Kooperieren statt konkurrieren

Joachim Bauer | Ausgabe 6 - 2009

Barack Obamas ist der mächtigste Mann der Welt. Weil er kooperieren kann und nicht, weil er der Stärkste unter den Skrupellosesten ist. Genau in diesem Punkt wurde Darwin missverstanden und missbraucht – von Nazis, Rassisten und heute von Raubtierkapitalisten.

«Bei den Wilden werden die an Geist und Körper Schwachen bald beseitigt. Auf der anderen Seite tun wir zivilisierten Menschen alles nur Mögliche, um den Prozess der Beseitigung aufzuhalten. Wir bauen Zufluchtstätten für die Schwachsinnigen, für die Krüppel und die Kranken. Niemand wird daran zweifeln, dass dies für die Rasse des Menschen in höchstem Masse schädlich sein muss.» Das hatte Darwin 1871 geschrieben. Unter Berufung auf solche Aussagen wurde in den darauf folgenden Jahrzehnten von viel gelesenen Autoren eine «neue Moral» ausgerufen. In einer Rede anlässlich Darwins hundertstem Geburtstag im Jahre 1908 rühmte der renommierte Münchner Medizinprofessor Max von Gruber das Prinzip von Kampf und Auslese, da es «die Missgebildeten, die Schwachen und die Minderwertigen» beseitige. Es waren somit akademische Eliten, die – unter ausdrücklicher Berufung auf Darwin – zwischen 1871 und 1933 den Boden für die einmaligen Verbrechen bereiteten, die dann folgen sollten.

Ego-Maschine Mensch?

Zwar sind die verbrecherischen Konzepte des Nationalsozialismus 1945 zusammen mit dem Hitlerregime untergegangen, der Darwinismus selbst hat jedoch glanzvoll überlebt. Seine stärksten Stützen hat er heute paradoxerweise in zwei Staaten, denen die Niederschlagung Nazideutschlands zu verdanken ist, nämlich in Grossbritannien und den USA. Im Jahre 1976 schrieb der britische Soziobiologe Richard Dawkins, nach eigenem Bekenntnis glühender Darwinist, den Weltbestseller «Das egoistische Gen». Dawkins postulierte, dass Gene egoistisch seien. Lebewesen seien von Genen gebaute «Maschinen», deren natürliche Bestimmung es sei, egoistisch zu handeln, um die in ihnen befindlichen Gene maximal in der Biosphäre zu verbreiten.

Wie Darwin unser Denken prägte
Nur wenige Wissenschaftler hatten mit ihrem Werk einen derart starken Einfluss wie der Engländer Charles Darwin (1802 bis 1882). Sein Hauptwerk «Über den Ursprung der Arten» feiert in diesem Herbst den 150. Jahrestag seines Erscheinens. Darwin begründete die moderne Evolutionstheorie mit seiner Erklärung, dass der Artenwandel und die Entstehung neuer Arten durch natürliche Selektion realisiert werde. Seine Arbeiten beeinflussten Biologie und Geologie grundlegend und gewannen auch Bedeutung für das moderne Denken. Seine verkürzt wiedergegebene und in vielen Köpfen so präsente Theorie, dass die Evolution einzig die Stärksten begünstige, ist bis heute für viele Rassisten und Ausbeuter die wissenschaftliche Legitimation für ihr Tun. kel

Der weltweite Raubtierkapitalismus

Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise ist somit die unmittelbare Folge eines Weltwirtschafts- und Weltfinanzsystems, das darwinistischen Prinzipien folgt. Um mit Darwins eigenen Worten zu sprechen: «Es muss für alle Menschen offene Konkurrenz bestehen, und es dürfen die Fähigsten nicht durch Gesetze oder Gebräuche daran gehindert werden, den grössten Erfolg zu haben.» Der fundamentale Irrtum liegt in der Annahme, dass diejenigen, die sich in einem unregulierten System des freien Wettbewerbs durchzusetzen wissen, langfristig gesehen «die Fähigsten» seien. Tatsächlich sind es lediglich die Skrupellosesten, die sich hier behaupten.

