Joggen in Krisenzeiten
Öko-Lisa rennt der Wirtschaftskrise davon. Doch das schlechte Gewissen läuft mit, denn: Die Halbwertszeit guter Joggingschuhe beträgt eine Ewigkeit – und eine Abwrackprämie ist nicht in Sicht.
Regelmässiges Laufen erhöht die Herzkraft, führt zur Senkung des Ruhe- und Ausdauerpulses, verbessert die Fliessfähigkeit des Bluts, baut Stresshormone ab und Glückshormone auf, beugt Venenproblemen vor, steigert die Lungenkapazität und wirkt dem Knochenschwund entgegen. Wer also könnte etwas dagegen haben, dass ich dreimal die Woche für eine Stunde in mässigem Tempo durch die Gegend laufe, wenn sich dadurch meine Lebensqualität verbessern und die Lebenszeit bedeutend verlängern lässt? Viel wichtiger als ein perfekt auf Taille geschnittenes, atmungsaktives Shirt sind jedoch die Schuhe. Sie sollen dem Fuss Halt bieten, die Gelenke schonen und umweltverträglich sein.
Es ist zum Verzweifeln
Auch wenn sie nicht den Eindruck erwecken: herkömmliche Laufschuhe sind ein ökologischer Sündenfall. Bis zu 1000 Jahre kann es dauern, ehe sie auf einer Mülldeponie liegend in ihre Einzelteile zerfleddern. Da bemüht man sich tagtäglich darum, Nachhaltigkeit in den Alltag reinzubringen, zerlegt artig jeden Joghurtbecher in seine Einzelteile, trennt Alu von Plastik um schliesslich feststellen zu müssen, dass man als Jogger kläglich versagt hat. Natürlich könnte ich probieren, fortan in Massai-Manier barfuss über Stock und Stein zu rennen. Doch tauge ich weder zum Umweltgewissen der Laufszene, noch verspüre ich Lust, mir als Folge meines selbst auferlegten Barfuss-Laufens Zentimeter dicke Hornhaut von den Zehen schaben zu müssen.
Der Griff zur Feile erübrigt sich sowieso, jetzt, wo der erste «grüne Turnschuh» auf den Markt gekommen ist. Seine mikrobakterielle Zersetzungsrate benötigt gerade mal einen Fünfzigstel der bisherigen Zeit, ermöglicht den Abbau des Materials und dessen Umwandlung in verwertbare Nebenprodukte in nur 20 Jahren. Eine gute Sache, nur hat die Innovation auch ihren Preis. Vielleicht müsste ein konkreter Anreiz geschaffen werden. So wie in Deutschland. Warum also nicht eine Abwrackprämie auf alte Laufschuhe – zum Wohle der Natur und gegen die Krise?
Die Autorin
Geboren 1970 in Bern, arbeitet Nicole Amrein als freie Journalistin und Romanautorin. Nach ihrer Tätigkeit als News-Moderatorin bei einem Schweizer Fernsehsender, war sie unter anderem Redaktionsleiterin verschiedener Frauenmagazine sowie Autorin bei einem Gastromagazin.
Jeden Monat gewährt sie uns einen unterhaltsamen satirischen und intimen Blick ins Tagebuch von Öko-Lisa. Mehr von ihr unter www.nicoleamrein.ch
Illustration: © Manuela Lanfranconi
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