Händewaschen ist das A und O

Andrea Strässle | Ausgabe 9 - 2008

Was es für unsere Gesundheit braucht, ist eine Grundhygiene, sagt Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn. Diese basiert auf wenigen einfachen Massnahmen.

Herr Exner, im Zusammenhang mit der Zunahme von Allergien in den letzten Jahrzehnten wird oft die Frage diskutiert: Leben wir heute zu sauber? Was sagen Sie als Hygiene-Experte?

Der britische Wissenschaftler David Strachan formulierte 1989 erstmals die sogenannte Hygiene-Hypothese. Sie besagt, dass falsch verstandene, übertriebene Hygiene im frühen Kindesalter eine Ursache für den starken Anstieg von Allergien darstelle. Die Hypothese ist so jedoch bis heute nicht bewiesen. Was wir wissen: Der Umgang mit harmlosen Bakterien im frühen Kindesalter ist wichtig und trainiert das Immunsystem. Das bedeutet aber nicht, dass wir deshalb die Basishygiene vernachlässigen und das Risiko für Infektionskrankheiten in Kauf nehmen dürfen. Die Idee Strachans hat unglücklicherweise bei vielen den Eindruck hervorgerufen, dass wir uns vor Infektionskrankheiten nicht mehr in Acht zu nehmen bräuchten, ja dass sie im Gegenteil gut für uns seien. Dabei ist eine gute Grundhygiene nach wie vor unverzichtbar für die Erhaltung unserer Gesundheit.

 

Eine gute Grundhygiene – was heisst das?

Es geht darum, neben den grundsätzlichen Errungenschaften der sanitären Revolution wie sauberem Trinkwasser, gesicherter Abwasser- und Abfallentsorgung mit wenigen, einfachen Massnahmen Infektionsgefahren einzudämmen. Das A und O ist das regelmässige Händewaschen mit Wasser und Seife. Das muss bereits bei Kindern ritualisiert werden. Ein weiteres einfaches Rezept: Husten oder niesen Sie in Ihren Oberarm, anstatt ins Freie oder in die Hand. Solche einfachen Massnahmen haben einen grossen Effekt. Sich abends das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen, bevor man sich zu Bett legt – solche Dinge sind wichtig. Mehrmals pro Tag zu duschen, hingegen ist unnötig und übertrieben.

 

Wie sieht es im Haushalt aus? Muss die Wohnung blitzen und duften, wie es uns die Werbung weismachen will?

Das Glänzen ist aus hygienischer Sicht nicht entscheidend. Wichtig hingegen ist, regelmässig zu lüften. Den Staub aus einer Wohnung zu entfernen, ist ebenso sinnvoll, weil er Träger von Schadstoffen ist. Auch im Haushalt gilt: Eine Grundsauberkeit ist nötig. Von optischer Sauberkeit allein lässt sich jedoch nicht unbedingt auf einwandfreie Hygiene schliessen.

 

Wo hapert es denn besonders häufig im Haushalt?

Ganz wichtig ist der Bereich der Lebensmittelhygiene – da sind viele zu sorglos geworden. Ein Grossteil der Durchfallerkrankungen in Europa wird im eigenen Haushalt erworben. Wir kaufen Lebensmittel heute gern auf Vorrat ein und vergessen zu oft, dass die Produkte auch unter Kühlschranktemperaturen nur eine bestimmte Zeit lagerbar sind, da zahlreiche Krankheitserreger wie Listerien oder Yersinien sich auch bei niedrigen Temperaturen unter 4 Grad Celsius noch vermehren. Oft werden die Nahrungsmittel zudem nur kurz in der Mikrowelle erhitzt, wobei Mikroorganismen bei Weitem nicht so sicher abgetötet werden wie bei herkömmlicher Erhitzung. Besonders im Umgang mit rohem Fleisch, Geflügel, Eiern und Fisch ist Sorgfalt gefragt. Das heisst, dass alle mit diesen Produkten in Kontakt gekommenen Flächen und Utensilien sofort nach der Zubereitung mit heissem Wasser und Reinigungs-mittel gründlich gesäubert und die Hände mit Seife gewaschen werden müssen.

 

Wie sieht es in der Waschküche aus?

Wir haben über die Jahre aus ökologischen Gründen die Waschtemperaturen gesenkt. Das ist grundsätzlich sinnvoll, doch darf man nicht vergessen, dass mit Temperaturen unter 40 Grad keine deutliche Reduktion von Mikroorganismen in der Wäsche mehr zu erreichen ist. Gerade Unterwäsche kann insbesondere bei Durchfallserkrankungen aber massiv verschmutzt sein und sollte – wenn es die Textilien denn überhaupt zulassen – bei 60 Grad gewaschen werden. Bei Gemeinschaftswaschmaschinen, wie sie in der Schweiz üblich sind, wäre es wichtig, die Maschine zwischen den einzelnen Benutzern auf 90 Grad zu erhitzen.

 

Machen Desinfektionsmittel im Haushalt Sinn?

In der Regel ist im Haushalt, anders als im Krankenhaus, eine Desinfektion nicht nötig. Wenn Sie jedoch einen pflegebedürftigen Patienten in der Familie haben, dann sind desinfizierende Wischtücher praktisch und sinnvoll, um beispielsweise verunreinigte Flächen von Erbrochenem oder Stuhl zu reinigen. Denn mit konventionellem Reiniger kommen Sie den Krankheitserregern in solchen Situationen nicht bei. Ich habe selbst vier Kinder und wir halten es in unserer Familie so, dass wir für diese Fälle immer ein, zwei Spender mit Desinfektionstüchern parat haben. Das sind aber wie gesagt spezielle Situationen – sie brauchen um Gottes Willen nicht regelmässig den Haushalt zu desinfizieren.

 

Sich regelmässig die Hände waschen, sorgfältig mit Nahrungsmitteln umgehen – das scheint eigentlich keine Zauberei. Warum vernachlässigen wir trotzdem so oft selbst die einfachsten Regeln?

Infektionen werden heute kaum mehr als Bedrohung wahrgenommen. Die Mehrheit glaubt, das sei heute kein wirkliches Problem mehr – und wenn man erkrankt, gibt es ja Antibiotika. Diese Einstellung ist bedenklich, denn die Antibiotikaresistenzen unter den Krankheitserregern nehmen zu. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir immer älter werden, und mit dem Alter steigt die Infektionsanfälligkeit. Das Thema Hygiene gewinnt deshalb wieder an Bedeutung. Die Menschen müssen wieder sensibilisiert werden für einfachste Massnahmen, an erster Stelle für das Händewaschen. Denn nur schon damit lassen sich Durchfall- und Atemwegserkrankungen massiv reduzieren – ganz ohne Antibiotika.

 

Weiterführende Artikel:
Das gesunde Mass
Hygiene ist eine grundlegende Errungenschaft für die Gesundheit des Menschen. Eine massvolle Alltagshygiene ist dabei das Gebot und beginnt beim regelmässigen Händewaschen. Übertriebene Sauberkeit hingegen kann krank machen oder zur Krankheit werden.

Tags (Stichworte): GesundheitHaushaltHygiene

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