Mit Pflanzen heilen

Marion Kaden | Ausgabe 08 - 2010

Phytotherapie beruht auf Jahrhunderte altem, überliefertem Erfahrungswissen. Nun interessieren sich auch die Naturwissenschaften für die heute wieder beliebte Pflanzenheilkunde.

Die Pflanzenheilkunde oder Phytotherapie wird seit Jahrtausenden weltweit zum Wohl und zur Heilung der Menschen eingesetzt und ist heute wieder zunehmend populär. Ob schmerzlindernde Weidenrinde, entzündungshemmende Kamille oder darmberuhigenden Fenchel – häufig verwenden wir Heilpflanzen und schätzen ihre oft schonende Wirkungsweise.

Erfolgreiches Aspirin

Die Erkenntnisse über medizinisch einsetzbare Pflanzen verdanken wir heilkundigen Männern und Frauen. Sie beobachteten, probierten Wurzeln, Blätter, Rinden aus, stellten Rezepturen zusammen und tradierten mündlich ihr Wissen über Jahrtausende hinweg. Später wurden diese Erfahrungen niedergeschrieben – der Begriff Erfahrungsheilkunde entstand.

Bei der mündlichen Überlieferung und beim über die Jahrhunderte erfolgten Kopieren von Rezepturen schlichen sich Fehler ein. Dies ist mitunter ein Grund, weshalb heutige Wissenschaftler der Erfahrungsheilkunde skeptisch gegenüberstehen. Doch auch sie nutzen den erfahrungsheilkundlichen Schatz als Grundlage für ihre Forschungen und Präparate-Entwicklungen.

Mit dem Entstehen der Naturwissenschaften kamen neue Medizinkonzepte auf. Erfindungen und technische Möglichkeiten unter anderem auch Laborverfahren ermöglichten ab dem 19. Jahrhundert die Erforschung chemisch definierter Einzelsubstanzen. Wissenschaftler versuchten, den Heilpflanzen ihre Wirkstoffgeheimnisse zu entreissen, indem sie einzelne Substanzen isolierten. Auf diese Weise wurde zum Beispiel der besondere Wirkstoff der Weidenrinde, das Salicin entdeckt. 1897 gelang dann dem deutschen Chemiker Felix Hoffmann, die Salicylsäure in Acetylsalicylsäure (ASS) umzuwandeln und in Reinsynthese herzustellen. Damit war der Siegeszug des extrahierten Wirkstoffs der Weide, bekannt als Aspirin, nicht mehr aufzuhalten. Es gilt als erfolgreichstes Arzneimittel des 20. Jahrhunderts

Rationale Phytotherapie

Doch diese der Natur nachempfundene, aber synthetisierte Substanz ist kein pflanzliches Arzneimittel. Denn in der Phytotherapie werden nur Arzneimittel auf unveränderter Grundlage von Pflanzenteilen (Blüten, Wurzeln), deren Bestandteilen (ätherische Öle) oder Zubereitungen (Extrakte, Tinkturen, Presssäfte), den pflanzlichen Fertigarzneimitteln (Phytopharmaka) zugerechnet.

Die Erforschung solcher Phytopharmaka wird im Rahmen der modernen Pflanzenheilkunde betrieben. Wissenschaftler wie Reinhard Saller vom Institut
für Naturheilkunde des Universitätsspitals Zürich arbeiten daran, pflanzenheilkundliche Wirkstoffe nach naturwissenschaftlichen Prinzipien zu untersuchen. Diese «rationale» Phytotherapie verwendet naturwissenschaftliche Methoden, um die Wirkung von Heilpflanzen labortechnisch oder klinisch nachzuweisen. Sie gilt nicht als Alternativmedizin, sondern als Teil der naturwissenschaftlich angewendeten medizinischen wie biologischen Forschung und Therapie.

Doch auch die rationale Phytotherapie hat Kritiker. Einer unter ihnen war der bekannte Schweizer Alfred Vogel. Der Arzt aus Teufen fühlte sich der Natur tief verbunden und arbeitete sein Leben lang mit Heilpflanzen, ihren Anwendungen und möglichen Therapien in seinem Sinne. Aufgrund seiner Beobachtungen und Untersuchungen war ihm klar, dass die vielfältigen Wirkungen von Heilpflanzen nicht nur auf einzelnen Substanzen beruhen konnten. Sein «Ganzheitsprinzip» formulierte er so: «Jede Pflanze stellt etwas Fertiges, in sich Abgeschlossenes dar; denn es handelt sich dabei um ein Rezept, dem Intelligenz, Voraussicht und weise Planung zugrunde liegen. Für den Wert der einzelnen Pflanze entsteht ein Risiko, wenn man ihr zweckmässig überlegtes Gefüge auseinanderreisst.» Anders gesagt: Die Summe der Gesamtwirkung einer Heilpflanze ist mehr als die Summe der Wirkungen ihrer Einzelsubstanzen.

Drogisten: breites Wissen

Etwa 560 Drogerien bieten schweizweit ein breites Sortiment an Heilpflanzendrogen für die Selbstmedikation an. «Das Wissen und die Nachfrage rund um Pflanzenheilkundliches sind gross», sagt Elisabeth Huber vom Schweizerischen Drogistenverband in Biel. «Drogisten wählen ein Sortiment nach der Nachfrage in ihrer Region aus», sagt sie. «Die Palette ist umfassend: Nicht nur Tees aus Wurzeln, Blüten, Blättern und Rinden, sondern auch ätherische Öle werden angeboten; ausserdem verlangen die Kunden spagyrisch hergestellte Mittel oder Fertigarzneien wie Salben, Sprays, Tabletten», so Huber.

«Drogisten greifen bei der Kundenberatung auf ein breitgefächertes, profundes Wissen zurück», sagt die Fachfrau. Wobei die Selbstmedikation im Vordergrund stehe: Ob Husten, Magen-Darm-Verstimmungen oder Stoffwechseltees für die beliebte Frühjahrskur – an Rat fehlt es Drogisten selten. Huber weist aber darauf hin, dass das Wissen über die typischen pflanzenheilkundlichen Möglichkeiten, zum Beispiel die Herstellung von einem Sud für Umschläge, Wickel oder Kompressen, bei jungen Drogisten in Vergessenheit geraten ist. «Dabei können zum Beispiel Thymianölkompressen bei krampfartigem Husten, Auflagen bei Menstruations- oder Muskelschmerzen leicht lindern und helfen».

Foto: Clasart Film/Concorde Filmverleih, zvg, dno1967 / flickr / cc


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