Leben im Gleichgewicht
Ausgebrannt – Burnout. Die Ursachen der Zivilisationskrankheit sind vielfältig, deshalb braucht es für eine nachhaltige Heilung eine enge Zusammenarbeit zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin. Davon sind die Spezialisten an der Aeskulap-Klinik überzeugt.
Nach einer unruhigen Nacht wacht der Familienvater und vielseitig engagierte Berufsmann auf und spürt: «Ich kann nicht mehr!» Ein Dutzend Termine erwarten ihn heute. Vor seinem inneren Auge führen sie einen wilden Tanz auf. Ihm wird angst und bange. Die zahlreichen Verpflichtungen begegnen ihm wie eine riesige schwarze Wand. «Der Kaffee ist fertig», ruft seine Frau aus der Küche. Doch das gewohnte liebe Wort, ja selbst der Geruch nach dem frischen Röstgetränk hat seine Wirkung verloren. Er möchte nur noch eines: Ruhe, Ruhe, und am liebsten verschwinden an einen weit entfernten Ort.
So oder ähnlich kann ein Betroffener den Ausbruch von Burnout erleben. Nichts geht mehr. Welches sind die Ursachen dieses mittlerweile verbreiteten Phänomens? Und was ist dagegen zu tun? Gibt es vorbeugende Massnahmen, die einen vor dem «Ausbrennen», dem Burnout, bewahren?
Ausbrennende und Selbstverbrenner
Belastende Bedingungen am Arbeitsort werden immer wieder als Auslöser von Burnout genannt. Dazu gehören eine zu hohe Arbeitsbelastung, Zeitdruck, ein zu grosses Pensum, schlechtes Betriebsklima, wenig tragfähige Beziehungen zu den Mitarbeitenden, wachsende oder zu geringe Verantwortung, Nacht- und Schichtarbeit, Hierarchieprobleme, fehlende Unterstützung und positive Feedbacks der Vorgesetzten sowie Arbeiten, bei denen autonomes Denken und selbstständiges Handeln nicht erwünscht ist, Sachzwänge und weiteres mehr.
Neben auf diese Weise ausbrennenden Menschen ist auch von «Selbstverbrennern» die Rede. Das sind beispielsweise Leute, die über ein allzu grosses Pflichtgefühl verfügen und nie «Nein» sagen können. Ein Überengagement kann sich ins Gegenteil entwickeln. Es mündet langsam aber unaufhaltsam in einen Zustand zunehmender Erschöpfung.
Motivation, Kreativität, Gedächtnisleistung, Energie nehmen stetig ab. Durch Willensleistung werden Alarmsignale ignoriert, wodurch die Betroffenen umso stärker in einen Erschöpfungszustand geraten. Die Identifikation mit der Arbeit schwindet, es macht sich Zynismus breit. Laut Schätzungen sind in den westlichen Dienstleistungsgesellschaften bis zu sieben Prozent der arbeitenden Bevölkerung betroffen. «An der Aeskulap-Klinik haben wir ein neues Konzept für die Behandlung von psychosomatischen Leiden wie Burnout entwickelt. In unserem diagnostischen Ansatz suchen wir nach allen möglichen Ursachen. Sie liegen in drei Bereichen: körperliche Verfassung, psychische Lage und im sozialen Umfeld», sagt Chefarzt Cesar Winnicki, zu dessen Spezialgebieten neben der Psychosomatik auch die Behandlung von Magen-Darm-Leiden sowie chronischen Erkrankungen gehören
DIE DIAGNOSE
Bei der umfassenden Diagnostik in der Klinik werden folgende Punkte abgeklärt:
• Internistische Untersuchung (Eruierung von Problemen wie hoher Blutdruck, Übergewicht, Mangelzustände, Darmstörungen, energetische Blockaden);
• Psychiatrische Konsultation mit Analyse der soziopsychologischen Situation;
• Physiotherapeutische Untersuchung mit Funktionsanalyse des Bewegungsapparates und Konditionstest;
• Analyse der Körpermassen (BIA-Test) mit Angaben zur Fett- und Muskelmasse;
• Untersuchung der Herz-Raten-Variabilität (HRV) zur Beurteilung des vegetativen Nervensystems und der Regenerationsfähigkeit;
• Unterstützung bei Gesuchen um Kostengutsprache bei der Krankenkasse.
