Gut gepofft ist halb gestrickt

Andreas Krebs | Ausgabe 8 - 2009

Vom Frühjahr bis in den Herbst treten im Wallis Eringer Kühe gegeneinander zum traditionellen Ringkampf an. Dabei wird der natürliche Kampftrieb zur Festlegung der Hierarchien ausgenutzt.

Das isch ds Wollis», wird dem verdutzten Besucher aus der Üsserschwiiz erklärt, dem Grüezini, der zum ersten Mal einem Ringkuhkampf beiwohnt, diesem «archaischen Spektakel im Herzen Europas», wie der «Spiegel» einst berichtete. «Das ist das wichtigste Ereignis im Wallis», meint ein adrett gekleideter Herr, der den Hauptsponsor des Anlasses vertritt. Ein urchiger bärtiger Mann in blauer Bluse neben ihm nickt bestimmt und sagt: «Das ist der Geist der Walliser.» Lassen wir uns ein auf diesen Geist – in Raron beim Stechfest in der Arena Goler. Eine Regionalausscheidung. 4000 Zuschauer. Fast nur Walliser. Hier begegnen sich Eringerzüchter aus dem Ober- und dem Unterwallis: einfache Bauern und Millionäre, die gleichermassen stolz sind auf ihre kämpfenden Kühe. Es wird gefachsimpelt und taktiert, man lacht und raunt, staunt und schimpft.

Die nächsten Termine
27.09.09 – Staldenried, Arena Goler, www.staldenried.ch
27.09.09 – Raron, Arena Goler, www.raron-niedergesteln.ch
04.10.09 – Martigny, Amphitéâtre romain, www.martignytourism.ch
25.10.09 – Les Haudères, www.evolene-region.ch

Friedliche Rasse

Es geht nicht um Folklore bei den Ringkuhkämpfen, die seit 1923 ausgetragen werden. Es geht um Leidenschaft und Ruhm. Im Zentrum steht die Eringer Kuh. Sie gehört zum Wallis, ist besonders gut dem steilen Gelände der Alpen angepasst. Es sind trittsichere, robuste und anspruchslose Tiere, bemerkenswert intelligent, wie die Besitzer versichern. Bei den Eringern hier geht es nicht um Milchleistung. Bei den Kühen, die im Ring ihren natürlichen Kampftrieb ausleben zählen Kraft, Taktik und Ausdauer. Es sind kleine Kühe. Kompakt. Unter ihrem schwarzen, bisweilen rötlich glänzenden Fell spielen imponierende Muskelstränge. Die Kühe dürfen ihr kräftiges Gehörn behalten, anders als viele andere Rassen. Manche haben breite Schädel – Bullen, denkt der Laie. Aber er irrt, wie ein Blick zwischen die Beine klärt.

Eringer sind eine alte Haustierrasse. Ihr Fleisch wird von Gourmets als besonders zart gerühmt. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Eringer eine der besten Trockenfleischlieferanten seien, sagen die Besitzer. Wenn es hoch kommt, gibt eine Eringer 3000 Kilogramm Milch im Jahr – das ist weit weniger als andere Rassen. Die Milchleistung der Kämpferinnen liegt meist noch weit darunter, da sie nur kurze Zeit gemolken werden, um Kräfte für die Kämpfe zu sparen. Wenn man Besitzer darauf anspricht, haben sie wenig Freude. Ja natürlich, sagen sie, Eringer geben weniger Milch als etwa eine Simmentaler (zirka 7500 Kilogramm). Dafür aber begnüge sie sich mit einem Drittel des Heus, der Hälfte des Kraftfutters. Und sie gehe erst mit zwölf zum Metzger, eine Simmentaler mit sieben. Macht fünf Jahre weniger Milch. Man rechne!

Die meisten Kühe verhalten sich friedlich, scheinen desinteressiert oder gelangweilt. Kaum zu glauben, dass die Tiere in der Arena aufeinander losgehen sollen wie Furien. Anderen merkt man das Kämpferische jedoch an. Sie zerfetzen den Strunk, an dem sie festgemacht sind, graben mit den Hörnern und Hufen tiefe Kuhlen in die Erde. begegnet man diesen Kühen auf einer Alpweide, hat der Wanderer aber nichts zu befürchten. «Eringer sind eine sehr friedliche Rasse», versichern die Besitzer unisono.

