Kampf mit Geist

Fabrice Müller | Ausgabe_11/17

Die japanische Kampfkunst Aikidō ist mehr als eine Selbstverteidigungstechnik. «Der Weg der Harmonie» ist eine Persönlichkeitsschulung, die Körper, Geist und «Ki» miteinander verbindet.

@ Aikido Ikeda Dojo, Zürich, mauritius-images.com, istockphoto.com

Aikidō Ikeda Dojo in Zürich.Fast wie ein Tanz wirken die runden, spiralförmigen Bewegungen der Kämpfenden. Da wirbelt eine junge Frau ihren viel grösseren und viel kräftigeren Trainingspartner scheinbar leicht und locker um sich herum, nachdem sie seinem Angriff zuvor geschickt ausgewichen ist. Der Mann hat die Frau von vorne angegriffen, sie seine Energie genutzt und so den Angreifer aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Übung zeigt: Je heftiger der Angriff, desto schwungvoller die Verteidigung. Der Angreifer landet bäuchlings auf der Matte, wo ihn die junge Frau mit einem Armdrehhebel festhält und zur Aufgabe zwingt.

Es gibt viele Aikidō-Techniken, bei denen die Energie des Gegners genutzt wird. Wie vielseitig sie kombiniert und eingesetzt werden können, präsentiert Hansruedi Nef, Präsident des Verbandes Swiss Aikikai ACSA und Chef der technischen Kommission im Aikidō Ikeda Dojo. Die Energien des Angriffs und der Verteidigung fliessen ineinander über, ergänzen sich und sorgen für harmonische Bewegungen, die optisch durch den typischen japanischen Hosenrock Hakama unterstrichen werden.

Die Kraft des Kreises. Aikidō heisst sinngemäss «Weg der Harmonie» und gilt als eine moderne und friedfertige Erscheinungsform der japanischen Kampfkünste (Budo). Sie beinhaltet zwar das Erbe der Tradition rund um die Spiritualität und Kampfkünste des alten Japan, führt diese Traditionen aber nicht blindlings fort. Entgegen dem Zeitgeist weigern sich die Vertreter dieser Kampfkunst aber bis heute, ihren Sport wettkampforientiert auszuüben und lehnen alle Formen des Wettkampfs oder von Turnieren ab. Denn laut Aikidō-Gründer Ueshiba Morihei kann nichts dem Budo mehr schaden als Egoismus und Selbstsucht.

Die Hauptmerkmale der Aikidō-Techniken sind Freiheit und Spontaneität in kreisförmiger Bewegung. Diese Betonung der Dynamik des Kreises hat einige interessante Entwicklungen hervorgerufen. Die kreisförmigen Drehungen vermitteln den Eindruck eines gleichmässig fliessenden choreografierten Tanzes, elegant und schwebend – obwohl das Aikidō auch harte Techniken wie direkte Schläge und Handgelenktechniken lehrt. Diese wurden von alten Kampfkünsten übernommen. Andere Techniken beschreiben einen weiten Bogen, wie etwa das Werfen und Zu-Boden-Führen eines Gegners sowie die Anpassung an seine Bewegungen. Dennoch kann Aikidō auf engem Raum ausgeführt werden, ganz im Gegenteil zu den linearen Bewegungen anderer Kampfkunstformen, bei denen der direkte Vorwärts- oder Rückw.rtsstoss den Eindruck erhöhter Gewalt erweckt und die folglich wesentlich mehr Platz für ihre Ausführung benötigen.

Die kreisförmigen Bewegungen dienen im Aikidō dazu, die Kraft des Gegners zu bändigen und lenken. Aikidō-Gründer Ueshiba Morihei übernahm das Prinzip, wonach das Weiche das Harte bezwingt und das Nachgiebige das Unnachgiebige besiegt, aus der Kampfsportart Ju-Jutsu – jedoch mit einem grundlegenden Unterschied: Im traditionellen Ju-Jutsu wird gelehrt: Wenn du geschoben wirst, ziehe zurück; wenn du gezogen wirst, schiebe vorwärts. In den kreisförmigen Bewegungen des Aikidō wird dies zu: Wenn du geschoben wirst, drehe dich und weiche aus; wenn zu gezogen wirst, trete mit kreisförmiger Bewegung ein. Gleichzeitig wird der Gegner aus dem Gleichgewicht gebracht, denn wenn er dieses verliert, verliert er auch all seine Kraft.

Der Angegriffene hingegen reagiert von einer Mitte aus und nutzt seine eigene Energie wie auch die Energie des Angreifers zur Verteidigung. Jede Hand- und Fussbewegung ist Ausdruck eines Gleichgewichtssinns aus einem stabilen Zentrum heraus. Beim Aikidō werden – im Vergleich zu anderen Sportarten – nie Bewegungen ausgeführt, bei denen das Handgelenk in die entgegengesetzte Richtung gedreht wird. Denn unnatürliches, erzwungenes Drehen birgt Verletzungsgefahr.

