zu sein haben. Wie Ihre Regeln im Leben nicht unbedingt die meinen sein müssen.
Klee hat das Bild 1935 gemalt. Ein Jahr vorher reichte er ein Einbürgerungsgesuch ein, das aber abgelehnt wurde. Die Regeln besagten damals, dass deutsche Staatsbürger sich erst um das Schweizer Bürgerrecht bewerben dürfen, wenn sie seit fünf Jahren ununterbrochen in der Schweiz leben. Da nützte es Klee auch nichts, dass er 1879 in der Schweiz geboren wurde und seine ganze Kindheit und Jugend hier verbracht hatte. 1939 versuchte Klee aufs Neue, Schweizer zu werden. Sein zweiter Antrag wurde von der Polizei kritisch geprüft, denn in der Öffentlichkeit wurde damals die moderne Kunst als eine Begleiterscheinung linker Politik angesehen. Vermutlich kannten die Polizisten sein Bild «Nach Regeln zu pflanzen» nicht. Was entspricht mehr schweizerischer Ordnung als Pflanzplätz-Regeln?
Regeln machen das Leben einfacher und manchmal sehr monoton – der Autopilot wird eingeschaltet. Aus lauter Angst gegen geschriebene und ungeschriebene Regeln zu verstossen, machen wir Menschen, was wir beziehungsweise die anderen schon immer gemacht haben und hinterfragen vieles zu wenig. Mein Garten und ich haben Regeln, die Bürokratie hat ihre eigenen.
Lassen wir einmal die wirklich wichtigen, geschriebenen Regeln stehen; die helfen uns ja, das Zusammenleben von immer mehr Menschen auf immer enger werdendem Raum zu organisieren. Doch viele ungeschriebene Regeln widersprechen dem gesunden Menschenverstand.
Ein Beispiel: Ich als Patronatspräsidentin des Vereins «Forum Betriebliches Gesundheitsmanagement» will diesen Job ernst nehmen und etwas für die Gesundheit meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Departement tun. Am einfachsten ist es, sie über den Mittag ein wenig an der frischen Luft sitzen zu lassen, dachte ich mir, und es entstand die Idee einer Gartenterrasse draussen vor dem Bürogebäude. Ein kahler Betonplatz, leer bis auf Lieferwagen und kleine Lastwagen, die dort parkieren, wurde auserkoren, um mit vier bis fünf Tischen, dazu je vier Stühlen, und einigen nach Regeln bepflanzten Kübeln ausgestattet zu werden. Ja, nach Regeln bepflanzt, weil ins Stadtbild nicht alle Pflanzen passen und man sich diesbezüglich zu richten hat.
Aber nun kommt eine weitere Regel dazu: Es muss erst berechnet werden, ob die Tische und Stühle, angereichert mit Menschen, und die Pflanzkübel die Statik der darunter liegenden Tiefgarage nicht beeinträchtigen könnten. Parkende Lastwagen hin oder her. Fortsetzung folgt.
Übrigens: Klee wurde posthum eingebürgert. Er wurde krank, sein Gesuch nicht mehr weiter bearbeitet und er starb als Deutscher. Zwei Jahre nach seinem Tod wurde er doch noch Schweizer. Ich meine, ein kluger Entscheid: «Nach Regeln zu pflanzen», daran halten wir uns in der Schweiz offensichtlich ja auch heute noch.
Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 16-jährigen Tochter und wohnt auf ihrem Biobauernhof in Reitnau, der vom besten Bauern der Welt bewirtschaftet wird.
Foto: Kevin Hutchinson / flickr / cc
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