Heinz Knieriemen über
das Warten auf die Rattengrippe

Heinz Knieriemen | Ausgabe 04 - 2010

Die nächste Grippewelle kommt bestimmt. Doch aus den Fehlern bei der Einschätzung der Schweinegrippe hat niemand gelernt. Im Gegenteil, es ist mit weiteren Panikkampagnen zu rechnen.

Vogelgrippe und Schweinegrippe sind als ein laues Lüftchen, das zum Tsunami hochstilisiert wurde, an uns vorübergezogen. Pharmaindustrie, Trittbrettfahrer und unterstützende Panikmacher haben ihren Deal gemacht. Niemand ist für die teuren Fehleinschätzungen zur Verantwortung gezogen worden, und niemand mag sich zum geradezu grotesken Einklang der öffentlichen Medien in der Bewertung der Gefahren des H5N1- und des H1N1-Virus äussern. Horrormeldungen gehörten zum festen Bestandteil der Programme, und Impfverweigerer wurden als unverantwortliche Schädlinge der Volksgesundheit hingestellt.

Wer zurückschaut, zweifelt keinen Moment daran, dass die nächste lukrative Grippewelle nicht mehr lange auf sich warten lässt. Vielleicht ist es dann die Rattengrippe. Die Frage ist nur, ob sich die breite Masse des Lese- und Fernsehpublikums wieder zum Spielball der Medien als Erfüllungsgehilfen der Angststrategien machen lässt.

Schadensbegrenzung

Dabei geht es zunächst einmal nur um eine äusserst penible Schadensbegrenzung, denn neben den Impfstoffen für die Schweinegrippe lagert der Bund weiterhin 8 Millionen Dosen für die Vogelgrippe-Impfung – Impfstoffe, die nicht mehr verwertbar sind und die Steuerzahler mehr als 90 Millionen Franken kosten. Doch für den zuständigen BAG-Sprecher Jean-Louis Zurcher ist das kein Problem: «Es verhält sich glücklicherweise so, dass der Wirkstoff derzeit nicht gefragt ist.» Mangelnde Kompetenz lässt sich immer mit Schnoddrigkeit überspielen. Business as usual.

Schwangere werden in unserem Gesundheitswesen mit System als Risikofaktoren eingestuft. Eine gesunde Schwangere trägt kein erhöhtes Gesundheitsrisiko. Für sie ist vielmehr eine erhöhte Sorgfaltspflicht eine Selbstverständlichkeit, was auch bedeutet, dass sie Impfungen gegenüber in Verantwortung für das werdende Leben kritisch eingestellt ist. Sie muss dagegen nicht systematisch ultraschallüberwacht, getestet und kontrolliert werden.

Werfen wir einmal einen Blick auf die Alltagsgefahren, die vor allem die sogenannte Risikogruppe der Schwangeren betrifft: Swissnoso, eine fachlich kompetente und unabhängige Organisation, die unter anderem die Spitalinfektionen überwacht, schätzt die jährliche Zahl der infizierten Patientinnen und Patienten in der Schweiz auf 70 000 Personen und die daraus entstehenden Zusatzkosten auf 250 Millionen Franken. Es werden 300 000 zusätzliche Spitaltage verbucht, und es muss von 2000 Todesfällen ausgegangen werden. Das sind mehr als fünf Opfer jeden Tag – und das sind Zahlen und Fakten, die wirklich erschreckend sind.

Messen mit ungleichen Ellen

Stellen wir uns einmal vor, die Schweinegrippe oder auch andere beimpfte Krankheiten wie Masern würden in der Schweiz wie bei den Spitalkeimen täglich etwa 200 Infektionen auslösen und mehr als fünf gesunde Menschen dahinraffen, also Ursache für ihren Tod sein. Die Behörden hätten längst den Gesundheitsnotstand ausgerufen und mit Zwangsimpfszenarien reagiert.

Foto: fotolia.com, A. www.viajar24h.com / flickr / cc, Esparta / flickr / cc

Tags (Stichworte): GrippewelleImpfenMenschenSchweinegrippeSpitalinfektionen

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