Im Dienste Ihrer Majestät

Andreas Krebs | Ausgabe 8 - 2008

Wespen stehen nicht zuoberst auf der Beliebtheitsskala. Dabei sind es äusserst faszinierende Wesen – und es lässt sich meist auch gut mit ihnen leben.

Eines schönen Julitages. Das Nest, an dem die Wespenkönigin gerade ihre dritte Wabe baut, besteht erst aus einem wenigen Millimeter langen Stiel. Die Königin ist gut zwei Monate in Verzug. Wahrscheinlich ist es ihr zweiter Versuch, hier, bei unserer Garage, einen neuen Staat aufzubauen. Vielleicht hat eine längere Schlechtwetterperiode im Frühsommer den ersten Anlauf zunichte gemacht. Vielleicht wurde ihr früheres Nest aber auch von einem Wespenbussard oder von Menschenhand zerstört. Die Wespe fliegt unermüdlich hin und her, raspelt mit ihren kräftigen Oberkiefern verwittertes Holz, bindet dieses mit Speichel, baut am Nest, tagelang.

Klimatisierte Wohnung

Die meisten Wespenarten bauen graue Nester, so auch unsere Bauherrin. Verfärbungen weisen darauf hin, dass sie verschiedene Holzarten verwendet haben. Viele konstruieren um die Waben zusätzlich eine Hülle und teilweise darum noch eine zweite. Die Luftschicht zwischen den beiden Hüllen dient der Wärmedämmung, um das Klima im Nest konstant zu halten. Das ist gerade in unseren Breiten mit ihrer wechselhaften Witterung wichtig. Die optimale Nesttemperatur beträgt 30 Grad Celsius. Bei drohender Unterkühlung alarmieren die Wespenlarven durch besondere Bewegungen und mittels Duftstoffen die Arbeiterinnen. Diese erzeugen dann durch Zitterbewegungen der Brustmuskulatur Wärme und heizen so das Nestinnere auf.

Bei zu hohen Temperaturen sitzen die Arbeiterinnen dagegen am Flugloch und lassen ihre Flügel vibrieren. Auf diese Weise führen sie Frischluft ins Nest, die dort durch weitere Arbeiterinnenflügel verteilt wird. Bei extremer Hitze schaffen Wespen sogar Wasser heran, verteilen es auf den Waben und fächern mit den Flügeln, damit das Wasser verdunstet und dadurch Wärme abgeführt wird.

Obwohl der Baustoff der frei hängenden grauen Wespennester eine ähnliche Konsistenz wie Papier aufweist, sind sie recht widerstandsfähig gegen mechanische Einwirkungen und Witterungseinflüsse. Arten wie die Rote, die Deutsche oder die Gemeine Wespe sowie Hornissen bauen ockerfarbene bis braune Nester. Diese sind wesentlich spröder, denn ihre Konstrukteure verwenden morsches Holz. Sie bauen ihre Behausungen deshalb im Schutz von Baumhöhlen, Erdlöchern, aber auch unter Dachziegeln und in Rollladenkästen.

Die einen lästig, die anderen nützlich

Die Nester der Deutschen und Gemeinen Wespe können einen Durchmesser von bis zu zwei Metern einnehmen, ihre Staaten bis zu 7000 Individuen zählen. Die beiden Arten fühlen sich in fast allen Kulturlandschaften wohl, sie sind bis im November aktiv – und sie sind schuld am schlechten Ruf der Wespen: Sie sind es, die uns als ungebetene Gäste am Esstisch besuchen, auch wenn ihre Nester einige Kilometer entfernt liegen. Nisten diese Arten in einem Dachstock und stören arg, ist der Ruf nach einer Schädlingsbekämpfungsfirma oder der Feuerwehr unumgänglich.

Freuen hingegen kann sich, bei wem Hornissen nisten, die grösste heimische Wespenart. Ein Hornissenvolk vernichtet pro Tag einige hundert Fliegen, Mücken, Spinnen, Bremsen, Wespen und andere lästigen Insekten. Die imposanten Brummer sind zudem friedliebend und wollen auch nicht an unseren Mahlzeiten teilhaben.

