Miteinander leben

Regine Elsener | Ausgabe 12 - 2009

Das Blindenwohnheim Mühlehalde in Zürich Witikon ist besonders, denn auf demselben Areal ist auch eine Kindertagesstätte untergebracht. Begegnungen zwischen Senioren und Knirpsen sind gewollt.

Einträchtig sitzen neun kleine Kinder und zehn alte Blinde um die zusammengeschobenen Tische und allen wird ein rotes Kunststoff-Brettchen ausgehändigt: Fruchtsalat-Pause. Einmal mehr ist Begegnung angesagt an diesem Mittwochnachmittag. Zwischen den schwer sehbehinderten oder blinden Senioren des Blindenwohnheims Mühlehalde und den kleinen Mädchen und Buben der Wakita, der Waldkindertagesstätte. Hingebungsvoll schälen, schneiden und schnetzeln kleine Hände und welke Finger aus den Früchten einen bunten Salat – niemand hat sich geschnitten! Das gemeinsame Werk mundet, denn die grosse Schüssel wird schnell geleert.

Betreuer haben die fröhliche Szene im Auge, helfen wo nötig, lassen jedoch die Kleinen und Grossen möglichst selbstständig gewähren. Autonomie wird grossgeschrieben und zwar für alle. Regula Dejung, Kommunikationsverantwortliche der Mühlehalde, betont: «Die Begegnungsnachmittage sind freiwillig, niemand muss, wenn er keine Lust verspürt.»

Zusammengehörigkeit

Die Mühlehalde bietet ihren 78 Bewohnerinnen und Bewohnern vieles. Vor allem Kreativität steht hoch im Kurs. So hat sich eine der Frauen ganz dem Webstuhl verschrieben. Souverän bewegt sie das Gerät und zaubert wunderbar farbige Tücher hervor. Besonders eindrücklich auch das Schaffen von Frau Hinterhauser: In unzähligen Varianten malt sie Toggenburger Berge und Landschaften, kräftig, bunt, mit überraschend starkem Pinselstrich. Ihre Werke haben denn auch schon Liebhaber und Käufer gefunden.

 Die jeweils vierzehntäglich wiederkehrenden Mittwochtreffen zwischen Alt und Jung dauern eine gute Stunde. Die Begegnung gewährt gegenseitigen Einblick in die jeweils andere Welt. Die Knirpse erfahren von einem Leben, das weit zurückliegt. Das Essen war weniger reichlich und eintöniger damals, das Staunen über die ersten Autos gross, die Stube halb verstellt durch immense Büffetmöbel. Die Alten, vor allem die Frauen, beantworten die Fragen der Kleinen gerne.

 Im Gegenzug werden sie von den Kindern jeweils beschenkt. Sie bringen «ihren» Blinden etwa alle möglichen Schätze aus dem Wald mit und legen sie behutsam in die alten Hände: Tannzapfen, Moos, Rinde. «Häufig kommen sie über das Material miteinander ins Reden», erklärt Sonia Italiani, Trainerin für lebenspraktische Fertigkeiten. Rohstoff als Brücke zur Kommunikation.

«Integration ist das Leitthema der Zusammenarbeit zwischen der Kindertagesstätte und dem Seniorenheim», sagt Marga Keller, die Gründerin und Leiterin der Wakita. «Kinder und alte Menschen bewegen sich in unserer Gesellschaft immer weiter auseinander. Sie gehören jedoch zusammen – auch weil sie einander viel zu bieten haben.»

Blindenwohnheim Mühlehalde
Das Blindenwohnheim Mühlehalde ist politisch und konfessionell unabhängig. Es pflegt und betreut betagte sehbehinderte und blinde Personen und hilft ihnen, den Umgang mit der Sehschädigung zu lernen. Dazu dienen nicht nur bauliche Massnahmen wie Handläufe, angepasste Lichtverhältnisse und ein sprechender Lift, sondern auch pflegerische und gerontagogische Fachkompetenz. Die angebotene Pflege ist ein eigener Zweig der Alterspflege, der zum grossen Teil in der Mühlehalde entwickelt wurde. Die gemischte Institution (Pflegeheim und Behinderteneinrichtung) ist offiziell anerkannt und Zewo-zertifiziert. Dem Blindenwohnheim ist in einem anderen Stadtkreis eine begleitete Wohngruppe für junge blinde und sehbehinderte Menschen angeschlossen. Noch mehr Infos unter www.muehlehalde.ch

Fotos: © Olivia Heussler

Tags (Stichworte): AlteBlindenwohnheimKinderKindertagesstätteMuehlehaldeSenioren

Kommentare

  1. Von LustigeFrau am Dienstag, 08.12.2009 Ich finde dieses Mittwochtreffen eine grossartige Idee und nehme aus diesem Beispiel etwas mit: Nämlich, dass man nicht möglichst oft und möglichst viel Gutes tun muss, sondern dass man einfach etwas Gutes tun soll, wenn man Lust und Energie dazu hat, und dass jedes eine Mal mehr ist als kein Mal.

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