Haus der Generationen – ein Zukunftsmodell?

Rita Torcasso | Ausgabe_12/2016

Im Mehrgenerationenhaus «Giesserei» in Winterthur leben in 151 Wohnungen 327 Menschen aller Altersgruppen verschiedene Lebensformen. Die Hausgemeinschaft strebt ein Zusammenleben mit Privatsphäre im eigenen Wohnrefugium an. Vier Bewohner erzählen, wie das miteinander funktioniert.

@ Daniel Rihs, zvg

Vor Kurzem fand das dritte Sommerfest im grossen Innenhof der «Giesserei» statt. «Da trifft man sich zu Spiel und Spass», erklärt Kurt Lampart. «Das Fest war wieder ein voller Erfolg. Vorbereitet wird es jedes Jahr von einem anderen Hausteil.» Lampart gehört zu den 24 Bewohnern, die die Vision für ein Mehrgenerationenhaus entwickelt haben. Sie reagierten auf ein Inserat in zwei Zeitungen, mit dem Frauen und Männer für ein Wohnprojekt in Winterthur gesucht wurden. Acht Jahre dauerte es dann, bis die Siedlung 2013 fertig war. Sie steht dort, wo früher die Giesserei der Firma Sulzer Turbinenräder und Schiffsmotoren herstellte.

Ein Mitgliederverein startete das Projekt, die Bauherrschaft übernahm die Wohnbaugenossenschaft Gesewo. Damit das Mehrgenerationenkonzept eingehalten wird, führt der Verein eine Statistik. Die drei Gruppen der Kinder bis 14, der Erwachsenen im Familienalter und der Rentner sind in etwa gleich gross; junge Erwachsene gibt es weniger. Nicht nur die Durchmischung sei besonders an der Siedlung, sondern auch, dass diese von den Bewohnern selber verwaltet wird, so Lampart. «Jeder Erwachsene leistet zurzeit 33 Arbeitsstunden pro Jahr, die sogenannten Sozialstunden.»

Ein neues Altersbild. Suada Sejdiji gehört zur Minderheit in der Siedlung – sie ist 22 Jahre alt und lebt mit ihrem jüngeren Bruder und den Eltern in der Giesserei. «Mir gefällt, was hier alles angeboten wird», sagt die angehende Operationsfachfrau. An den Abenden sei sie oft in der «Pantoffelbar», manchmal komme auch ihr Freund hierher. «Hier treffen wir uns mit Leuten jeden Alters», sagt Sejdiji. Seit sie in der Giesserei wohne, habe sich ihre Vorstellung vom Alter massiv verändert. «Früher dachte ich, alte Menschen sitzen nur zu Hause rum. Ich hingegen wollte mehr von der Welt sehen, und zwar möglichst rasch.» Seit ihr die Pensionierten an der Pantoffelbar von ihren Reisen erzählen, wisse sie, dass sie noch viel Zeit zum Reisen habe. «Das hat mich gelassener gemacht.»

Engen Kontakt pflege sie zur Nachbarschaft im selben Treppenhaus. «Wir besuchen uns oft gegenseitig zum Tratschen.» In ihren Sozialstunden reinigt sie die Treppen im Haus. Später, wenn sie bei den Eltern auszieht, möchte die junge Frau in der Giesserei eine eigene Wohnung finden. Auch wegen der Familie. «Die ist mir sehr wichtig», betont Sejdiji.

Das Herz der Siedlung ist der grosse Innenhof: der Dorfplatz. Die Bewohner haben ihn gemeinsam gestaltet. Die ganze Siedlung ist autofrei, für die Kinder also ein Paradies. Auch drinnen gibt es viel Platz für gemeinsame Aktivitäten. Im Giesserei-Saal zum Beispiel werden Theater, Konzerte oder Lesungen aufgeführt und Feste gefeiert, auch private wie Hochzeitsfeiern und Geburtstagspartys. Die Pantoffelbar mit Dachterrasse ist täglich von 6 bis 23 Uhr offen, am Wochenende durchgehend. Auch in den Waschbars wird nicht nur gewaschen. Hier trifft man sich auch zum Kaffeeplausch oder «Töggele». Für Kreative gibt es mehrere Werkstätten und einen Musikraum, die den Bewohnern zur Verfügung stehen.

Vision des Zusammenlebens. Markus Zaugg zog mit seiner Frau und dem heute vierjährigen Sohn Finn in die Giesserei. «Mir gefiel die Idee, dass man mitgestalten kann», sagt der 47-Jährige. «Und als Familie schätzen wir natürlich die Kita im Haus.» Aus erster Ehe hat Zaugg drei Kinder. «Für Besuche oder ein Familienfest hat es hier genug Platz. Wenn nötig kann man Gästezimmer dazu mieten.» Der gelernte Schreiner, der in einem Behindertenheim arbeitet, investiert seine Sozialstunden in die Instandstellung der Wohnungen. Mit der Familie pflege er viele Kontakte zu älteren Menschen; das habe sich in der direkten Nachbarschaft so ergeben. «Wir finden immer rasch jemanden, der Finn hütet.»

