Kennen Schnecken die Zahl 3?

Leila Dregger | Ausgabe_10/17

Die einfachste, billigste und heilste Art, mit sogenannten Schädlingen umzugehen, ist, mit ihnen zu reden und Frieden zu schliessen. Funktioniert das?

@ Lina Hodel

Früher Morgen. Mein Nachbar ruft an. Ob ich bitte sein Salatbeet fotografieren könne. Doch was findet er so besonders an mehreren Reihen abgefressener Stümpfe und Schleimspuren? Schneckenfrass kenne ich zur Genüge. «Drei Reihen sind abgefressen, die anderen nicht angerührt», erklärt er. «Sie haben sich genau an die Vereinbarung gehalten – das ist ein grosser Erfolg!»

Mein Nachbar schwört auf Kooperation mit der Natur. Aber kann das funktionieren? Würden Schnecken, Raupen, Käfer freiwillig mit uns teilen, wenn wir sie darum bitten? Es klingt albern, und doch beteuern Praktiker, dass sie mehr und gesünderes Gemüse ernten, seit sie Vereinbarungen mit den Nahrungskonkurrenten treffen. Können sogenannte Schädlinge und Unkräuter zu Partnern werden?

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Verwandte Wesen. Wer Tiere und Pflanzen als Kooperationspartner wählt, geht davon aus, dass die Natur auf Symbiose, Partnerschaft und Gleichgewicht aufgebaut ist. Das entspricht dem indianischen Weltbild: Demnach sind alle Wesen verwandt. Tiere, Pflanzen, Sonne, Erde, Wasser arbeiten zusammen, damit eine Frucht gedeiht, die wir essen können. Ihnen Respekt zu erweisen, ihnen zu danken, ihnen einen Teil abzugeben, dient allen. Man sagt, dass der amerikanische Kontinent, bevor der weisse Mann kam, keineswegs Wildnis war, sondern Kulturland: sanft bewirtschaftet und gepflegt durch Kooperation zwischen Mensch, Tier und Pflanze.

Wie können wir uns aber mit einer Blattlaus, einer Raupe oder einer Quecke verständigen? Ist es nicht leichter, sie mit technischen, chemischen oder biologischen Mitteln zu bekämpfen? Leichter schon, aber auf Dauer nicht effektiv. Der sogenannte Pflanzenschutz schafft, wie man heute weiss, ein Ungleichgewicht. Tiere, die sich bedroht fühlen, vermehren sich manchmal besonders stark oder es treten andere Probleme auf, die immer mehr Kampf erfordern.

Eike Braunroth, Grundschullehrer aus Deutschland, lehrte 20 Jahre lang «Kooperation mit der Natur». Er geht davon aus, dass jedes Lebewesen ein Bewusstsein hat, einen Kern, mit dem wir kommunizieren können. Eine Schnecke muss nicht zählen können, um uns zu verstehen. Auch ein Computer muss nicht verstehen, was wir ihm eingeben. Doch wenn wir den Kanal des Respektes und der Liebe öffnen, ein Angebot klar genug formulieren, das sinnvoll für beide Seiten ist, dann erzeugt es einen entsprechenden Verhaltensimpuls im Tier oder in der Pflanze. Anders gesagt: Die Natur will dem Menschen folgen, wenn er klar und widerspruchsfrei informiert.

So gehts
Die vier Säulen der Kooperation mit der Natur
• Kontakt und Wahrnehmung
• Kommunikation und Verständigung
• Kooperation und gemeinsames Wirken
• Liebe und Eins-Sein
Drei Fragen für die Kontaktaufnahme
• Wer bist du?
• Kann ich dir helfen?
• Welchen Hinweis, welche Botschaft hast du für mich?

Probieren geht über Studieren. «Man sollte es einfach ausprobieren: nicht über die Mitlebewesen reden, sondern mit ihnen», sagt Heike Kessler, die seit acht Jahren Braunroths Lehre erfolgreich anwendet. «Jeder hat dazu eine anderen Weg. Manche meditieren. Andere schreiben Botschaften an den Gartenzaun. Ich selbst muss ein Tier sehen, es beobachten, kennenlernen, vielleicht anfassen. Das Wichtigste ist, es erstmal wahrzunehmen.»