DIE THERAPIE
Aufgrund der Untersuchungsergebnisse wird für jeden Patienten aus den folgenden Elementen ein individuelles Therapieprogramm zusammengestellt:
Konventionelle Therapien
• Psychotherapeutische Einzeltherapie
• Option für paartherapeutische Interventionen
• Gruppentherapie und Gruppengespräche
• Biographie der Arbeitssituation
• Bewegungstherapie in Form von Morgenlauf, Walking, Wandern, Schwimmen, Aquafit und weiteren Sportarten
• Physiotherapie
• Filme, Diskussionen
Komplementärmedizinische Therapien
• Sauerstofftherapien (insbesondere Ozontherapie)
• Colon-Hydro-Therapie (eine spezielle Behandlung zur Sanierung des ganzen Darmes)
• Pflanzliche Heilmittel (Phytotherapie)
• Unterstützung der Darmflora durch Verabreichung von Probiotica
• Entspannungstechniken und Regenerationsübungen wie Yoga, Achtsamkeitsübungen, meditative Verfahren
• Kunsttherapie
• Coaching unter anderem für die persönliche Arbeitsmethode und Zeitmanagement
Frage des Zusammenspiels
Das Hauptziel ist die Herstellung einer Balance zwischen Körper, Psyche und dem sozialen Umfeld des Patienten. Demnach ist ein Behandlungsansatz entscheidend, bei dem Fachleute aus allen Bereichen, also Psychiater oder Psychologe, Arzt, Physiotherapeut und der Betroffene zusammenarbeiten. Burnout ist eine komplexe Krankheit, die sich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt. Ruhe, Gespräche und Fitnessprogramm sind wichtig, doch sie reichen in der Regel nicht aus. Hingegen ein umfassender Ansatz mit Einbezug der sozialen Aspekte kann die Wende herbeiführen. Wichtig ist ebenfalls, dass die Heilungsfortschritte langfristig beurteilt und unterstützt werden. Davon sind Cesar Winnicki und der Psychiater und Psychotherapeut Hans Peter Bruggisser überzeugt.
Worin unterscheidet sich der ganzheitliche Ansatz unter Einschluss der Komplementärmedizin von konventionellen Methoden zur Behandlung von Burnout? Winnicki: «Die erste Stärke ist der ganzheitliche interdisziplinäre Ansatz. Der zweite, dass wir alle Spezialisten unter einem Dach haben. Mit anderen Worten: Von der internistischen Abklärung über energetische Tests bis hin zur Sportberatung, Psychotherapie und Coaching kann alles in unserer Klinik in einer landschaftlich einmaligen Ambiance angeboten werden.»
Klinik im Park
Die Aeskulap-Klinik wurde 1990 als erstes Zentrum der Schweiz für Ärztliche Ganzheitsmedizin in Brunnen (SZ) gegründet. Heute sind 25 schul- und komplementärmedizinisch ausgebildete Fachärztinnen und Ärzte an der Aeskulap-Klinik tätig. Sie behandeln rund 3000 Patienten pro Jahr in den Kompetenzzentren Krebs, Urologie, Schmerztherapie, psychosomatische Leiden und Zahnmedizin.
Die Klinik liegt in einem schönen Park inmitten der herrlichen Bergwelt der Zentralschweiz unweit des Ufers des Vierwaldstättersees.
AESKULAP KLINIK, Gersauerstrasse 8, 6440 Brunnen
Tel. 041 825 47 47, Fax 041 825 48 00, www.aeskulap.com

Wie sich Ärzte schützen
Wenn das Lebensfeuer verglüht ist, kann ein neues entfacht werden. Doch dieses wird wieder erlöschen, wenn es nicht ab und zu neue Nahrung erhält. Wie in der Literatur zu lesen ist, soll bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen das Burnout-Syndrom besonders verhängnisvoll um sich greifen. Was tun die beiden viel beschäftigten Ärzte, um dem entgegenzuwirken? Winnicki: «Mein Leitsatz lautet ‹Mens sana in corpore sano›. Um meine Arbeitslast bewältigen zu können, treibe ich viel Sport, Mountainbike und Laufen. Zweimal in der Woche jogge ich morgens zur Arbeit.»
Für Hans Bruggisser gelten ganz ähnliche Prinzipien: Zur Bewältigung von Stress und Arbeitslast sind Bewegung und Sport unabdingbare Lebensbegleiter. Deswegen werden bei ihm Rennrad, Mountainbike und Fitness, Yoga, Meditation und Musik in kleinerem Masse, aber mit gleichwertiger Priorität wie die Arbeit, strikte so in seinen Wochenplan eingebaut, dass die Balance stimmt.
