Hoffnung Spiritualität

Lioba Schneemann | Ausgabe_04/2017

Die Suche nach Sinn und unserem inneren Wesen sind zentrale Aspekte des Menschen.

@ Lina Hodel

Typisch menschliche Fähigkeiten – das analytische Denken und die Logik – haben uns dahin gebracht, wo wir heute stehen: Wir verschwenden wissentlich die Ressourcen unseres Planeten, zerstören unsere Lebensgrundlagen und könnten fast alles höhere Leben auf der Erde mit Waffen vernichten. Die aus den Fugen geratene Welt ist kein Zufallsprodukt. Wir wissen, dass wir es in der Hand haben, zu handeln und Wege einzuschlagen, die dazu führen, nachhaltiger, sinnvoller und in Würde zu leben. Und der Weg dorthin ist auch bekannt: Philosophen, Psychologen, Theologen und Wissenschaftler sind sich einig, dass er über die Spiritualität führt.

Es besteht die reale Hoffnung, dass Moral und Ethik, Mitgefühl und Humanität wieder in weiten Kreisen der Wirtschaft und Politik, Medien und Gesellschaft Einzug halten könnten. Der Buchautor und Neurobiologe Gerald Hüther spricht von einer «zweiten Aufklärung», die bereits begonnen habe: «Diese wird uns zurück zu uns selbst führen und zur Entdeckung, dass wir das, was wir im Aussen suchen, nur im Innern finden können.» Derzeit jedoch scheint uns eine gelebte Spiritualität abhandengekommen zu sein.

Wo finden wir den «Spirit»? Der lateinische Begriffe «spiritus» steht für Geist, Seele, Atem, Hauch. Der Begriff Spiritualität meint die Beziehung zu uns selbst und zur Welt, angefangen beim Umgang mit unserem Körper und Geist. Das beinhaltet die Art, wie wir atmen, essen, stehen und gehen. Spiritualität ist demzufolge nichts «Abgehobenes» oder Esoterisches, in dem Sinn, dass sie nur wenigen zugänglich ist. Im Gegenteil: Jeder Mensch kann – und sollte wohl – ein spirituelles Leben leben.

Mit Spiritualität wird eine nach Sinn und Bedeutung suchende Lebenseinstellung bezeichnet, bei der sich der Mensch seines göttlichen Ursprungs bewusst ist, und eine Verbundenheit mit anderen, mit der Natur sowie dem Göttlichen und dem Universum spürt. Dieses Bewusstsein führt dazu, sich mit Lehren, Erfahrungen oder Einsichten zu befassen. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Lebensführung und die ethischen Vorstellungen. Heute wird der Begriff zunehmend ohne Gottesbezug aufgefasst. Auch der Dalai Lama bezeichnet die grundlegenden menschlichen Werte, wie Güte, Freundlichkeit und Mitgefühl, als Grundspiritualität. Die Werte des Humanismus können für sich allein schon zum eigentlichen Lebensweg werden.

Spiritualität bedeutet also, den grösseren Zusammenhang wahrzunehmen, systemisch zu denken und zu handeln. Man kann es auch einfacher ausdrücken: «Spiritualität ist nichts anderes, als mit Freude und Glück als einer Realität in Berührung zu kommen», wie die Gestalttherapeutin Katharina Martin und Helmut Wetzel in einem Aufsatz über die «Praxis der Spiritualität» schreiben.

Innere Erfahrungen. «Spirituelles oder geistliches Leben beginnt in der Beziehung zu mir selber: Es geht um das Erfahren der Einheit und Balance von Körper, Seele und Geist. Sei es beim bewussten Atmen in Stille, in Bewegung oder indem ich mir mitten im stressigen Alltag des Atems bewusst bin», erklärt der Theologe Lukas Niederberger. Schon die Mystikerin Teresa von Avila sagte: «Tue dem Leib Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.»

Jeder Mensch hat ein spirituelles Potenzial. Und wohl jeder stellt sich im Laufe des Lebens fundamentale, existenzielle Fragen, um den Sinn des Lebens zu begreifen: Woher kommen wir? Wohin geht die Reise? Gibt es eine höhere Macht? «Antworten dazu geben die Religionen», sagen Katharina Martin und Helmut Wetzel. Aber erst wer sich aufmache, das Leben in jeder Frage selbst zu suchen, begebe sich auf den spirituellen Weg.

