Lug und Trug

Hans Keller | Ausgabe_04_18

Mimikry und Mimese werden als Tarnung, Täuschung und Anlockung in der Natur rund um die Uhr betrieben. Ein Blick in trügerische Zustände.

@ istockphoto.com, Roger Meier, mauritius-images.com

Jeder in unseren Breitengraden hat das schon mal erlebt: Man sitzt in der warmen Jahreszeit auf einer Parkbank und geniesst die Aussicht ins Grün. Plötzlich peilt ein merkwürdiges Insekt eine Blüte an und bleibt dabei immer wieder in der Luft stehen. Huch, eine Wespe! Mitnichten. Trotz gelb-schwarzem Ringel-Design handelt es sich um eine harmlose Fliege. Das bedrohliche Kostüm schützt die sogenannten Schwebfliegen vor Feinden, die schon schlechte Erfahrungen mit echten Wespen gemacht haben – also etwa vor Vögeln. Schwebfliegen, die mit einer riesigen Verwandtschaft aufwarten, sind wahre Verkleidungskünstler; es gibt in dieser Grossfamilie beispielsweise auch Hummelimitatoren. Ein klassischer Fall von Mimikry.

In der naturwissenschaftlichen Abteilung des Zürcher Freudenberg-Gymnasiums wandelt man einen Flur entlang, an dessen Seite sich Aquarien und Terrarien aneinanderreihen. Roger Meier, der Betreuer dieser Biotope, weist auf einen Kunstfelsen in einem Terrarium hin, auf dem grüne Moosstücke wachsen. Meier holt ein Moosstück heraus und legt es auf die Hand. Da öffnet es – glänzende Äuglein! Dann streckt es langsam die Glieder aus und macht plötzlich einen Satz auf den Boden: Das Mooshäufchen ist ein Frosch! Das kuriose Viech, ein Moosfrosch (Theloderma corticale), stammt aus Vietnam.

In einem anderen Terrarium bewegen sich Blätter wie in einer sanften Brise. Es handelt sich um Wandelnde Blätter, Insekten aus der Ordnung der Gespensterschrecken, die als Vegetarier die angebotenen Brombeerblätter fressen. Gleich daneben hausen Indische Stabschrecken, die Ästchen und Holzstückchen imitieren. In allen drei geschilderten Fällen aus den Freudenberg-Terrarien handelt es sich um Mimesen.

Mimikry und Mimese — der Unterschied

Viele Lebewesen betreiben diese Mimikry und Mimese genannten Tarnungen. Auch der Mensch: Wenn Soldaten in Vierfrucht-Tarnanzügen durch Gebüsche und Wälder robben, dann ist das Mimikry. Im Tier- und Pflanzenreich sind die Varianten und Spielarten der Maskeraden von überwältigender Vielfalt.

Das Wort Mimikry leitet sich von Mime, also von Schauspieler ab; und eine entsprechende Maskerade bezeichnet man als «Mimikry». Der Erste, der dieses Vortäuschen falscher Tatsachen im brasilianischen Tropenwald bei Schmetterlingen entdeckte und 1862 beschrieb, war der Brite Henry W. Bates. Die von ihm beobachteten hochkomplexen Vorgänge seien hier zusammengefasst auf den Punkt gebracht: Bates fand Schmetterlinge, die innerhalb ihrer Familie vom Design her aus der Reihe tanzten, um sich als Imitatoren ungeniessbarer Spezies vor dem Gefressenwerden zu schützen. Bates stellte die ersten Mimikry-Postulate auf, die ähnlich wie die zeitgleichen und verwandten darwinschen Evolutions-Theorien sofort sowohl Anhänger als auch Gegner auf den Plan riefen. Doch was genau ist Mimikry, was Mimese? Einfach ausgedrückt spricht man von Mimikry, wenn ein Tier ein anderes imitiert und diese Imitation als – oft bedrohliches – Signal an die Umwelt weitergibt. Mimese hingegen ist Imitation ohne Signalwirkung, also reine Tarnung und Anpassung an den Hinter- oder Untergrund.

