Heinz Knieriemen über
die unendliche Asbest-Geschichte

Heinz Knieriemen | Ausgabe 01 - 2010

Asbest fordert immer noch tausende Tote. Die Geschichte der Krebs verursachenden Faser ist ein Lehrbeispiel dafür, wie sorglos mit gefährlichen Materialien umgegangen wird. Bei der Nanotechnologie zeichnet sich ein ähnliches Problem ab.

Der sorglose und häufig im Wissen um die Gefahren gar unverantwortliche und rücksichtslose Umgang mit Asbest ist in seinen Auswirkungen einer von vielen Skandalen, die uns auch in die Zukunft begleiten werden. Obwohl die Brust- und Bauchfellkrebs erzeugende Wirkung der Asbestfasern bereits in den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts bekannt war, wurden zwischen 1950 und 1987 allein in der damaligen Bundesrepublik Deutschland noch annähernd fünf MillionenTonnen Rohasbest verarbeitet.

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Das fasrige Mineral wurde wegen seiner guten Isoliereigenschaften und der Nichtbrennbarkeit in fast 4000 Produkten eingesetzt: neben dem bereits erwähnten Asbestzement in der Bauwirtschaft, aber auch dort, wo es niemand vermutet, nämlich in Haarföhnen, Elektroheizungen oder als Farbzusatz. Die Rate der an Asbeststaublunge und Brustfellkrebs erkrankten Asbestarbeiter stieg wegen der langen Latenzzeit bis zum Ausbruch der Krankheit erst gegen 1980 rapid an, also gerade in dem Moment, als weltweit meist halbherzig begonnen wurde, zumindest partielle Verbote zu erlassen.

Dass viel zu lange gewartet worden ist, belegt die geschilderte Situation mit immer neuen Asbestberufskrankheiten. Innerhalb der Europäischen Union durfte Asbest bis 1994 im Tiefbau eingesetzt werden, und die Chlorchemie griff gar bis 1999 auf die Faser zurück. 2001 musste die EU-Kommission in Brüssel den Hauptsitz, das Symbolgebäude der europäischen Einigung, wegen Asbestverseuchung räumen und sanieren lassen.

Schmidheiny vor Gericht
Mitte Dezember hat in der italienischen Industriestadt Turin der Prozess gegen den Schweizer Milliardär Stephan Schmidheiny begonnen. Schmidheiny und dem belgischen Baron Jean-Louis de Cartier, den beiden laut Anklage ehemals Verantwortlichen für vier Asbest-Fabriken der Eternit S. p. A. Genua, wird vorgeworfen, zwischen 1966 und 1986 Sicherheitsmassnahmen unterlassen zu haben und darum direkt für den Tod von 2056 Menschen verantwortlich zu sein. Den beiden Angeklagten drohen lange Gefängnisstrafen und Entschädigungszahlungen in der Höhe von mehreren hundert Millionen Franken. Nach Angaben der Turiner Staatsanwaltschaft handelt es sich um einen der grössten Prozesse in Sachen Umwelt und Gesundheit in Europa.

Die Opfer von Lipari

Das Krebs erzeugende Prinzip Faser wirkt nicht durch seine chemischen Inhaltsstoffe, sondern durch die lungengängige Form. Wir wissen aus der Geschichte, dass beispielsweisebeim Abbau und der Verarbeitung von Bimsstein auf der Insel Lipari nahe Neapel viele Menschen durch den eingeatmeten Feinstaub den Tod oder schwere gesundheitliche Schäden erlitten haben. Das Krankheitsbild der Lungenschädigungen wurde nach der Insel Liparose genannt.

Vincenzo Consolo schildert in seinem 1984 veröffentlichten Roman «Das Lächeln des unbekannten Matrosen» Sizilien und die Liparischen Inseln des Jahres 1850 und geht dabei auf die Liparose ein. Seit dieser Zeit war also manifest, welch verheerende Folgen das Einatmen von glasfaserartigen Mineralstäuben für die Gesundheit der Arbeiter haben kann.

Die Geschichte des Asbests wie des Bimssteinabbaus ist eine Geschichte des Versagens und bewussten Wegschauens von Wissenschaft, Politik, Industrie, Behörden und Ärzteschaft – mit Blick auf die zum Siechtum verurteilten Menschen mit Lungenkrebs, Brustfellkrebs, Bronchialschäden und Asbestose auch der kriminellen kollektiven Ignoranz.

Bestimmte Nanopartikel, das haben Tierversuche zweifelsfrei gezeigt, haben ähnlich verheerende gesundheitliche Eigenschaften wie Asbestfasern. Diese moderne Technologie mit winzigsten Teilchen ist im Arbeits- und Konsumbereich bereits weit verbreitet («natürlich leben»11-09). Grenzwerte, verbindliche Schutzbestimmungen oder eine Deklarationspflicht gibt es keine.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich leben» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Fotos: fotolia.com, Larixk / flickr / cc

Tags (Stichworte): AsbestConsoloGefahrKnieriemenKrebsLipariNanotechnologie

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