Genau das geschieht meistens nicht, denn wir wissen ja: Spinnen sind unheimlich, Schweine unrein, Schnecken eklig, Ratten krankheitsübertragend, Raupen nimmersatt.

Doch Ekel- und Angstschranken behindern die Wahrnehmung. Wenn wir das Etikett beiseitelassen, wenn wir uns ernsthaft der Betrachtung von Tieren und Pflanzen widmen, lernen wir vieles – möglicherweise auch über uns selbst.

Wolfgang Römhild pflegt seit Jahrzehnten einen Biogarten zwischen Hochhäusern und Rasenflächen. Er kennt drei Gründe, aus denen tierische Mitnutzer einen Garten aufsuchen: «Entweder sind sie einfach da, weil sie hier leben. Manchmal tauchen sie vermehrt auf, weil sie überall verfolgt werden. Oder sie überbringen uns eine Botschaft, die genau für uns bestimmt ist.»

Eike Braunroths Rat für den Kontakt mit der Natur
• Schicke Liebe voraus und berühre erst dann!
• Schicke Freude voraus und berühre erst dann!
• Schicke Willkommen voraus und berühre erst dann!
• Schicke den Wunsch kennenzulernen voraus und berühre erst dann!
• Schicke den Wunsch zu teilen voraus und berühre erst dann!
Quelle: Eike Braunroth, «Heute schon eine Schnecke geküsst?»

Was bedeutet die Angst? Wenn die Mitlebewesen Abscheu oder Angst in uns auslösen, dann könnte es sein, dass die Tiere eine spezielle Botschaft für uns haben. Solche Tiere sind die besten Kooperationspartner, für die man sich probehalber für mindestens eine Vegetationsperiode verpflichtet. Lida V. wählte den Kartoffelkäfer. Von klein auf sammelte und tötete sie diese zu Tausenden, so war es üblich in ihrer Heimat Tschechien. «Was hat mich dazu gebracht, so viele Käfer zu vernichten? War es Hass?», fragt sie sich heute. «Ich sah neu hin, beobachtete die Käfer genau. Wie rasend sie fressen! Und auf einmal sah ich mich selbst – das war mein eigenes Essverhalten!» Lida entschied sich, nicht mehr mit Ekel auf die Käfer – auf sich selbst – zu reagieren, sondern mit Achtung, mit Sympathie, möglichst mit Liebe. «Ich sagte den Kartoffelkäfern in Gedanken, dass sie willkommen sind und ich sie nicht mehr töten werde. Ich lud sie ein, einen Teil der Ernte zu fressen – und mir den andern Teil zu überlassen. Das funktioniert sehr gut.»

Je präziser ein Wunsch geäussert wird und je klarer die Selbstverpflichtung, desto besser funktioniert es offenbar, auch das Zusammenleben mit Wespen und Ratten, Ameisen oder Beikräutern. Ulrich Kutschera, Biologie-Professor der Universität Kassel, indes hält die Kooperation mit der Natur für Esoterik und Suggestion und weist darauf hin, dass die Erfolge wissenschaftlich nicht belegt seien. «Pflanzen haben keine Ohren», betont er. Wenn ein Gespräch mit einer Pflanze eine positive Wirkung habe, dann sei dies auf das Kohlendioxyd in der Atemluft zurückzuführen, das Dünger für die Pflanze sei.

Für viele Praktiker sagt er damit vor allem eins: Dass es an der Zeit ist, dass die Wissenschaftler ihr Denken erweitern.

Buchtipps
• Eike Braunroth «Heute schon eine Schnecke geküsst?», Vega Verlag e.K., 2002, Fr. 21.90
• Hans-Peter Posavac «Schneckenflüstern statt Schneckenkorn», Neue Erde, 2011, Fr. 14.90

Illustration: Lina Hodel

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