In der Siedlung leben auch Zauggs Schwiegereltern. «Wir haben das so geplant, damit wir in der Nähe sind, falls sie später Unterstützung brauchen.» Man helfe sich in der Siedlung gegenseitig, betont er. «Doch niemand muss. Es gibt keinen Zwang, irgendwo mitzumachen.»

Die Initianten indes verbanden mit dem Mehrgenerationenhaus durchaus die Vision einer neuen Form des Zusammenlebens. Im «Kredo» der Siedlung heisst es: «Unser zentrales Anliegen ist, das Verständnis zwischen den Generationen und die Solidarität unter der Bewohnerschaft zu fördern. Wir sehen uns als ein modernes Dorf, das die Vorteile urbaner Lebensweise und dörflicher Geborgenheit vereint.»

Das Gebäude musste diesem Anspruch Rechnung tragen. Im Wettbewerb siegte das Projekt «E la nave va» (Und das Schiff fährt) des Architekturbüros Galli Rudolf Architekten. Sie entwickelten die Überbauung aufgrund vieler Gespräche mit zukünftigen Mietern. Entstanden ist das grösste Holzhaus der Schweiz, und zwar mit Minergie-P-Eco-Standard. Die 151 Wohnungen haben 40 verschiedene Grundrisse; zusätzlich zu den 1,5- bis 9-Zimmer-Wohnungen gibt es elf flexible «Jokerzimmer». Das Erdgeschoss dient der gemeinschaftlichen Nutzung: Kita, Restaurant, Bibliothek und Naturheilpraxis – so wird die Siedlung zum Dorf.

«Wir sind die Pioniergeneration». Direkt nach der Pensionierung zog Ernst Hämmig mit seiner Frau in die Giesserei. Der 67-Jährige sagt: «Wir haben die Wohnform bewusst für das Alter gewählt.» Vorher lebte das Ehepaar in einem Einfamilienhaus. «Anfangs konnten wir uns das Zusammenleben so vieler Menschen nicht vorstellen, doch man wächst rasch hinein; das Schönste ist, dass man nicht anonym lebt», sagt der Grossvater von sechs Enkelkindern. Er singt im Giesserei-Chor und bringt sein Berufswissen als Konstrukteur in der Technikergruppe ein. «Interessant für mich ist, dass man da mit viel Jüngeren zusammenarbeitet.»

Hämmig möchte möglichst bis zum Tod in der Giesserei leben. «Es gibt hier zwar keine Alterspflege, doch dank der Nachbarschaftshilfe ist das sicher eher möglich als anderswo», meint der Pensionär. Das Mehrgenerationenhaus, glaubt er, ist ein Zukunftsmodell. «Wir sind die Pioniergeneration.»

Das Mehrgenerationenkonzept der Giesserei stiess auf grosses Interesse in der Öffentlichkeit. Die Siedlung erhielt Auszeichnungen und von der Age Stiftung 400 000 Franken Fördergeld. Eine Umfrage unter den Bewohnern zeigt heute: Zwei Drittel der Bewohner sind sehr zufrieden, zehn Prozent sagen, dass einige Erwartungen enttäuscht wurden. Der Generationenaustausch funktioniert gut: Über 60 Prozent pflegen gute Bekanntschaften im Haus mit deutlich Älteren, 40 Prozent mit deutlich Jüngeren. Als einer der grössten Vorteile nennen die Bewohner den Nachbarschaftsaustausch; 60 Prozent übernahmen schon Hilfeleistungen für andere Bewohner.

Sich nicht überflüssig vorkommen. Ulla Hintermüller lebt gerne mittendrin. «Eigentlich dachte ich, dass ich im Familienhaus, wo wir 50 Jahre gelebt haben, auch sterbe. Doch dann wurde uns bewusst, dass wir hier besser aufgehoben wären», erzählt die 81-Jährige. Der Umzug sei ein kompletter Neuanfang gewesen. «Die Giesserei brachte Aufschwung in mein Leben», sagt die ehemalige Kindergärtnerin. Sie engagiert sich in der Vermietungskommission und in der Gestaltungsgruppe für den Spielplatz, der noch im Bau ist. Regelmässig trifft sie sich zudem mit Frauen ab 20 im «Zischtigsclub». «Wir diskutieren Gesellschaftsfragen», erklärt sie. «Einmal haben wir sogar an einer Demonstration in der Stadt mitgemacht.» Begeistert erzählt die Hobbymalerin, dass sie hier in der Siedlung zum ersten Mal eine Ausstellung machen konnte, für drei Tage im Restaurant. «Das Leben in der Giesserei ist eine Bereicherung. Ich bin mir noch nie überflüssig vorgekommen», sagt Hintermüller. In der Nachbarschaft hilft sie beim Kinderhüten oder mit Nachhilfestunden. Als in ihrem Treppenhaus eine Frau an Krebs erkrankte, wurde eine Liste für Besuche, Einkäufe und Kochen erstellt. «Für mich war es die Probe aufs Exempel. Ich weiss nun, dass auch mein Mann und ich auf Hilfe zählen könnten.»

Ob Überbauungen wie die Giesserei eine Wohnform der Zukunft werden, hängt stark von privaten Initiativen ab. Es braucht viel Idealismus und einen langen Schnauf. Der Effort scheint sich zu lohnen.

Fotos: Daniel Rihs, zvg

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