Mutter Natur – die grösste Heilerin und Lehrerin

Peter Maier | Ausgabe_04_18

Ob als Initiation für Jugendliche oder zwecks Neuorientierung in der Mitte des Lebens – die Visionssuche in freier Natur ist für alle eine existenzielle Erfahrung.

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April in den Alpen. Ich steige von dem Berghang in 1800 Metern Höhe herab, wo ich die vergangenen vier Tage und vier Nächte alleine, ohne Essen, ohne Zelt, ohne Handy und ohne Kontakt zu anderen Menschen unter einer alten Fichte zugebracht habe. Mit dabei hatte ich nur Schlafsack, Matte, Regenplane, Rucksack und 15 Liter Wasser. Ich war in dieser Zeit ohne Behausung, dem rauen Bergklima unmittelbar und elementar ausgesetzt. Ich komme aus einer anderen Welt – aus der Welt der Natur mit all ihren Wesenheiten: mit den Pflanzen und Bäumen, mit den Wildtieren und mit den bizarren Bergformationen der wundersamen Alpenlandschaft. Drei Tage und drei Nächte lang hat es in dieser sogenannten «Solozeit» geregnet. Erst am vierten Tag schien endlich die Sonne. Nun geht es zurück zur zwei Kilometer entfernten, tiefer liegenden Alphütte, die als Basislager dient.

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Ich nehme gerade am zwölftägigen Naturritual der «Visionssuche» teil, das den Sinn hat, einmal total vom Alltag abzuschalten, sich mit sich selbst und mit seinem tiefsten Inneren – ungestört und unabgelenkt – zu konfrontieren; innerlich zu reifen und neue Ideen und Visionen für sein Leben zu finden. Vier Tage lang wurde ich zunächst in der zehnköpfigen Teilnehmer-Gruppe von zwei Ritualleitern intensiv vorbereitet, die während der Solozeit am Basislager die Stellung hielten und nun alle Teilnehmer wieder in einer würdevollen Zeremonie empfangen. Die letzten vier Tage der Visionssuche dienen nun dazu, die Erlebnisse und Geschichten, die wir Teilnehmer in der Zeit «allein da draussen in der Wildnis» erlebt haben, im Ritualkreis zu hören und zu würdigen – und die anschliessende Heimkehr in unsere Familien vorzubereiten.

Von traditionellen Völkern lernen

Das Ritual der Visionssuche, auch «Vision Quest» genannt, wurde bereits vor etwa 40 Jahren von dem nordamerikanischen Ehepaar Steven Foster und Meredith Little in ihrer «School of Lost Borders» entwickelt. Sie waren als Ethnologen, Psychologen und Sozialarbeiter in den Reservaten von einigen Indianerstämmen tätig. Dabei konnten sie beobachten, dass sowohl Jugendliche als auch Erwachsene von Zeit zu Zeit für einige Tage allein im Wald verschwanden. Wenn diese dann aus ihrer «Auszeit» zurückkehrten, schienen sie sehr verändert und wurden von der Stammesgemeinschaft mit einem grossen Fest empfangen und gewürdigt.

Foster und Little verstanden bald, dass sie auf eine «Goldmine des gesellschaftlichen Lebens und des sozialen Bewusstseins» gestossen waren. Die Indianer gingen hinaus in die Natur, um eine neue Lebensvision zu bekommen – beim Übergang ins Erwachsenenleben, in der Mitte des Lebens oder in Zeiten besonderer Lebensumbrüche. Hier bestand bei den Indianern ein lange tradiertes Ritual. Es ging also um ein uraltes, heiliges Wissen.

Foster und Little übernahmen von den Indianern diese Grundidee und schufen daraus das Ritual der «Vision Quest», der «Frage nach dem anderen Gesicht». Im deutschsprachigen Raum bürgerte sich dann für dieses fundamentale Ritual, das für unsere heutige westliche Zivilisation sehr geeignet erscheint, bald der Begriff «Visionssuche» ein. Als Jugend-Visionssuche dient es als sogenanntes «Initiationsritual» dazu, den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen meistern zu können. Als Visionssuche für Erwachsene hingegen kann dieses Ritual hervorragende Dienste zur Befreiung aus überkommenen Mustern und Rollen sowie zur Neuorientierung und Sinnsuche im Leben beitragen. Es kann in jedem Alter absolviert werden.

Nachreifung und Neuorientierung

Die Erfahrung mit Visionssuche-Teilnehmern in den vergangenen Jahren hat gezeigt, dass es in unserer heutigen, naturwissenschaftlichtechnologisch ausgerichteten Gesellschaft sehr viele Menschen gibt, die zwar längst volljährig, aber innerlich nie wirklich erwachsen geworden sind. Ihnen kann dieses Ritual der Visionssuche enorm zur Nachreifung ihrer Persönlichkeit helfen.

Andererseits gibt es viele Situationen, in denen für Menschen in der Mitte ihres Lebens ihre bisherige Welt zusammenbricht: etwa durch Verlust des Arbeitsplatzes, durch das Auseinanderfallen der Familie oder Zerbrechen einer Partnerbeziehung, durch die Insolvenz der Firma oder durch übermässigen beruflichen Stress, der nicht selten zur totalen Erschöpfung und zu einem Burn-out führt. In solchen Situationen können die Auszeit, die eine Visionssuche verlangt, und der dabei stattfindende intensive Innenprozess sehr heilsamsein. Sie können neue Energien und Potenziale freilegen, sowie existenzielle Sinnerfahrungen ermöglichen.