Orte der Spiritualität
Eine Auswahl an Seminarhäusern und Klöstern für Meditation und Einkehr, Rückzug und Auszeit.
• Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, 6313 Edlibach, www.lasalle-haus.org
• Meditationszentrum Beatenberg, 3803 Beatenberg, www.karuna.ch
• Zentrum der Einheit Schweibenalp, 3855 Brienz, info@schweibenalp.ch
• Rigi Klösterli, 6410 Rigi-Klösterli, www.kloesterli.ch
• Villa Unspunnen, 3812 Wilderswil, www.villaunspunnen.ch
• Stiftung Felsentor, 6354 Vitznau, www.felsentor.ch

Es gibt viele Wege. Yoga, Meditation, Sufi-Mystik oder Kabbala sind seit vielen Jahren im Trend. Auch das stark wachsende Interesse an östlichen Religionen und einer konkreten Lebensphilosophie wie dem Buddhismus und der daraus entnommenen Praxis der Achtsamkeit, sind deutliche Zeichen für unsere Suche nach Ruhe und Stille, Einkehr, Geistlichkeit und einem ganzheitlichen Leben – nach einer Erfahrung von Verbundenheit mit anderen und mit der Natur. Kognitiv haben wir die Vernetzung und die Abhängigkeit aller Dinge verstanden, so der Religionswissenschaftler und Zen-Lehrer Michael von Brück in seinem Buch «Damit das Denken Sinn bekommt». Jedoch müssten wir intelligenter werden als wir gegenwärtig seien. Nicht die Veränderung unserer Umwelt nach unseren Vorstellungen oder Begehrlichkeiten, sondern das «sich selbst gestalten» ist gemäss von Brück der Weg zum Sinn und Glück.

Lukas Niederberger rät: «Bauen Sie eine Seinsmacht auf, sodass Sie vom Haben und Tun immer mehr zum Sein gelangen. Konzentration auf das eine, sich zweckfreie Zeit schenken und sich auf den jeweiligen Augenblick konzentrieren – das können wir von den Kindern lernen.» Genauso wie das Ein- und Ausatmen sei das Leben ein Zyklus von Nehmen und Geben, Aufbauen und Loslassen, Gebären und Sterben, so der Theologe.

Aufgabe von uns allen. Die Suche nach den Möglichkeiten eines sinnvollen Lebens lässt sich nicht delegieren. Jedoch kann jeder lernen und üben – denn gelebte Spiritualität ist weniger eine Technik als eine Lebenshaltung. Üben kann man auch im Alltäglichen. Unabhängig von der Art und Weise, wie, wo und wie oft man sich Zeiten und Räume der Einkehr, Besinnung, Reflexion und Stille gönnt – ein spirituelles Leben verlangt Kontinuität, ein Dranbleiben und Wiederholen. Mögliche Formen sind Spazieren gehen, Morgen- und Abendmeditation oder -gebete, Achtsamkeit im Alltag üben, Dankbarkeit und Mitgefühl ausdrücken. Man kann Wartezeiten bewusst gestalten, Stille wahrnehmen auf dem Arbeitsweg, schweigend essen oder sich mit spiritueller Lektüre und geistlicher Musik beschäftigen, ein Tagebuch führen, sich Sabbatzeiten gönnen oder pilgern. Unterstützend sei es, so Niederberger, mit Gleichgesinnten unterwegs zu sein. Aber auch alleine lohne sich das Üben: «Ich geniesse es zum Beispiel, mitten im Bahnhofgewühl oder an der Kasse im Supermarkt einfach ein paar Male bewusst ein- und auszuatmen. Das hilft schon, sich nicht im Allerlei zu verlieren, sondern im Hier und Jetzt zu leben. Und wer präsent ist im Augenblick, wird auch zu einem Präsent für andere.»

Der Buchtipp
Gerald Hüther, Wolfgang Roth, Michael von Brück: «Damit das Denken Sinn bekommt – Spiritualität, Vernunft und Selbsterkenntnis.» Herder, 2013, Fr. 14.90

Illustrationen: Lina Hodel

Tags (Stichworte):

Kommentare

  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben (Lesen Sie bitte unsere Regeln)

Sie haben noch kein Username und Passwort? Hier können Sie sich kostenlos bei «Natürlich» registrieren.

Alles Wichtige dabei

Sonnenschein, blauer Himmel und endlich Ferien – höchste Zeit also, die Wanderschuhe zu schnüren. Allzu schwer sollte der Rucksack natürlich nicht sein. Diese 10 Dinge sollten aber auf jeden Fall mit, wenn es zu Fuss über Stock und Stein geht.

Natürlich im Juli 2017


Inhalt

Vorschau
Archiv

Schnupper Abo
4 Ausgaben für 20 Franken
Jetzt profitieren!

Aboservice

Natürlich Newsletter

Das neuste gibts jetzt natürlich auch per Mail

Zwei Mal pro Monat bietet Ihnen der «natürlich»-Newsletter kostenlos wertvolle Gesundheitstipps und und informiert Sie über Neues aus dem Magazin.

Jetzt Newsletter abonnieren


Archiv

eBook-Edition

Die 20 besten Heilkräuter
Gegen fast jedes Übel ist ein Kraut gewachsen – Unsere Experten haben in diesem eBook die besten und wirkungsvollsten Heilkräuter ausgewählt und für Sie zusammengestellt. 

Will ich sehen!


Natürlich HomeMagazinArtikelArtikel: Hoffnung Spiritualität