Mythos Milch (2)

Peter Jaeggi | Ausgabe_12/01_14/15

Im 2. Teil der Milch-Serie geht es um die viel beschworene Osteoporose-Prophylaxe und um den negativen Einfluss von zu viel Milch auf die Gesundheit.

Viel Milch und Käse geben starke Knochen. Seit Jahrzehnten trichtert uns die Milchwerbung diese Botschaft ein. Das Kalzium in Milchprodukten soll für eine gute Knochenstruktur sorgen und so der Osteoporose vorbeugen. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung SGE empfiehlt Milchprodukte als Garant gegen Osteoporose. Die SGE wird von der Milchindustrie gesponsert und handelt auch im Auftrag des Staates. Die Organisation, die immerhin für die offiziellen Ernährungsempfehlungen für unser Land steht, suggeriert, dass man ohne Milchprodukte keine ausreichende Kalziumaufnahme erreiche.

Milchprodukte decken rund einen Viertel unseres täglichen Nahrungsbedarfs. Unser Spitzenplatz beim Pro-Kopf Konsum müsste demnach Garant für die besten Knochen der Welt sein. Doch trotz des enormen Milchprodukteverzehrs gibt es bei uns eine hohe Osteoporose-Rate.

Wahr ist: Milch enthält viel Kalzium, nämlich 1,2 Gramm pro Liter. Ist also alles in Ordnung, wenn man täglich einen Liter Milch trinkt oder entsprechend viel Käse isst? Leider nein. Ernährungsforscher Markus Keller, Leiter und Gründer des Institutes für alternative und nachhaltige Ernährung in Giessen, Deutschland: «Kalziumversorgung und die Knochenmineraldichte hängen von vielem ab. Ein ganz wichtiger Faktor ist Vitamin D. Sie können noch so viel Kalzium in Ihrer Nahrung haben, wenn Sie schlecht mit Vitamin D versorgt sind, können Sie dieses Kalzium nur zu einem sehr geringen Anteil oder überhaupt nicht ausnutzen.» Vereinfacht gesagt ist Vitamin D das Transportmittel, das Kalzium im Darm resorbieren hilft und in die Knochen bringt.

Der Verzehr zu vieler Milchprodukte führt auch zu einer «Übereiweissung», wie Thomas Rau, Chefarzt der Paracelsusklinik Lustmühle sagt. «Der Eiweisskonsum hat sich in den letzten 60 Jahren mehr als verdreifacht. Zu etwa einem Drittel bis zur Hälfte stammt er aus Milchprodukten.» Beim Abbau des überschüssigen Eiweisses entstehen Säuren, die sich mit dem Kalzium verbinden und zusammen mit ihm ausgeschieden werden. Das fehlende Kalzium holt sich der Organismus aus den Knochen. So trägt auch das Zuviel an Eiweiss zu einem Kalziumverlust und somit zur Osteoporose bei. Die Weltgesundheitsorganisation schreibt, dass der Vorteil der Kalziumzufuhr durch tierische Produkte, wie etwa Kuhmilch, durch deren Anteil an tierischem Eiweiss praktisch aufgehoben wird. Deshalb, so die WHO, gebe es in Ländern mit hoher Kalziumaufnahme durch tierische Produkte eine erhöhte Osteoporose-Rate.

Es gibt bessere Kalziumquellen

Während die WHO für Menschen mit einem hohen Osteoporose-Risiko 400 bis 500 Milligramm Kalzium empfiehlt, sind es bei der Schweizerischen und auch bei der Deutschen Ernährungsgesellschaft mehr als doppelt so viel – nämlich 1000 Milligramm täglich. «Wir wissen aus Studien, dass auch mit einer niedrigen Kalziumzufuhr die Knochengesundheit durchaus gewährleistet werden kann», sagt Ernährungswissenschaftler Markus Keller.

Kalzium muss übrigens keineswegs aus Milchprodukten bezogen werden. Wegen der erwähnten Zusammenhänge empfiehlt Keller pflanzliche Kalziumquellen wie Sesam-Mus, Mandeln und andere Nüsse, Grünkohl, Broccoli, Sojamilch und vieles mehr. Und: «Sehr wichtig für die Knochengesundheit ist auch die körperliche Bewegung.»  Kalzium allein genügt also nicht für gesunde Knochen. Bewegung fördert die Muskelmasse, was einen positiven Einfluss auf Knochen hat. Studien belegen bei jenen Menschen eine höhere Knochendichte, die regelmässig trainieren.

Zu viel Milch schwächt das Immunsystem

Warum werden Milchprodukte verdächtigt, krebsfördernd zu wirken? Eine mögliche Erklärung kommt von Chefarzt Thomas Rau: «Zu viel Milch verursacht eine Veränderung des Stoffwechsels und eine Schwächung des Immunsystems. Dies kann sekundär und kombiniert mit anderen Faktoren die Krebshäufigkeit negativ beeinflussen.» Mit Kuhmilchprodukten gelangen auch Wachstumshormone, hormonähnliche und immunwirksame Substanzen in den menschlichen Körper. «Substanzen, die er eigentlich nicht braucht», sagt Thomas Rau, allen voran die Eiweisse. «Unter den Eiweissen hat aufgrund der Überzüchtung und der veränderten Kuhhaltung das sogenannte Beta-Lactoglobulin massiv zugenommen, um das Dreifache in den vergangenen 60 Jahren. Es ist ein hochgradiges Allergen.» Allergene erkennt unser Immunsystem als Eindringlinge und setzt sich mit einer vermehrten Produktion von Lymphozyten (weissen Blutkörperchen) zur Wehr. Sie werden, so Rau, vom Immunsystem in den Darm abgezogen und fehlen dann bei der Bekämpfung von Krebszellen. Das ist eine mögliche Erklärung, allerdings ist sie umstritten.

Buchtipps
• Maria Rollinger: «Milch besser nicht», Jou-Verlag Erfurt
• Claus Leitzmann, Markus Keller: «Vegetarische Ernährung», Ulmer UTB
• T. Colin Campbell, Thomas M. Campbell: «China Study», Verlag Systemische Medizin

Fotos: istockphoto.com, fotolia.com, istockphoto.com


Kommentare

  1. Von leuzingerw am Donnerstag, 18.12.2014 Es handelt sich ja wirklich nicht um etwas Neues, nur wurde dies auch in Ihren Kreisen lange ignoriert. Bei einer Fernsehdiskussion (Jahrzehnte her) betr. Ernährung waren Ernährungsexperten vom Bundesministerium (D) und, u. a., Helmut Wandmaker anwesend. Seine Aussage: "Nur Kälber trinken Milch". Diese Aussage irritierte die Anwesenden, auch ich hatte nichts kapiert. Aber recht hat er, der Helmut selig. Meine Ernährungs-philosophie fand ich im Buch "Fit for life" von den Diamonds geschrieben. Richtig, dies ist nicht jedermans Sache, aber kennt es auch Erica Bänziger? Vegetarische Grüsse, W. Leuzinger

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