Der Mensch ist keine Kampfmaschine

Letztendlich geht es um die Frage, was Lebewesen ihrer Natur nach sind. Ungeachtet der erwähnten sozialdarwinistischen Äusserungen sah Darwin den einzelnen Menschen keineswegs als ein auf Konkurrenzkampf und Egoismus ausgerichtetes Wesen. Diese Perspektive Darwins, die den meisten unbekannt ist, findet sich in zwei wenig gelesenen späteren Werken. Darwin beschreibt darin den Menschen in völlig anderem Licht. Darwin äusserte hier die Meinung, dass alle Lebewesen primär nach Glück streben und dass der Mensch dieses Glück findet, wenn er seinen sozialen Instinkten folgt: «Die höchste Befriedigung stellt sich ein, wenn man ganz bestimmten Impulsen folgt, nämlich den sozialen Instinkten. Die Liebe derer zu gewinnen mit denen er zusammenlebt, ist ohne Zweifel die grösste Freude auf dieser Erde.» Von einem menschlichen Aggressionstrieb ist bei Darwin an keiner Stelle die Rede.

Was Darwin nicht wusste

Zusammenfassend beschrieb Darwin den Menschen als differenzierte Spezies, die von der Evolution unter den gleichen Selektionsdruck gestellt sei wie alle anderen Arten auch. Wenn es um das Fortbestehen der Art gehe, so Darwin, sei der untereinander ausgetragene Kampf ums Überleben gefordert. Andererseits sah er den Menschen als Individuum, bei dem nicht Kampfeslust, sondern die sozialen Instinkte im Vordergrund stehen. Charles Darwin hatte damals keine Kenntnis von Genen. Die Entdeckungen über die Grundregeln der Vererbung waren ihm daher unbekannt. Nach dem Konzept Dawkins sind nicht die Organismen, sondern Gene die eigentlichen Subjekte der Evolution und damit zugleich die Adresse der Selektion.

Der Organismus spielt gern Klavier

Diese Sicht wird selbst von darwinischen Biologen, unter Ihnen der aus Deutschland stammende Evolutionsbiologe Ernst Mayr, nicht geteilt. Die Vorstellung, Gene seien egoistisch ist absurd. Gene sind eine Klaviatur, die vom Organismus bespielt werden.
Unumstösslich ist Darwins Erkenntnis, dass alle Lebewesen nicht das Produkt eines Schöpfungsaktes im Sinne der Bibel, sondern das Ergebnis einer evolutionären Entwicklung sind. Weitere Aussagen Darwins sind heute jedoch nicht mehr  aufrecht zu erhalten. Darwin war der Meinung, der gegeneinander geführte Kampf sowohl von Individuen als auch von Arten sei das Hauptwerkzeug der Selektion. Diese Sicht erwies sich als unhaltbar.

Der überbewertete Kampf

Weitere Theorien wurden erschüttert, nachdem man kürzlich bei zahlreichen Lebewesen das gesamte Erbgut (Genom) entschlüsselt hatte. Dabei zeigte sich: Lebende Systeme, Organismen haben ein in ihnen selbst liegendes Potential, ihren genetischen Apparat nach eigenen Regeln umzubauen. Zu den Hauptirrtümern Darwins gehörte also nicht nur seine Überbewertung der Bedeutung des Kampfes. Auch die Sichtweise, dass Lebewesen lediglich Objekte der Evolution sind, deren Überleben davon abhängt, ob sie der Selektion entgehen können, ist zumindest unvollständig.

                                      Der Autor
Joachim Bauer ist Neurobiologe und Arzt. Er arbeitet am Uniklinikum Freiburg. Er war in der Genforschung tätig und wurde 1996 mit dem Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie ausgezeichnet. Bauer ist Autor von Sachbüchern, zuletzt erschien «Das kooperative Gen – Abschied vom Darwinismus» Verlag Hoffmann und Campe 2008 Fr. 34.90

Bilder: zVg

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