Hornissen sind selten geworden, in Österreich und Deutschland sind sie geschützt, auch in der Schweiz stehen sie auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Sie bevorzugen naturnahe Mischwälder mit alten, durchhöhlten Bäumen. Weil wir ihnen vielerorts diese Lebensgrundlage geraubt haben, sind ihre Bestände zurückgegangen. Aus Not besiedeln sie mitunter auch DachstöckeGartenhäuschen. Hannes Baur vom Naturhistorischen Museum Bern rät, Hornissennester und alle frei hängenden, kugeligen Wespennester, wenn irgend möglich zu lassen, wo sie sind. «Das sind Nester schöner, gutmütiger und eher seltener Arten», sagt er.

Wespen gehören zusammen mit Bienen und Ameisen zu den Hautflüglern, den Hymenopteren, erklärt Baur. Von denen gebe es in der Schweiz schätzungsweise 11000 Arten. Die grosse Mehrheit der Wespen lebe solitär. Nur etwa 20 Arten bilden laut dem Fachmann Staaten. «Wespen sind geschickte Jäger und vertilgen massenhaft Insekten und Spinnen», sagt er, «deshalb sind sie wichtig für das ökologische Gleichgewicht in der Natur».

Hält man einige Meter Abstand zu einem Nest, kann man gut mit Wespen zusammenleben. Nur Allergiker müssen besondere Vorsichtsmassnahmen treffen, denn bei ihnen kann ein Wespenstich einen  anaphylaktischen Schock auslösen. Dabei kommt es zu einer Extremreaktion des Immunsystems, die unter Umständen lebensbedrohend sein kann. Zirka fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung sind betroffen.

Tipps zum Umgang mit Wespen

Wenn man Wespen nicht bedrängt, sind sie nicht aggressiv.
Nicht fuchteln und ruhig bleiben.
Den Tisch nach dem Essen abräumen, Speisereste wegwischen; keine Esswaren und Getränke offen herumstehen lassen.
Dünne Trinkhalme verwenden, vor allem für Kinder. Den Mund von Kindern nach dem Essen feucht abwischen.
Parfüms können Wespen anziehen beziehungsweise irritieren.
Verirrt sich eine Wespe unter das T-Shirt – ruhig bleiben. Der Wespe helfen herauszufinden oder das T-Shirt vorsichtig ausziehen.
Allenfalls Fenster mit Fliegengitter versehen.
Wer Wespen mag, kann abseits des Tisches auf einem Tellerchen etwas Zuckerwasser oder Wurst für sie bereitstellen.
Wer Wespen nicht mag, kann halbierte Zitronen mit Gewürznelken spicken und in Tischnähe aufreihen.
Falls ein Nest an seinem Standort stört, frühzeitig Feuerwehr oder private Schädlingsbekämpfungsfirma kontaktieren und das Nest wenn möglich umsiedeln.
Nicht barfuss durch Gärten und Wiesen gehen, in denen Fallobst liegt, dort halten sich Wespen und Bienen gerne am Boden auf.
Auch in der Nähe von Abfallkörben im Freien sind Bienen und Wespen oft auf Nahrungssuche.

Entsorgen oder umsiedeln?

Ende Juli. Das Nest unserer einsamen Königin misst nun drei Zentimeter. In jede Wabe klebt sie ein Ei. Daraus schlüpfen nach fünf Tagen hungrige Larven, die die Königin mit eiweissreicher Beute füttert, sodass sie schnell fett werden. Schon bald verschliesst die erste ihre Zelle mit einem Deckel. Die anderen werden weiter von der Königin gefüttert. Parallel zur Fütterung vergrössert sie ständig das Nest – für sie sind es stressige Tage.

Von wegen Stress: Meine Partnerin hat das Nest bei der Garage inzwischen auch entdeckt. Das sei gefährlich, meint sie. Weg damit!

«Wir kommen schnell vorbei», sagt ein Herr Stutz von der alarmierten Feuerwehr. Ich wolle das Nest gerne hängen lassen, teile ich ihm mit, es ist noch sehr klein. «Das wird dann rassig grösser», meint Stutz. «Wenn Sie den Mut haben, können Sie das Nest abschaben, in einen Karton legen und mindestens vier Kilometer weit weg wieder aussiedeln.» Umsiedeln, immerhin.

Im Internet finden sich Artikel und Infoblätter, in denen steht: Keine Angst vor Wespen. Der Verfasser, der Winterthurer Wespenspezialist Jakob Forster, sagt am Telefon, jetzt könne ich das Nest noch mit einem Spatel abschaben. Und in einem späteren Stadium? Verbrennen, zertrampeln oder vergraben. Ich rufe die Naturschutzorganisation Pro Natura an. Bevor man irgendetwas unternehme, müsse man wissen, um welche Art es sich bei unseren Wespen handle. Ich solle Fotos schicken, der Kopf der Wespen müsse deutlich erkennbar sein, anhand dessen könne man die Art bestimmen.

