Heinz Knieriemen:
Notfall Spitalhygiene

Heinz Knieriemen | Ausgabe 8 - 2009

Jährlich infizieren sich in den Schweizer Spitälern rund 70 000 Personen mit Krankheitserregern – ein unhaltbarer Zustand, der schon lange anhält.

Begriffe wie Hospital, Hospiz, Hotel, Osteria oder das rätoromanische Ustria haben die gleiche Wurzel: Sie bezeichnen einen sicheren Platz, der Geborgenheit, Schutz und Zuflucht gewährt. Spitäler gelten zwar heute meist als besonders sauber, als klinisch rein, jedoch kaum einmal als Stätten der behaglichen Gastlichkeit. Es schien die Zeit überwunden, da Krankenhäuser äusserst gefährliche Orte waren, in denen sich Infektionen wie Epidemien vor allem unter Chirurgiepatienten und Wöchnerinnen ausbreiteten.

Ein Nährboden für Infektionen sind Kliniken auch heute noch – zwar unter anderen Vorzeichen, dafür in einem Ausmass, das viel Leid und hohe Kosten verursacht. Im Nationalrat hat nun Edith Graf-Litscher zusammen mit 21 Mitunterzeichnern der SP- und Grünen-Fraktion eine Motion eingereicht, die den Bundesrat beauftragt, die gesetzlichen Grundlagen zu ändern, damit die Beweislast für eine mögliche Verletzung der Sorgfaltspflicht in Fällen von Spitalinfektionen nicht mehr bei den geschädigten Patienten, sondern bei den Spitalverantwortlichen liegt.

Mit einer Umkehr der Beweislast können die Verantwortlichen in den Spitälern gezwungen werden, zu handeln und sämtliche Massnahmen zur Senkung der Infektionsraten umzusetzen. Dadurch könnten grosses menschliches Leid verhindert und volkswirtschaftliche Kosten gesenkt werden. So lautet das Ziel der Motion. Keine Frage: Im Bereich der Spitalkeime besteht dringend Handlungsbedarf. Doch wer die hilflos-dilettantischen Bemühungen von Noch-Bundesrat Couchepin beobachtet, unser Gesundheitswesen zeitgemässer zu gestalten, der wird kaum optimistisch gestimmt.

Stillstand

Laut Herbert Remmer von der Universität Tübingen haben sich aufgrund des exzessiven, häufig nur prophylaktischen Antibiotikaeinsatzes in Spitälern Bakterienstämme von extremer Aggressivität und ausserordentlicher Resistenz entwickelt – Keime, die es nur in Krankenhäusern, gelegentlich auch in Arztpraxen gibt. Dieser Umstand zwingt logischerweise zu weiterer, laufend höher dosierter Antibiotikagabe, mit der Folge, dass sich immer aggressivere Keime mit stärkeren Nebenwirkungen bilden.

In einem Artikel des Wissenschaftsmagazins Science heisst es über Infektionskrankheiten: Schon sterben zahlreiche Menschen in den fortschrittlichsten Spitälern der Welt und die resistenten Stämme breiten sich unvermindert schnell aus. Eindeutiger Spitzenreiter der unerfreulichen Rangliste sind Infektionen der Harnwege, während durch Infektionen verursachte Lungenentzündungen und Blutvergiftungen die höchsten Todesraten aufweisen.

SwissNOSO schätzt die jährliche Zahl der infizierten Patienten in der Schweiz auf 70 000 Personen und die daraus entstehenden Zusatz kosten auf 250 Millionen Franken. Es entstehen 300 000 zusätzliche Spitaltage, und es muss von 2 000 Todesfällen ausgegangen werden. Es ist höchste Zeit, dass sich etwas bewegt, wenn unser Gesundheitswesen nicht endgültig zu einem Krankheitsverwaltungssystem verkommen soll.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich leben» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Foto: © Irisblende.de

Tags (Stichworte): AntibiotikaInfektionenKrankheitserregerSpitalhygiene

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