Im Wort liegt die Kraft

Fabrice Müller | Ausgabe_10/17

Mit Worten kann man lieben, loben, lustig sein oder Hass schüren und Kriege anzetteln. Die gewaltfreie Kommunikation baut auf Respekt und Wertschätzung.

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Mit Beleidigungen und Hasstiraden zieht Twitter-Präsident Donald Trump die Aufmerksamkeit auf sich. Der nordkoreanische Präsident Kim Jong-un hält dagegen. Die Welt hält den Atem an. Zetteln die Psychopathen einen Atomkrieg an? Auch im Privaten gilt: Worte sind die meistverbreitete Waffe und die Zunge eines der schärfsten Schwerter. Wenn uns jemand mit Worten angreift, neigen wir dazu, uns zu verteidigen und zurückzubläffen. Das daraus entstehende Wortgefecht bringt jedoch meist keine Seite weiter, sondern belastet oder zerstört eher die Beziehung der Gesprächspartner, die plötzlich zu Gesprächsgegnern geworden sind.

Marshall Rosenberg, Entwickler der gewaltfreien Kommunikation, bezeichnet eine aggressive Sprache als «Wolfssprache». Diese führe dazu, dass sich der andere schlecht fühlt, sich wehrt oder ausweicht. Die Wolfssprache ist laut Rosenberg gekennzeichnet durch Analyse («Wenn du das beachtet hättest . . . »), Kritik («So ist das falsch, das macht man so . . . »), Interpretationen («Du machst das, weil . . . »), Wertungen («Du bis klug, faul, falsch . . . »), Strafandrohungen («Wenn du nicht sofort, dann . . . ») und Selbstgerechtigkeit («Ich habe recht . . . »).

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Grenzen überschreiten. Im digitalen Zeitalter spielt die Kommunikation eine zentrale Rolle. Noch nie waren die Kommunikationsmöglichkeiten so vielfältig wie heute. Und trotzdem scheint die Qualität der zwischenmenschlichen Kommunikation oftmals nicht von diesem technischen Fortschritt zu profitieren, im Gegenteil: «Ich stelle heutzutage erstaunlich wenig Bewusstsein und Sensibilität gegenüber der Kommunikation und ihrem Gewaltpotenzial fest», sagt Marco Ronzani, ein international tätiger Berater für lösungsfokussierte Organisationsentwicklung, Konfliktmanagement und kooperative Kommunikation mit einem Lehrauftrag für Verhandlungstechnik und Mediation an der juristischen Fakultät der Universität Basel; er gibt Seminare und Fortbildungen in gewaltfreier lösungsfokussierter Kommunikation, einer Weiterentwicklung des Ansatzes von Rosenberg, unter anderem am Ausbildungsinstitut perspectiva in Basel. «Gewalt in der Kommunikation kann in allen Bereichen des Lebens festgestellt werden», sagt Ronzani, «von der Familie über den Beruf bis hin zu Politik und Medien». Dies bestätigt der Kommunikationsexperte Marcus Knill aus Laufen-Uhwiesen (ZH): «Grundsätzlich ist die politische Kommunikation martialischer geworden», sagt er. «Heute greifen Linke und Rechte den Gegner hart an. Zum Teil werden Grenzen überschritten. Vor allem dort, wo andersdenkende Menschen in ihrer Würde verletzt werden.» Wenn jedoch der Respekt gegenüber dem «Gegner» völlig verloren gehe, werde es gefährlich, warnt Knill und plädiert für mehr Wertschätzung den Gesprächspartnern gegenüber. Denn: «Wer einem anderen Menschen Respekt und Wertschätzung entgegenbringt, wählt seine Worte mit Bedacht.» Knill ist überzeugt, dass die sozialen Medien und insbesondere auch das Smartphone zu einer Abstumpfung und Verrohung der Sprache beigetragen haben. Von übertriebenen Verboten hält der Kommunikationstrainer allerdings nichts: «Extreme Verbote lösen meist Gegenreaktionen aus, wie wir am Beispiel der USA beobachten können.»

Distanzierung und Entfremdung. Von Gewalt geprägte Kommunikation wirkt negativ auf Gespräche und Beziehungen. «Be- oder verurteilende Formulierungen schaffen Distanz und können Verbundenheit zerstören, die Basis jeder konstruktiven Beziehung», erläutert Ronzani. Ähnliches passiere, wenn die Gefühle des Gegenübers nicht respektiert werden – etwa im Sinne von: «Du musst nicht traurig sein.» Auch die mangelnde Wahrnehmung der Bedürfnisse des Gesprächspartners könne zu einer Zerreissprobe werden. Der Gesprächspartner fühle sich nicht ernst genommen, so Ronzani. «Die Art, wie man sich äussert, was man vom anderen will, ist relevant. Respektlose und fordernde Formulierungen führen meist zu einer Distanzierung und Entfremdung unter den Menschen.»

Forderungen, Anklagen, Kritik, Vorwürfe, Schuldzuweisungen sind typisch für die aggressive Sprache – es sind, nach den Grundideen der gewaltfreien Kommunikation, «verkappte Wünsche». Weil wir nicht gelernt haben, richtig zu bitten, unsere Wünsche konstruktiv und in einer annehmbaren Form zu äussern, greifen wir zur aggressiven Sprache, so Ronzani. «Wir glauben, nur über Druck, Zwang und Manipulation unsere Ziele erreichen zu können. Wenn man keinen passenden Schlüssel für die Türe hat, öffnet man sie halt mit Gewalt. Es mangelt an Kommunikationskompetenzen.»