Industriemelanismus: Als Raupe wie als Falter passt sich der Birkenspanner perfekt seiner Umgebung an. Und das erstaunlich schnell: In verschmutzten Städten, wo die Birkenrinde eher grau ist, färbt sich innerhalb weniger Generationen auch der Falter dunkel.

Mimikry-Signale dienen diversen Zwecken: Ein Insekt wie die Schwebfliege schützt sich durch die ein gefährliches Double imitierende Maskerade – Fliege wird «Wespe» – vor Feinden und Angreifern. Mimikry kann aber auch Anlockung sein. Ein Beispiel aus der Pflanzenwelt: Die Blüte der Bartiris lockt mit einem leuchtend pollengelben «Bart», der allerdings keine Pollen enthält, Insekten an. Der Zweck: sparsamer Verbrauch von Pollen.

Meister der Tarnung und Verwandlung

Gehen wir doch wieder mal in den Zürcher Zoo. Kurator Robert Zingg empfiehlt eine reichhaltige Palette von Mimikry- und Mimese-Fällen, die vor allem im Exotarium zu entdecken sind. Im zweiten Stock dieses Exotariums, das in der Nähe des Zooeingangs zu finden ist, gilt es in einem relativ kleinen Terrarium voller Pflanzen einen Schmuckhornfrosch zu finden. Es dauert eine ganze Weile, bis man diesen mit einem schwarz-braungrünen Design, das irgendwie an ein Bild von Hans Arp erinnert, getarnten Gesellen entdeckt. Er verharrt regungslos halb im Boden eingebuddelt und äugt umher. Mit ein bisschen Glück erwischt man ihn dabei, wie er seine riesige Klappe aufreisst, in der alles verschwindet, was gerade vorbeiläuft – er ist sozusagen der Wal unter den Amphibien. Wobei dieser Bewohner der lateinamerikanischen Regenwälder eine Mischung aus Mimikry und Mimese betreibt.

Maskerade, Tarnung und Täuschung findet rund um den Globus statt. Ein eindrückliches Beispiel aus der Südsee bietet im Exotarium der Neukaledonische Riesengecko. Hier haben wir uns beinahe um den Verstand gesucht und mussten schliesslich einen Zooangestellten zu Rate ziehen. Dieser deutete sofort auf den oberen Teil eines Baumastes mit wulstiger Rinde, an dessen Seite tatsächlich der Gecko wie ein Teil der Borke langgestreckt mit dem Kopf nach unten hing.

Einer der interessantesten Mimikry-Fälle, was attraktive Farbwechsel betrifft, bieten die durch Mittelamerika kriechenden Korallenschlangen. Plakativ schwarz, gelb und rot geringelt, imitieren harmlose und schwach giftige Vertreter die fast gleich aussehenden hochgiftigen Familienmitglieder. Die Signalempfänger sind bis heute unbekannt und Spekulationen erlaubt. Infrage kommen schlangenfressende Vögel oder aggressive Artgenossen. Bekannte Prädatoren von Schlangen sind auch etliche Säuger wie Wasch- und Nasenbären sowie Opossums.

Immer wieder entdecken Biologen neue Tarnungsmethoden bei Tieren. So sieht die Spinne Cyclosa ginnaga, die in Asien beheimatet ist, wie ein Klecks Vogelkot aus. Das schützt sie vor gierigen Wespen. Der Paletten-Feilenfisch (Oxymonacanthus longirostris) wiederum gleicht nicht nur seiner bevorzugten Korallenart, sondern riecht sogar so. Das gelingt dem im Indopazifik lebenden Fisch, indem er von den Korallen frisst. Eine doppelte Mimikry fanden Wissenschaftler im indonesischen Meeresgebiet: Der Kieferfisch (Stalix cf. histrio) ahmt die Farben und das Muster des Karnevalstintenfisches (Thaumoctopus mimicus) nach. Dieser wiederum sieht durch seine Streifen und die Form, die er meist annimmt, selbst wie ein Fisch aus.

