Mit dem Zug zum Dach der Welt
Die höchste Eisenbahnlinie der Welt verbindet Xining in China mit der tibetischen
Hauptstadt Lhasa. Die Strecke mitten durch das Hochland ist eine technische Meisterleistung – und ein Symbol chinesischer Staatsmacht.
Es ist hell geworden. Zwölf Stunden sind bereits vergangen, seit der Tibet-Zug gestartet ist. Von Xining, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Qinghai, in Richtung Golmud und Lhasa, dauert die Fahrt rund 26 Stunden. Noch sind wir auf etwa 3000 Metern Höhe. Doch eine starke Steigung lässt erahnen, dass wir schnell an Höhe gewinnen und mit zunehmender Höhe wird die Luft zum atmen immer dünner. Ein Viertel der Eisenbahnstrecke liegt auf über 4000 Meter über Meer und auf dem Tangula-Pass erreicht der Zug sogar eine Höhe von 5067 Metern.
Sauerstoff für die Passagiere
Eine atemberaubende Kulisse erstreckt sich entlang der tibetischen Hochebene. Fast könnte das Gefühl aufkommen, sich in einem normalen Zug zu befinden. Doch einschnelles
Aufstehen vom Zugsabteil oder hastige Bewegungen machen einem schnell klar, dass dies nicht der Fall ist. Ein aufkommendes Schwindelgefühl macht unmissverständlich klar: Wir befinden uns in fast 5000 Metern Höhe, in einer Zone also, in welcher der Luftdruck gerade noch halb so gross ist wie auf Meereshöhe. Die dünne Luft bewog die Ingenieure dazu, Sauerstoff in die Atemluft der Zugwaggons zu blasen, damit die Passagiere möglichst nicht höhenkrank werden. Damit wird ein Sauerstoffgehalt in der Luft erzeugt, wie er in einer Höhe von rund 3000 Metern vorkommt.
Kühlstäbe bewahren den Dauerfrost
Neben der herben Schönheit der Berge, erscheinen immer wieder Vorrichtungen an der Bahnlinie, die eine wichtige Rolle spielen, denn diese Bahnlinie ist eine technische Meisterleistung. Da die Schienen über weite Gebiete auf Permafrostboden liegen, musste ein ausgeklügeltes Zubehör konstruiert werden, um die Kälte zu bewahren, damit der gefrorene Boden nicht auftaut. Etwa 10 000 hohle Stahlstäbe im Boden, die mit einer Kühlfüssigkeit gefüllt sind, sollen
die Kälte im Boden halten. Die Stäbe sind mit Ammoniak gefüllt, welches unten im Sockel verdunstet und dadurch den Boden abkühlt. Am oberen Ende gibt der Ammoniakdampf seine Wärme wieder ab und sinkt wieder verflüssigt nach unten.
Oft fährt die Bahn über Dämme mit einem Schotterbett, das auf einem rund drei Meter hohen Fundament liegt. Dieses besteht aus grob behauenen, kopfgrossen Steinbrocken, die ohne Mörtel locker übereinander geschichtet sind. Somit sorgt ein natürlicher Dauerwind, der durch die Ritzen bläst, für eine natürliche Kühlung. Ein System von Kanälen entlang der Strecke sorgt zudem dafür, dass das Regenwasser aufgefangen wird und nicht die Trasse unterspülen kann. Diese Konstruktionen werden immer wieder vom Zug aus sichtbar und muten zum Teil an, wie moderne Kunstwerke.
Ein Jahrhundert-Bauwerk
Die Tibet-Bahn oder Lhasa-Bahn verbindet Xining, die Hauptstadt der Provinz Qinghai, mit Lhasa, der Hauptstadt des autonomen Gebietes Tibet. Der Zug legt eine Gesamtstrecke von 1956 Kilometern zurück und erreicht eine Maximalhöhe von 5072 Metern. Zurzeit ist dies die höchstgelegene Bahnstrecke der Welt. Etwa 960 Kilometer der Strecke verlaufen in Höhen von mehr als 4000 Metern.
Die Tibet-Bahn, die am 1. Juli 2006 eröffnet wurde, ist das bisher grösste Eisenbahnbauprojekt des 21. Jahrhunderts. Ein Viertel der Strecke führt über Permafrostboden, der im Sommer jeweils kurzfristig auftaut. Deshalb wurden verschiedene Vorrichtungen konstruiert, um ein Auftauen unter den Gleisen so weit als möglich zu verhindern.
Die Züge fahren mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h über den Permafrostboden, in Gebieten ohne gefrorene Böden erreichen sie sogar 120 km/h. Damit hat der Tibet-Zug die weltweit höchste Geschwindigkeit, die Eisenbahnen auf gefrorenem Hochlandboden fahren. In der Regel bestehen die Züge aus drei Lokomotiven mit 16 Wagen und bieten 930 Sitzplätze.
Der Zug transportiert während der Hochsaison 3800 Passagiere pro Tag in beide Richtungen. Von Juli 2006 bis August 2009 reisten 13 Millionen Touristen ins Tibet. Davon sind allerdings nur 10 Prozent Ausländer.
Der Hauptanteil der Reisenden sind Chinesen.
Der höchste Bahnhof der Welt
Nach einer längeren Steigung wird die Strecke relativ eben. Plötzlich huscht ein Schild vorbei: «Tan Gu La 5067 m». Die Passhöhe ist also erreicht. Gleich darauf folgt ein modernes Gebäude, das so gar nicht in diese Höhe passt. Es ist der höchste Bahnhof der Welt. Kurz nach ihm taucht der Zug in einen Tunnel ein, und schliesslich fährt die Bahn auf 4595 Metern Höhe am Tsonak-See entlang, einer riesigen Wasserfläche, die fast bis zum Horizont reicht, in der sich die tibetischen Berggipfel mit den sommerlichen Quellwolken in kräftigen Farben spiegeln. Die Landschaft ist jetzt deutlich grüner und fruchtbarer geworden. In diesen Hügeln und Ebenen sind immer wieder Herden von Yaks, Ziegen und Schafen zu sehen. Nach einiger Zeit hält der Zug an und auf über 4500 Metern Höhe können wir aussteigen und auf unsicheren Schritten die dünne Höhenluft einatmen.
Ruhig gleitet der Zug durch die majestätische Berglandschaft. Das warme Abendlicht zaubert eine unwirkliche Stimmung, wie von einer anderen Welt. Langsam bricht die Dämmerung herein. Nach 21 Uhr treffen wir in Lhasa ein – es ist längst dunkel geworden. Die Leute, die den Zug verlassen, wirken irgendwie verloren in der gigantischen futuristischen Bahnhofshalle.
Fotos: Andreas Walker
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