Heinz Knieriemen über
kosmische Rituale und entgleiste Menschen
Nicht länger die Natur und der Lauf der Sterne bestimmen unseren Lebensrhythmus,
sondern die Bedürfnisse der Wirtschaft und die Möglichkeiten moderner Medikamente.
Je weiter sich der Mensch aber vom kosmischen Ganzen entfernt, desto mehr ebnet er neuen Krankheiten den Weg.

Wenn wir von Rhythmen und ihren Wirkungen sprechen, meinen wir die regelmässige Rückkehr bestimmter Impulse, die wir in uns selber, aber auch in den Lebenszusammenhängen von Pflanzen und Tieren wie im gesamten Kosmos wahrnehmen können. Rita wird im Ayurveda diese Ordnung genannt, und als Ritu werden die vom Kosmos vorgegebenen Jahreszeiten bezeichnet. Der Ritus, die Rituale bilden den harmonischen Fluss der Jahreszeiten und sind dem kosmischen Rhythmus angepasst. Im Jahreslauf erleben wir aufsteigende und absteigende Rhythmen, die im Gang der Erde um die Sonne ihre Ursache haben. Mit der Länge des Tages, dem Licht, steigt auch der Saft in den Bäumen auf. Es setzt eine Vitalisierung ein, deren Ausdruck ein saftiges Maiengrün ist. Es folgt die Zeit der Bestäubung. Bald können die Fruchtansätze bewundert werden. Das Sonnenjahr strebt seinem Höhepunkt zu. Die Früchte reifen, Blätter fallen. Und mit der dunklen Jahreszeit beginnt wieder ein neuer Jahresrhythmus der Sonne.
Der entgleiste Mensch
Auch in unserem Organismus findet ein ständiger rhythmischer Wechsel von Zuständen statt: Aktivität und Ruhe, Energieaufnahme, Verarbeitung und Abbau, Zellwachstum und -teilung und vieles mehr. Wo wir hinschauen – Rhythmen durchdringen uns wie die gesamte Natur. Alle Lebensvorgänge fügen sich in ihrem zeitlichen Ablauf in eine umfassende physikalische und kosmische Ordnung ein. Sie folgen dem Wechsel der Jahreszeiten, den Mondphasen, den Gezeiten, dem Tagesrhythmus. Pflanzen und Tiere sind diesen Gesetzen so sehr
unterworfen, dass wir nach ihrem Verhalten regelrecht die Uhr stellen können. Viele solcher Rhythmen der Natur sind aus dem Tier und Pflanzenreich bekannt. Lediglich der Mensch scheint diesem Zusammenhang entwachsen. Einst war sein Verhalten den Zeitordnungen streng angepasst. Doch je weiter Zivilisation und Technik fortschreiten, desto mehr legte er die scheinbar lästigen Fesseln ab.
Die Entwicklung unserer Kultur ist geprägt durch immer grössere Leistungen pro Zeiteinheit. Dem entspricht als Maxime das Verlangen nach Verfügbarkeit von allem, zu jeder Zeit, mit geringster Anstrengung. Geschwindigkeit und Zeitersparnis sind zum Wert an sich geworden, dessen Sinn nicht infrage gestellt wird. Das hat Auswirkungen auf die innere biologische Uhr, unseren Lebensrhythmus und damit auch auf die Mahlzeiten, das Essverhalten und letztlich auf die Gesundheit. Wir drohen aus dem Rhythmus zu geraten und das menschliche Mass zu verlieren.
Zeit hat einen Preis
Der heutige Mensch verfügt über die technischen Mittel, die Nacht zum Tage zu machen. In seinen künstlichen Lebensräumen kann er überall und jederzeit jedes beliebige Klima herstellen. Mit chemisch-pharmazeutischen Mitteln verwandelt er Wachheit in Schlaf und Müdigkeit in Leistungsbereitschaft. Auf Interkontinentalflügen wechselt er sprunghaft Zeitzonen und Jahreszeiten. Schrittmacher können den Rhythmus seines Herzschlags künstlich steuern. Mit Hormonpräparaten ist es möglich, den Menstruationszyklus, der früher auf den Mondrhythmus reagierte, zu verschieben oder zu unterbrechen. Fortschreitend emanzipiert sich der Mensch von den naturgegebenen Rhythmen des Lebens.
Nicht zufällig hat sich in diesem Zeitraum das Spektrum der Krankheiten grundlegend gewandelt – und damit das Verhältnis des Kranken und der Krankheit zur Zeit. Ob Krebs, Aids oder Diabetes, Arteriosklerose, Polyarthritis oder die sporadisch auftauchenden Virusinfektionen, die eine clevere Impfindustrie auf den Plan rufen: Die Krankheiten unserer Zeit haben keinen klar abgegrenzten Beginn und keine eigene Zeitstruktur – sie haben sich wie der Mensch den Rhythmen entzogen.
Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich leben» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.
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