Strikte Aufgabenteilung

Die abgebildeten Wespen seien Feldwespen und gehörten vermutlich zur Art Polistes dominulus, kommt später der Bescheid. Sie seien sehr friedlich und selbst bei Störungen im Nestbereich nicht aggressiv. Also Entwarnung.

Ab April tauchen die ersten Feldwespen-Königinnen auf, um mit der Gründung eines neuen Staates zu beginnen. Bei der Art wird dieser mit 10 bis 30 Tieren und einem Nestdurchmesser von 5 bis 8 Zentimetern klein bleiben. Das graue Nest besteht aus nur einer Wabenetage und hat keine Aussenhülle. Ende Juli erscheinen die Männchen, die sich mit den frisch geschlüpften Königinnen der nächsten Generation paaren. Im Herbst sterben alle Wespen bis auf die begatteten Majestäten, die den Winter an einem geschützten Ort überdauern. Feldwespen ernähren sich von Insekten und Blütennektar.

Mitte August werden die ersten Töchter unserer Feldwespenkönigin schlüpfen. Diese kann sich von da an ganz dem Eierlegen widmen. Ihre Töchter sind zum Arbeiten bestimmt. Mit chemischen Botenstoffen hat sie die Reifung ihrer Eierstöcke unterdrückt und sie zu unfruchtbaren Arbeiterinnen gemacht. Nur wenn die Königin stirbt, können sie in beschränktem Masse Eier legen. Vier Wochen dauert ein Arbeiterleben. Zunächst betätigen sie sich als Ammen; anschliessend transportieren sie Baumaterial und Wasser, dann jagen sie; vor ihrem Tod bleiben sie schliesslich als Wächterinnen beim Nest.

Ende August wird unser Staat aus etwa einem guten Dutzend Feldwespen bestehen. Die Arbeiterinnen beginnen grössere Wabenzellen zu bauen. In diese legt die Königin befruchtete und unbefruchtete Eier. Aus den befruchteten schlüpfen Königinnen und aus den unbefruchteten Drohnen, die männlichen Wespen. Die Arbeiterinnen kümmern sich um diese Brut besonders eifrig.

Im September und Oktober fliegen die jungen Königinnen und die Drohnen aus. Die Wespen verschiedener Staaten treffen sich zur Paarung. Im Gegensatz zu Bienen findet bei ihnen die Fortpflanzung am Boden statt. Mit dem Wegflug und dem jahreszeitlich bedingten knapperen Nahrungsangebot zerfällt die soziale Organisation im Wespenstaat. Königin und Arbeiterinnen sterben. Die Verbliebenen zerren die letzten Larven aus den Waben, manche fressen sie. Die Drohnen sterben kurz nach der Paarung.

Die jungen, begatteten Königinnen suchen Schutz vor der Kälte in Baumhöhlen, Holzschuppen, Mauerlöchern, Rindenspalten, Holzstapeln oder unter Moos und Reisighaufen. Dank reichen Fettreserven und niedrigem Stoffwechsel können sie dort sechs Monate ausharren; eine Art physiologisches Frostschutzmittel schützt ihren Organismus vor Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Trotzdem überleben viele Königinnen den Winter nicht. Sie werden dezimiert durch Feuchtigkeit, Schimmelpilze, Mäuse, Maulwürfe, Vögel und Menschen. Jene, die überleben, verlassen ab Mitte April an sonnigen Tagen ihre Unterschlüpfe, suchen einen geeigneten Ort für ihr Nest und gebären ein neues Volk.

Internet
www.wespenschutz.ch
www.aktion-wespenschutz.de
www.hornissenschutz.ch
www.hornissenschutz.de
www.hymenoptera.de

Literatur
• Bellmann und Honomichl: «Biologie und Ökologie der Insekten»,
Spektrum Verlag 2007, Fr.74.90
• Wolf Richard Günzel: «Das Insektenhotel»,
Pala-Verlag 2007, Fr. 25.90
• Heiko Bellmann: «Bienen, Wespen, Ameisen»,
Kosmos Verlag 2005, Fr. 36.90

Bilder: © Hugo Zumsteg, Andreas Krebs, Günther Dotzler / PIXELIO, Dietmar Meinert / PIXELIO, Webgalerist / FOTALIA

Tags (Stichworte): HornissenInsektenWespenZoologie

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