Männerwahnsinn
Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist in Kriegs- und Krisengebieten alltäglich. Die St. Gallerin Monica Hauser setzt sich mit ihrem Verein medica mondiale vor Ort für traumatisierte Frauen ein – und dafür, dass die Welt hinsieht.

Der Brief an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel liess an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: medica mondiale, die von Monika Hauser gegründete und geleitete internationale Frauenrechtsorganisation forderte darin unmissverständlich, Frauenrechte endlich zu einem zentralen Bestandteil der deutschen Afghanistan-Strategie zu machen und entschieden gegen den aktuellen Entwurf des schiitischen Familiengesetzes anzutreten. Das umstrittene Gesetz verlangt unter anderem, dass Frauen ihren Ehemännern jederzeit sexuell zur Verfügung stehen, dass sie ohne Erlaubnis ihrer Ehemänner das Haus nicht verlassen dürfen, und dass sie bei einer Scheidung das Sorgerecht für die Kinder grundsätzlich nicht erhalten – Vorstellungen, die westlichen Frauen und Männern die Haare zu Berge stehen lassen.
Surftipps
• Medica Mondiale
• Bif – Beratungs- und Informationsstelle für Frauen
• Castagna, Beratungsseite für sexuell ausgebeutete Kinder
• Basler Frauenverein
• Infra Bern Frauenberatungsstelle
• Die dargebotene Hand, Beratung in schwierigen Lebenslagen
Weniger wert als Hunde
Der internationale Protest gegen das Familiengesetz – der Brief war ein Teil davon – hatte Erfolg: Der afghanische Präsident Hamid Karsai musste sich mit 60 weiblichen Parlamentsabgeordneten und Vertreterinnen von nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen zu Gesprächen treffen. Und er musste im Anschluss danach versprechen, den Gesetzesentwurf noch vor den Wahlen im August dieses Jahres zu überarbeiten. Monika Hauser steht seit 16 Jahren im Einsatz, um in Kriegs- und Nachkriegsländern von Gewalt betroffenen Frauen medizinische und therapeutische Unterstützung anzubieten. Zudem hat medica mondiale dazu beigetragen, dass sexualisierte Kriegsgewalt offiziell als Menschenrechtsverletzung anerkannt wird, und dass die Schuldigen vors internationale Strafgericht gestellt werden – so wie es die Uno-Resolution 1820 von 2008 vorsieht.
Hilfe zur Selbsthilfe
Wie in den anderen Projekten von medica mondiale von Bosnien über den Kosovo, Kongo und Liberia, werden auch in Afghanistan vor Ort Mitarbeiter ausgebildet, vor allem Frauen, die Gewalt selber erlebt haben. «Selbstreflexion ist bei unserer Arbeit ganz wichtig», erläutert Monika Hauser, «weil sich die Mitarbeiterinnen fast überall neben Klientinnen setzen und sagen können: ‹Was du mir da erzählst, habe ich selbst auch erlebt.› Wer nicht über eigene Gewalterfahrungen reflektieren könne, laufe Gefahr, das eigene Trauma immer wieder erleben zu müssen oder ein solches bei seinen Klientinnen zu verstärken.

Bisher sind in einem Modellprojekt in Kabul 30 Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen in einem Training, das mit einem Zertifikat abschloss, ausgebildet worden. Das Ziel war Hilfe zur Selbsthilfe, denn die ausgebildeten Afghaninnen sollen vor Ort medica mondiale Afghanistan als eigenständiges Projekt leiten. Den Anstoss zu einer derartigen Ausbildung gab das Medica-Projekt in Kosovo, eine Region, in der es keine Möglichkeit zu einem Psychologiestudium gab. Flugs entwickelte dort das Medica-Team ein fünfjähriges Ausbildungsprogramm für Frauen, in dem frauenspezifische Themen wie Selbsterfahrung, psychosoziale Traumaberatung, Management-Strukturen und Organisationsaufbau Inhalt sind.
