Interview
«Der Halter ist das Problem»
Der Verhaltensforscher und Katzenexperte Dennis Turner
ist überzeugt, dass seriöse Tierpsychologen viele Verhaltensprobleme
von Tieren entschärfen können.
Vermenschlicht das Tier, wer seine Katze, seinen Hund oder sein Pferd psychisch behandeln lässt?
Ganz und gar nicht. Unsere Methoden basieren erstens auf biologischen Erkenntnissen des natürlichen Verhaltens der Tiere und zweitens auf der Lernpsychologie und Lerntheorie. Tierpsychologie lässt sich auch definieren als Verhaltensforschung kombiniert mit einfühlendem Verstehen des einzelnen Tieres – inklusive seiner Vorgeschichte und Erfahrungen mit Artgenossen und Menschen.
Was kann der Tierpsychologe erfolgreich behandeln, was nicht?
Wenn er richtig ausgebildet wurde, ist sehr viel möglich. Allerdings brauchen die verhaltenstherapeutischen Massnahmen Zeit, bis sie Wirkung zeigen, und vom Tierhalter respektive von allen Menschen des Haushalts zudem die Bereitschaft, die Instruktionen genau auszuführen. Bei Hunden können zum Beispiel Ängste und Phobien, Aggressionsprobleme, Dominanzprobleme oder Unsauberkeit behandelt werden; bei Katzen Harnmarkieren, Unsauberkeit, unerwünschtes Krallenwetzen. Aus ethischen Gründen äusserst schwierig zu behandeln ist hingegen Aggression gegenüber Kindern und das Jagdverhalten bei Jagdhunderassen. Letzteres hat einen evolutionsbiologischen und züchterischen Hintergrund. Bei Katzen schwierig zu behandeln sind Aggressionen gegenüber ihresgleichen, wenn sie nicht während ihrer Jugend gegenüber anderen Katzen sozialisiert wurden.
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«Wenn Tiere einen Vogel haben»: «natürlich leben»-Redakteur Andreas Krebs schreibt über die Tierpsychologen und deren Hilfeversprechen.
Wem nützt die Behandlung primär: dem Tier oder dem Tierhalter?
Oft beiden. Eine Verhaltensstörung oder ein störendes Verhalten des Tieres trübt ja die Beziehung zwischen dem Tierhalter und seinem Tier. Bei Hunden sind oft
auch falsche Umgangsformen der Halter Grund oder Teil der Probleme. Der Tierpsychologe muss diese korrigieren und demonstrieren, wie es richtig gemacht wird. Auch bei Katzen sind oft Haltungsfehler vorhanden. Der Tierpsychologe muss diese feststellen und dem Halter klar machen, wie sie zu korrigieren sind.
Gibt es Hunde- und Katzenrassen, die besonders gut respektive schlecht auf psychologische Behandlungen ansprechen?
Nein, nur Halter, die nicht bereit sind oder sich die Zeit nicht nehmen können, um die Behandlungsvorschläge oder therapeutischen Massnahmen korrekt und oft genug durchzuführen. Deshalb können die Berater keine Erfolgsgarantie abgeben. Doch die Statistiken belegen gute Erfolgsaussichten, vor allem weil es sich nicht um Symptombekämpfung handelt. Tierpsychologen eruieren die Ursachen eines Problems und wirken dem entgegen.
Ist Tierpsychologie auch auf Nutztiere anwendbar?
Sicher, denn alle Tiere haben ihre artspezifischen Bedürfnisse und sind lernfähig. Und Tierpsychologie basiert ja grösstenteils auf der Analyse der Haltungsbedingungen und auf lerntheoretischen Methoden.
Wie seriös sind sogenannte Tierkommunikatoren?
Das meiste ist Projektion und Vermenschlichung. Allerdings müssen auch Tierpsychologen die tierische Kommunikation, die Signale und was sie bedeuten, erkennen und verstehen, um ein Verhalten richtig interpretieren zu können.
Zur Person
Der international renommierte Verhaltensforscher und Katzenexperte Dennis C. Turner (61) ist Privatdozent an der Universität Zürich für Verhaltenskunde der Kleintiere und Verwaltungsratspräsident des Instituts für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in Hirzel (ZH). Das private Institut erforscht das Verhalten domestizierter Tiere, vor allem Katzen und Hunde, sowie die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren und bietet Ausbildungen in tierpsychologischer Beratung an. Turner veröffentlichte unter anderem das wissenschaftliche Standardwerk «The Domestic Cat» und das Sachbuch «Die Mensch-Katze-Beziehung. Ethologische und psychologische Aspekte». Mehr unter www.turner-iet.ch
Foto: willgame / flickr / cc
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