In der Wachstumsfalle
Die Abkehr vom Erdöl und der Ausstieg aus der Atomenergie sind möglich. Dazu müssen wir alle Energieträger effizienter, sparsamer und am richtigen Ort einsetzen. Das bringt mehr als die Stromproduktion aus Wind- und Sonnenenergie.
Die Ursache unserer wachsenden Abhängigkeit von fossiler und nuklearer Energie ist das stetige Wachstum des Verbrauchs. Wer sich vom Erdöl und Atomstrom befreien will, muss deshalb zuerst die Nachfrage nach Energie vermindern und zweitens erneuerbare Energien dort einsetzen, wo sie die grösste Wirkung erzielen.
Abkehr vom Erdöl
Wenn die Medien über Energie berichten, so informieren sie hierzulande vorwiegend über die Elektrizität. Dieser Fokus ist einseitig. Denn der Anteil des Stroms am gesamten Endverbrauch in der Schweiz beträgt nur 24 Prozent. Den grössten Teil unseres Energiebedarfs, nämlich 55 Prozent, decken wir immer noch mit Erdölprodukten, die Autos antreiben und den Grossteil der Häuser heizen. Hier wird am meisten verschwendet, und hier liegt denn auch das grösste Sparpotenzial. Wir sollten das Erdöl verlassen, bevor es uns verlässt.
• Beispiel Verkehr: Das Durchschnittsauto, das in der Schweiz verkehrt, verbraucht auf dem Prüfstand acht Liter Benzin pro hundert Kilometer, in der Praxis etwas mehr. Grund: Um eine Person von A nach B zu befördern, setzen Autofahrende 1,5 Tonnen Blech und Kunststoff in Bewegung, angetrieben von einem Motor mit einem lausigen Wirkungsgrad. Tief ist dieser Wirkungsgrad deshalb, weil die meisten Motoren auf Spitzengeschwindigkeiten von 180 bis 200 km/h ausgerichtet sind, obwohl das Gesetz maximal 120 km/h erlaubt. Würden Autos und Motoren optimal auf den im Normalverkehr geltenden Fahrzyklus herunter dimensioniert, so hat ETH-Professor Lino Guzzella ermittelt, liesse sich der Benzinverbrauch mehr als halbieren. Wer vom Auto aufs Velo umsteigt, kommt für die gleiche Strecke sogar mit einem Fünfzigstel an «Treibstoff» (in Form von Nahrungskalorien) aus.
• Beispiel Raumwärme: Häuser, die sich mit einem Wärmeenergiebedarf von drei Liter Erdöleinheiten pro Quadratmeter oder noch weniger begnügen, entsprechen heute dem Stand der guten Technik. Trotzdem erlauben die meisten Kantone weiterhin Neubauten, die bis zu neun Liter Erdöl pro Quadratmeter verheizen. Hier liegt ein riesiges Sparpotenzial brach: Mit strengeren Vorschriften für Neubauten und einer Lenkungsabgabe auf Heizenergie, die den Anreiz zur energetisch optimalen Sanierung von Altbauten erhöht, liesse sich der Wärmeenergiebedarf von Häusern massiv senken. Dann wäre es auch einfacher, den Restbedarf zu ersetzen, sei es durch Sonnenkollektoren, Holz, Erd-, Umgebungs- oder Abwärme.
Grosses Sparpotenzial
Einen Teil der grossen Menge an Erdöl und Erdgas, der sich in den Bereichen Verkehr und Raumwärme problemlos einsparen liesse, könnte die Schweiz einsetzen, um ihre Atom- durch effizientere Gaskombi-Kraftwerke und fossile Anlagen mit Wärmekraftkopplung (WKK) zu ersetzen. Doch ein vollständiger Ersatz ist gar nicht nötig. Denn auch beim Atomstrom besteht ein grosses Sparpotenzial, indem wir unsinnigen Stromeinsatz unterlassen oder durch Steigerung der Energieeffizienz reduzieren.
Zwei Beispiele
• Elektroheizungen und Elektroboiler allein verbrauchen in der Schweiz rund acht Milliarden Kilowattstunden (kWh) Strom; das entspricht einem Drittel der atomaren Stromproduktion im Inland. Der Grossteil davon ist ersetzbar, sei es durch Sonnenkollektoren, fossile WKK-Anlagen, Wärmepumpen oder Holzheizungen.
• Mit Verbrauchsvorschriften für Licht, Elektromotoren und andere Elektrogeräte, die sich am Stand der besten Praxis orientieren, kann die Schweiz ihren Stromverbrauch schon bis 2020 um weitere sechs Milliarden Kilowattstunden (kWh) pro Jahr oder zehn Prozent reduzieren. Allein dieses Potenzial zur Steigerung der Energieeffizienz ist grösser als die gesamte Stromproduktion aus allen neuen erneuerbaren Energien, die der Bund im Energiegesetz bis 2030 anpeilt (5,4 Milliarden kWh). Schon in den letzten Jahren sind immer sparsamere Elektrogeräte auf den Markt gekommen. Doch deren erhöhte Stromeffizienz wurde durch eine wachsende Zahl an strombetriebenen Geräten und Anlagen überkompensiert. Deshalb braucht es neben Effizienz auch Suffizienz, also Genügsamkeit. Wie hoch dieses Suffizienz-Potenzial ist, zeigen Erfahrungswerte der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich. Demnach verbrauchen verschwenderische Haushalte rund drei Mal mehr Strom als sparsame.
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«Woher der Wind weht»: Markus Kellenberger im Gespräch mit Bernhard Gutknecht von der Suisse Ecole, der Vereinigung zur Förderung der Windenergie.
Zurück zur Sonnenenergie
Die Wende zu einer zukunftsverträglichen Energieversorgung beginnt also dort, wo heute am meisten Energie verwendet und verschwendet wird. Nur so kann sich die Schweiz der 2000 Watt-Gesellschaft annähern. Das bedeutet nicht, auf den Einsatz von Sonnenenergie und anderer erneuerbarer Energieträger zu verzichten. Im Gegenteil: Wir sollten unseren Energieverbrauch nicht nur senken, sondern den Anteil der Sonne am verbleibenden Bedarf erhöhen.
Zum Teil ist das ohne Spitzentechnik und ohne einen Rappen Subvention möglich: Allein durch den konsequenten Umstieg von Wäschetrocknern auf Wäscheleinen könnte die Schweiz 20-mal mehr Atomstrom durch Sonnenwärme ersetzen, als alle Fotovoltaik-Anlagen im Jahr 2008 produziert haben. Sinnvoll ist auch der Einsatz von Sonnenkollektoren, um Boilerwasser aufzuwärmen oder einen Teil der Heizwärme zu erzeugen, denn pro Quadratmeter Fläche erzeugt ein Sonnenkollektor vier- bis fünfmal mehr Energie in Form von Nutzwärme als eine Fotovoltaik-Anlage in Form von Strom.
Fazit
Je weniger Erdöl, Atomstrom und andere nicht erneuerbare Energien wir verbrauchen, desto stärker steigt der Anteil, den wir mit Sonnenenergie, landschaftsschonender Wind- und naturschonender Wasserkraft decken können.
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