Dieses Engagement ist eine logische Fortsetzung ihrer Biografie. Damals hatte die in St. Gallen aufgewachsene und heute in Köln wohnhafte Hauser das Medizinstudium mit Spezialisierung Gynäkologie abgeschlossen. Von weiblichen Verwandten ihrer Südtiroler Familie war sie durch Erzählungen mit den The¬men Krieg und sexuelle Übergriffe vertraut gemacht worden. Die Tatsache, dass sexualisierte Gewalt zum Leben vieler Frauen gehört, mochte die vom Einfluss der Frauenbewegung geprägte junge Ärztin jedoch nicht stillschweigend hinnehmen, wie das ganze Frauengenerationen vor ihr getan hatten.
Zur Person
Geboren wurde Monika Hauser 1959 in Thal (SG) geboren; sie wohnt heute in Köln. Sie ist Gynäkologin, Gründerin und Geschäftsführerin der Stiftung medica mondiale, die sich für die Rechte und die Würde von vergewaltigten und kriegstraumatisierten Frauen in aller Welt einsetzt. Monica Hauser ist liiert und hat einen 12-jährigen Sohn. Sie wurde 1993 zur Frau des Jahres der ARD-Tagesthemen gekürt, erhielt 1995 den Preis «Frauen Europas» und 2008 den Alternativen Nobelpreis.
Unterstützung durch Imame
Durch ihre unerschrockenen Auftritte war Monika Hauser nach der Eröffnung des Therapiezentrums in Zenica in den bosnischen Medien häufig präsent: «Wir machten unmissverständlich klar, dass Vergewaltiger verurteilt werden müssen, nicht die Frauen. Und wir machten klar, dass diese Arbeit nicht einfach an uns delegiert werden kann.» Mit ihrem Feuer konnte die Frauenaktivistin ihre anfänglich skeptischen bosnischen Mitarbeiterinnen überzeugen, das Tabu zu brechen und über die Vergewaltigungen zu reden. Der Imam stand öffentlich für die Abtreibung bis zum vierten Monat bei Kriegsvergewaltigung ein. Die Problematik der im Krieg vergewaltigten Frauen ist häufig, dass sie stigmatisiert und von der Familie ausgestossen werden. Sie können deshalb auch nicht offen darüber sprechen und leiden stumm an psychosomatischen Beschwerden wie Albträumen und Depressionen.
Weiterführende Artikel
«Krisengebiet Schweiz»: «natürlich leben»-Redakteur Markus Kellenberger schreibt über körperliche und sexuelle Gewalt von Männern gegen Frauen - auch in der Schweiz sind die Frauen davon betroffen.
Es fehlt an Sensibilität
«Die Widerstände, vor allem von Männern – die ja hauptsächlich in Entscheidungsgremien sitzen – gegen das Tabuthema sexualisierte Gewalt sind weltweit noch immer sehr gross», hält Monica Hauser fest. Dass es noch viel zu tun gibt, davon zeugt auch der Umgang mit Gewalt an Frauen in Europa: «In Deutschland sind die Vergewaltigungen im Zweiten Weltkrieg überhaupt noch nie thematisiert worden», sagt Hauser und lässt darum keine Gelegenheit aus, dieses düstere Kapitel der jüngeren Geschichte ständig einzubringen, ob bei Veranstaltungen zu Filmen oder Büchern über den Zweiten Weltkrieg.
Literatur
• Chantal Louis: «Monika Hauser – Nicht aufhören anzufangen, eine Ärztin im Einsatz für kriegstraumatisierte Frauen», Verlag Rüffer und Rub 2008,
Fr. 36.–
• Siba Shakib: «Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen», Verlag Goldmann 2003, Fr. 16.90, auch als Hörbuch von Random House,
Fr. 54.20
Foto © Stefanie Keienburg/medica mondiale, wilhei55/flickr/cc
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