Damit das Ritual seine volle Wirkung entfalten kann, müssen während der Solozeit alle ablenkenden Dinge, die sonst den Alltag ganz selbstverständlich bestimmen, für vier Tage und Nächte beseitigt werden: kein Essen, nur Wasser; keine Behausung, nur ein Schlafsack und eine Schutzplane gegen Regen; keinen Kontakt zu Menschen – weder physisch noch durch Kommunikationsmittel (Smartphone). Dafür bietet Mutter Natur mit ihren Wesenheiten eine ungeahnte neue Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeit – wenn man sich nur darauf einlässt. Und falls man ein Tagebuch führt, kann dieses in der Solozeit zu einem wichtigen «Gesprächspartner mit dem eigenen Inneren» werden.

Nachfolgend die berührende «Vision-Quest-Geschichte» einer Teilnehmerin, die sie in den Tagen nach der Rückkehr aus ihrer Solozeit in der Gruppe erzählt hat.

Altes muss verwesen

Lassen wir also die 52-jährige Maria (Name geändert) zu Worte kommen: «Am letzten Tag der Solozeit sass ich nachmittags auf einer Wiese vor dem Wald. Nichts Ungewöhnliches schien zu passieren. Plötzlich flog eine Wespe heran und liess sich auf meinem Knie nieder. Als Kind bin ich mehrfach von Wespen schmerzhaft gestochen worden, doch ich widerstand dem Reflex, das Tier sofort wieder davonzujagen. Ich erinnerte mich an die Worte der Ritualleiter, wonach alle Tiere und alle Begebenheiten während der Solozeit eine Rolle spielen und eine Bedeutung für unseren inneren Prozess haben können. Was wollte die Wespe mir also in meiner jetzigen Situation ‹sagen›? Warum ‹besuchte› sie mich?

Zunächst war es mir aber wichtig zu spüren, dass mir diese Wespe nichts tun würde; und so entspannte ich mich und liess sie gewähren. Sie lief mehrfach um mein Knie herum und krabbelte dann sogar an meinen Oberkörper auf und ab. Über eine längere Zeit ging das so. Ich war vollkommen auf das Insekt konzentriert, gleichzeitig war ich aber ganz unbemerkt in die Position eines interessierten und zunehmend neugieriger werdenden Beobachters geraten.

So komisch es auch klingen mag: Irgendwann fühlte ich mich selbst wie eine Wespe; oder wie eine Art von Kumpel dieser ‹meiner› Wespe. Ich bekam vorübergehend ein Bewusstsein wie eine Wespe und plötzlich verstand ich ihren ‹Besuch› auf meinem Körper. Ich erinnerte mich, wo ich sonst schon häufig Wespen gesehen hatte. Sie lieben es, sich beispielsweise von Fallobst, das bereits im Faulen begriffen ist, zu laben. Da summen und brummen sie emsig herum und kriechen in das Obst hinein. Damit sind sie so etwas wie die ‹Müllmänner› der Natur, die den Verwesungsvorgang von Früchten beschleunigen.

Meine Wespe zeigte mir also an, dass etwas in mir soeben ‹verweste›, das heisst starb und transformiert wurde. Dies war anscheinend – so wie das Verwesen eines Apfels – ein natürlicher Vorgang, den ich ganz ohne Angst zulassen sollte. Schlagartig wusste ich auch, worum es bei mir ging: Die Beziehungen zu meinen engsten Familienmitgliedern – zu meinem Mann und zu meinen beiden fast erwachsenen Kindern – standen zur Veränderung und Neuordnung an. Ich sollte endlich den Mut haben, mich deutlicher als bisher von ihnen abzugrenzen und mich mehr auf meine Bedürfnisse zu konzentrieren. Darauf wurde ich nun offensichtlich durch die Wespe aufmerksam gemacht. Vielleicht war das ja der eigentliche Grund, der mich zu der Visionssuche bewogen hatte. Dies wurde mir aber erst jetzt bewusst.

Ich bedankte mich bei dem schönen Wesen, das mir soeben einen wichtigen Hinweis für mein Leben gegeben hatte. Ja, Mutter Natur ist eine grosse Heilerin und Lehrerin! Als ob die Wespe mich gehört hätte, flog sie kurz nach meiner Danksagung auf und davon. Anscheinend hatte ich die Botschaft aufgenommen, die für meinen inneren Prozess in diesem Moment von grosser Bedeutung war.»

Buchtipps
• Peter Maier. «Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft», Monsenstein und Vannerdat 2016, 2 Bände à ca. Fr. 30.–
• Peter Maier. «Heilung – Initiation ins Göttliche», Monsenstein und Vannerdat 2016, Fr. 27.90
• Sylvia Koch-Weser. «Vision Quest – Visionssuche: Allein in der Wildnis auf dem Weg zu sich selbst», Drachen Verlag 2015, Fr. 34.90

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