Dabei wäre es doch so einfach: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wunsch erfüllt wird, steigt, wenn er ohne Anklage, Schuldzuweisung, Kritik oder andere «Stachelwörter» präsentiert wird. Bei Angriffen begibt sich der Kommunikationsempfänger automatisch in Verteidigungshaltung, um seinen Selbstwert und sein positives Selbstbild zu schützen. Aggression erzeugt Gegenaggression, gebiert aber selten Lösungen.

Beobachten statt bewerten. Einen anderen Ansatz verfolgt die gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg. Das Konzept entstand aus seiner Auseinandersetzung mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den frühen 1960er-Jahren. Er half dabei, die Rassentrennung an Schulen und Institutionen auf friedvollem Wege rückgängig zu machen. Die GfK soll allgemein den Kommunikationsfluss zwischen Menschen in allen Lebensbereichen verbessern. Laut Ronzani ist die gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg mehr als nur eine Kommunikationsmethode. Vielmehr könne sie als tiefgreifender Prozess der Persönlichkeitsentwicklung verstanden werden, der zu einer umfassenderen empathischen Haltung mit sich selbst und anderen führe. «Die gewaltfreie lösungsfokussierte Kommunikation ist ein Prozess, der mich daran erinnert und mir bewusst macht, dass sowohl ich als auch mein Gegenüber in jedem Moment eine Wahlmöglichkeit haben – nämlich mir und anderen entweder das Leben zu erschweren oder das Leben zu bereichern.»

Die gewaltfreie Kommunikation zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie aus einer beobachtenden Haltung hervorkommt, nicht aus einer wertenden. Gefühle werden wahrgenommen und benannt, Bedürfnisse ernst genommen; auf der Grundlage der Bedürfnisse werden statt Forderungen klare und erfüllbare Bitten geäussert. «Wer über seine Beobachtung und das dabei erlebte Gefühl anstatt über die Beurteilung kommuniziert, nähert sich dem Gesprächspartner mit Empathie an», erklärt Ronzani. «Mit dem sich in den anderen Einfühlen versuchen wir, das Bedürfnis des Gesprächspartners zu erkunden und uns mit ihm zu verbinden.» Auf diese Weise entstehe eine grössere Verbundenheit auf emotionaler und kognitiver Ebene. Dies wiederum erhöhe die Chance massiv, eigene Ziele gemeinsam mit anderen Menschen zu erreichen und sozial erfolgreicher zu sein.

Wie wichtig der Umgang mit den Bedürfnissen ist, betont auch Priska Bader in ihrer Bachelor Thesis «Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg» an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten 2015. Demnach gelten Bedürfnisse als die Ursache des menschlichen Verhaltens. Die Emotionen wurden in der Studienarbeit als Wegweiser zu den dahinterliegenden, unerfüllten Bedürfnissen identifiziert. Eine wichtige Rolle im Umgang mit Gefühlen spiele die Empathie, die, so Bader, Voraussetzung für eine gewaltfreie Kommunikation ist.

Paradigmenwechsel im Unterricht. Gute Erfahrungen mit der gewaltfreien Kommunikation im Schulunterricht macht zum Beispiel Renate Jaggi aus Biel. Sie ist Lehrerin an einer integrativen Schule, Dozentin in der Fortbildung von Erziehenden und Autorin des Lehrmittels «Die kleine Giraffe Hadija – Gewaltfreie lösungsfokussierte Kommunikation mit Kindern». «Die Arbeit mit der gewaltfreien Kommunikation löste im Schulunterricht einen Paradigmenwechsel aus», sagt sie. «Wir haben weniger Konflikte und andere Probleme. Die Kinder setzen sich mehr für andere Kinder ein, das erleichtert die Beziehungsarbeit in der Klasse.» Jaggi setzt auf einen konsequent ressourcenorientierten Unterricht und stellt dabei fest: «Man löst die besseren Leistungen bei den Kindern aus, wenn man sie anhand ihrer Stärken fördert, anstatt sich auf Defizite zu konzentrieren.» Dabei werde weder beschönigt noch weggeschaut, betont sie. «Es geht einzig um die Stärkung der Kinder. Die Bewertung, die das Schulgesetz fordert, bekommt so eine andere Gewichtung.»

Wichtig sei, so die Experten, die gewaltfreie Kommunikation zu trainieren, bewusst zu pflegen und die Ressourcenfokussierung als Ritual einzusetzen und fest ins Leben zu integrieren. Eine wichtige Erkenntnis der Rhetorik ist laut Marcus Knill, dass Worte wirkungsvoller sind, wenn sie mit einem Bild gekoppelt werden. «Die Kraft und suggestive Wirkung von Bildern ist oft nachhaltiger als das abstrakte Wort alleine», sagt er. «Worte können Menschen beeinflussen, Macht ausüben, Worte führten zu Kreuzzügen und Glaubenskriegen.» Ob auf der Weltbühne oder im Privaten: Letztlich gehe es darum, das richtige Wort zur richtigen Zeit zu sagen.

Buchtipps
• Marshall B. Rosenberg «Gewaltfreie Kommunikation und Macht in Institutionen, Gesellschaft und Familie», Verlag Vilma Costetti, 2017, Fr. 25.90
• Liane Faust, Andreas Basu «Gewaltfreie Kommunikation», Haufe Taschen Guide, 2015, Fr. 12.90

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