Meister der Tarnung: Verharrt er ruhig, ist der Moosfrosch kaum als Tier zu erkennen – die perfekte Mimese. Der Schmuckhornfrosch wiederum betreibt eine Mischung aus Mimikry und Mimese. Die Tarnung der Grünen Baumpython Morelia viridis verleitet den Korallenfingerlaubfrosch Litoria caerulea die Schlange als Aussichts- und Ruheplatz zu nutzen .

Oft handelt es sich bei diesen Veränderungen und Anpassungen um evolutionäre Prozesse. Tiere, die Mimikry betreiben, nutzen eine Selektion, denn nur die gut Getarnten werden nicht gefressen und können sich deswegen auch fortpflanzen – was bei Arten mit schnellem Generationenwechsel entsprechend schnell zu veränderten Merkmalen führt.

Ein Paradebeispiel bietet da der Birkenspanner, ein an sich hellgefärbter Schmetterling. Ein Birkenspanner ist auf der weissen Birkenborke, wo er sich bevorzugt aufhält, für hungrige Vögel kaum zu entdecken. Während der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England zunehmend stattfindenden Industrialisierung mit ihren Rauch- und Russ-Emissionen färbte sich die Birkenborke zunehmend grau. Ergo wurden bereits 1848 bei Manchester dunkel gefärbte Birkenspanner entdeckt, die sich – in einem für evolutionäre Entwicklungen hohen Tempo – innert kürzester Zeit den neuen Umweltgegebenheiten angepasst hatten. Das Phänomen nennt sich Industriemelanismus. 1895 machten die düsteren Spezies um Manchester 98 Prozent der Gesamtpopulation des Birkenspanners aus. Mit der Beseitigung der Luftverschmutzung wurde der Trend rückläufig und seit etwa siebzig Jahren sind die hellen Birkenspanner wieder zurück in Manchester.

«Fake News» sind überlebenswichtig

Es ist auch ein Falter, der den «Mimikry-Weltrekord» hält: Der afrikanische Schmetterling Papilio Dardanus. Während dessen Männchen ähnlich wie der auch bei uns bekannte Schwalbenschwanz aussehen, imitieren die Weibchen in etwa achtzehn sehr schönen Mimikry-Formen und -Farben ungeniessbare Falter, um sich gegen Vogelfrass und dergleichen zu schützen. Da es etwa in zehn verschiedenen geografischen Regionen lebende Papilio Dardanus-Formen gibt, gehen hier die Mimikry-Varianten in die Hunderte!

Mimikry und Mimese gehören als «Fake News» und Vorspiegelung falscher Tatsachen in der Natur zum Alltag. Es wird gelogen, betrogen und getäuscht, was das Zeug hält. Tiere – und auch Pflanzen – müssen sich mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln, Methoden und Maskeraden schützen, andere übertölpeln, auf den Holzweg führen oder aber anlocken. Diese Mechanismen gelten auch für das menschliche Leben. Begriffe und Redewendungen wie «Kleider machen Leute», «Wolf im Schafspelz», «raue Schale, weicher Kern» und dergleichen mehr könnten einer Mimikry-Sprache entsprungen sein. Ein Punk in Leder und gespickt mit Nieten gibt vor, gefährlich zu sein, ist aber im Grunde ein ganz Netter; ein völlig unscheinbar aussehender Mensch besitzt vielleicht einen extrem hohen IQ; eine schöne Frau entpuppt sich als Mann und die Grossmutter mit dem neckischen Nachthäubchen outet sich als böser Wolf. Mimikry, wohin man schaut – im Leben und im Märchen.

Der Buchtipp
Klaus Lunau «Warnen,Tarnen,Täuschen. Mimikry und Nachahmung bei Pflanze, Tier und Mensch», Primus 2011, Fr. 21.90

Fotos: Roger Meier, istockphoto.com, mauritius-images.com

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