«Engagierte sind stärker gefährdet»
Burnout hängt nicht allein vom Arbeitsumfeld ab. Es gibt zusätzlich Persönlichkeitsmerkmale, die auf ein grösseres Risiko hinweisen, eines Tages auszubrennen, sagt Burnout-Spezialist Hans Peter Bruggisser.
Was ist Burnout genau?
Als Burnout wird ein psychischer und physischer Erschöpfungszustand bezeichnet in engem Zusammenhang zur Arbeitssituation der Betroffenen. Der Beginn einer subjektiv wahrgenommenen Abnahme von kognitiven Fähigkeiten – also den Fähigkeiten, aufmerksam oder kreativ zu sein – wird vorerst oft durch ein Mehrengagement kompensiert. Leider führt dies schon bald zu Fehlleistungen und tatsächlicher Leistungseinbusse bis hin zur teilweisen oder vollständigen Arbeitsunfähigkeit. Die Überlastung des vegetativen Nervensystems führt dann zusätzlich zu verschiedenen psychosomatischen Reaktionen.
Kommen weitere Aspekte beim Krankheitsbild dazu?
Ja, der Patient fühlt sich ausgelaugt und beginnt Kontakte zu vermeiden. Für Personen in seinem Umfeld ist er nicht mehr einfühlsam und hat keine Geduld mehr, auf andere einzugehen. Wahrnehmung und Gefühle gegenüber dem Ehepartner, den Kindern aber auch Menschen im Arbeitsumfeld werden negativ besetzt. Zynismus und Verstimmung machen sich breit. Oftmals sagen Nahestehende, dass sie den Betroffenen in seiner «neuen Art» kaum mehr wiedererkennen. Dies wiederum verstärkt Minderwertigkeitsgefühle und Pessimismus.
Ist das nicht verwandt mit einem depressiven Krankheitsbild?
Das Burnout-Syndrom ist als fortlaufender Prozess zu verstehen, der ohne geeignete und gezielte Hilfen in einer depressiven Störung mittleren bis schweren Grades enden kann.
Gibt es Menschen, die eher zu einem Burnout neigen als andere?
Menschen, die zu Ängstlichkeit neigen sowie zu depressivem oder misstrauischem Verhalten, haben ein erhöhtes Risiko auszubrennen. Dazu gehören auch Personen, die besonders engagiert und mit Enthusiasmus ihrer Arbeit nachgehen, um eines Tages feststellen zu müssen, dass ihr Einsatz nicht entsprechend gewürdigt oder gefördert wird. Besonders gefährdet sind Menschen, welche eine Arbeit mit einem Hang zu Perfektionismus angehen. Dabei werden Selbstwertgefühl und Frustrationstoleranz strapaziert.
Oft wird Arbeitsstress als Ursache genannt. Gibt es weitere Hintergründe?
Meiner Meinung nach schon: Burnout ist nur die Spitze des Eisbergs und sollte in einem grösseren Zusammenhang betrachtet werden, zum Beispiel mit der Entwicklung der Menschheit in den letzten hundert Jahren. Damals lag das Durchschnittsalter bei 48 Jahren, die Unterscheidung zwischen Jung und Alt war völlig ausreichend. Heute hat das Durchschnittsalter um mehr als 30 Jahre zugenommen, eine neue «Zwischen-Generation» ist entstanden, nennen wir sie «Menschen in der Lebensmitte». Auch diese mittlere Lebensphase ist vielen psycho-sozialen Stressfaktoren ausgesetzt, wie eigene Berufsarbeit und Karriere versus Familiengründung, Kindererziehung und Ausbildung. Hinzu kommen Partnerschaftsprobleme und nicht zuletzt die Konfrontation mit der Herkunftsfamilie und hilfsbedürftigen betagten Eltern. Neu auftretende Stressfaktoren erzeugen entsprechende neue Krankheitsbilder. Als kleinster gemeinsamer Nenner für solche Phänomene sind mir in den letzten Jahren eine Häufung von «erschöpfungsdepressiven Zustandsbildern» aufgefallen. Burnout wäre also in diesem Sinne die spezifische neue Krankheit im Zusammenhang mit neuzeitlichen, berufsspezifischen Stressfaktoren.
Bild: © FOTOLIA
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