Dies liest sich jetzt furchtbar kompliziert, und es ist in der Tat nicht so einfach. Doch die Praxis zeigt: Fast jeder Mensch kann Aikidō praktizieren – und davon profitieren.

2500 Schweizer Aikidokas. Grundsätzlich ist Aikidō für alle Menschen ab zirka zehn Jahren bis ins hohe Alter geeignet. Im Aikidō Ikeda Dojo Zürich trainieren insgesamt rund 60 Frauen und Männer verschiedener Alterskategorien. Schweizweit praktizieren schätzungsweise 2500 Aikidōkas in 70 bis 80 Dojos. Sie sind in drei nationalen Verbänden organisiert, die ihren eigenen Stilrichtungen und Meistern folgen. Viele Dojos bieten Kurse für Einsteiger an. Im Gegensatz zu anderen Kampfsportarten gilt Aikidō als schwieriger zu erlernen. Dies liegt laut Hansruedi Nef daran, dass im Aikidō mehrheitlich mit runden Bewegungen gearbeitet wird. «Diese liegen uns Menschen meist weniger als eckige Abläufe.» Wer sich trotzdem für Aikidō entscheide, fühle sich oft von der Philosophie und Spiritualität dieser Kampfkunst angesprochen. Oder von den actionreichen Bewegungen mit verschiedenen Fall- und Wurftechniken.

Weil die Energie des Angreifers zur Verteidigung genutzt wird, sei der erfolgreiche Einsatz der Aikidō-Techniken keine Frage der Kraft, sondern der bewussten Umleitung der Energien, erklärt Nef. Die Arbeit mit Energien ist nicht von Muskelkraft und Körpergrösse abhängig. Das ist wohl mit ein Grund, wieso sich auch viele Frauen für diese Kampfkunst interessieren. Sie profitieren nicht nur von einem gesteigerten Selbstvertrauen. «Im Aikidō lernen wir den Umgang mit Energien, seien es physische im Training oder auch Angriffe psychischer Art sowie Stress im Alltag. So werden wir fein fühliger, gelassener und gehen durch das bewusste Atmen besser mit Ängsten um», schildert Nef. Für ihn ist Aikidō eine Lebensschule. Aikidō beinhaltet Bewegung, Fitness, Philosophie und Kopfarbeit. Somit kann es für alle Lebensbereiche angewandt werden. Und es vermittle ein gutes Körpergefühl. «Man wird beweglicher, verliert die Angst vor dem Fallen und gewinnt mehr Vertrauen in seinen Körper.»

Aikido?
Der Name Aikidō wird aus drei japanischen Schriftzeichen geformt (合気道; Ai «Harmonie», Ki «Lebensenergie» bzw. «universelle Energie», Dō «Lebensweg») und kann als «Der Weg der Harmonie im Zusammenspiel mit Energie», «Weg zur Harmonie der Kräfte» oder «Der Weg der Harmonie mit der Energie des Universums» übersetzt werden.

Einheit von Geist und Körper. Das Herzstück des Aikidō als spiritueller Weg ist Ki, die weltschaffende Kraft, die auch im Innersten eines jeden Menschen schlummert und darauf wartet, entdeckt und aktiviert zu werden. «Beim Aikidō-Training ist die Einheit von Ki, Geist und Körper das höchste Ziel. Von Anfang an wird dem Fluss des Ki als universelle Energie grosse Aufmerksamkeit geschenkt.

Den Schülern wird beigebracht, dass Ki in einem stabilen und starken Zentrum konzentriert ist», erklärt Kisshomaru Ueshiba, Sohn des Aikidō-Gründers und Autor des Buches «Der Geist des Aikidō». Das Zentrum befindet sich im natürlichen Schwerpunkt des Menschen, also etwa fünf Zentimeter unter halb des Bauchnabels. Wenn Ki durch Arme, Hände und Fingerspitzen fliesst, werden die Hände zu einer waffenlosen Waffe.

Der Kern des Aikidō, also die Einheit von Ki, Geist und Körper, muss von der ganzen Person erfasst werden. Wenn wir ihn lediglich als spirituelle Realität auffassen, werden wir vielleicht doktrinär und verfallen in Abstraktionen. Wenn er nur als Technik und physisches Können betrachtet wird, dann begnügt man sich mit einer vereinfachenden Erklärung motorischer Abläufe. Der Kern umfasst sowohl das Spirituelle als auch das Körperliche. Ueshiba Morihei sah den menschlichen Körper als konkrete Vereinigung des Physischen und des Spirituellen, die vom Kosmos erschaffen wurden. Das Aikidō-Training sei deshalb ein Training für den menschlichen Lebensweg.

Buchtipp
Kisshomaru Ueshiba «Der Geist des Aikido», Werner Kristkeitz Verlag, 1993 Fr. 26.–

Links
www.aikido-ikeda.ch

Fotos: Aikido Ikeda Dojo, Zürich, mauritius-images.com, istockphoto.com

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