Kühe und Wanderer
• Erwachsene Kühe ohne Kälber sind ungefährlich, solange man einen respektvollen Abstand einhält. Viele Kühe sind neugierig.
• Auch um liegende Tiere einen Bogen machen, denn sie widerkäuen gerne ungestört.
• Wer sich von vorne einer Kuh oder einem Kalb nähert, geht keine Gefahr ein.
• Wer sich in langsamem Tempo nähert, stört die Tiere weniger.
• Jungvieh (Kälber und ältere Gusti) ist weniger träge und schlägt deshalb eher aus.
• In Mutterkuhherden weiden Kühe mit Kälbern. Solche Herden sollte man meiden, allenfalls einen kleinen Umweg machen. Wegen dem stark ausgeprägten Mutterinstinkt der Kühe kann es zu Angriffen kommen. Das kommt aber selten vor.
• Beim Verlassen der Weide die Weidetore immer schliessen.
• Wer einer Gruppe Kühe auf dem Weg zur Weide oder zurück zum Stall begegnet, sollte den Tieren den Vortritt lassen.
• Hunde sind an die Leine zu nehmen
• Bei Verletzungen bezahlt die Unfallversicherung. Bei Sachschäden schaltet sich die Privat-, respektive bei Landwirten die Betriebshaftpflichtversicherung ein. Eine zusätzliche Versicherung für Wanderer erübrigt sich. Man sollte aber die Personalien des Tierhalters aufnehmen und bei Sachbeschädigungen ein Protokoll aufnehmen. Bei Streitereien notfalls die Polizei einschalten.

Was Ohren verraten

Dort, wo sich Menschenansammlungen bilden, während im Ring die Jüngsten kämpfen, stehen die Stars: die Königinnen der ersten Kategorie. Sie tragen die tiefen Nummern. Sie steigen erst gegen Ende des Tages in den Ring. Zuerst finden die Kämpfe der fünften und vierten Kategorie statt. Sie sind vergleichbar mit den Fussballspielen der unteren Ligen: für die Teilnehmer und deren Verwandte. Als Laie kann man die Kühe nicht einschätzen. Da ist Rat gefragt. Furrer Klaus aus Staldenried  geht mit seiner besten Kämpferin seit 1969 an Stechfeste. «Auf die Ohren muss man schauen», verrät Furrer. Kühe mit kleinen Ohren kämpften besser, behauptet er. Auch ein schmaler Kopf weisse auf starke Kämpferinnen hin. Grosse Augen hingegen seien nicht gut. «Grosse Augen sind gut für die Milch».

Eine Königin im Stall verleiht dem Besitzer Ruhm und Profit: Er erzielt bessere Preise für ihre Kälber. Und der Wert steigt von rund 4000 auf bis zu 30 000 Franken; eine  Kantonalsiegerin wechselt schon mal für mehr als 40000 Franken ihren Besitzer. Im Wallis hält sich manch mächtiger Immobilienhändler und wohlhabende Hotelier Kampfkühe wie andere Millionäre Rennpferde.

Natürlicher Kampftrieb

Den Kühen geht es schlicht um die Hierarchie. Und die wird einzig durch das Gesetz der Stärkeren bestimmt. So ist das im Stall und auf der Alp, so ist es auch im Ring. Steht die Hierarchie im Stall fest, wird die Rangordnung der Ställe geklärt, dann die der Herden, der Dörfer, der Alpen, der Regionen und schliesslich im Frühjahr in Aproz vor 10 000 Zuschauern die im Kanton.
Die Ringkuhkämpfe sind streng reglementiert. Die Kühe kämpfen in fünf Kategorien. In Raron werden die ersten sechs Kühe jeder Kategorie rangiert. Der Preis: eine Glocke mit Riemen im Wert von 300 bis 500 Franken. Und die Qualifikation für Aproz.

Die sechs Kampfleiter im Rund, die Rabatteure, sind die Cowboys des Spektakels. «Die heint nit Sunntag», wie Bayard sagt. Man möchte nicht tauschen mit den wackeren Kerlen, die im Ring zwischen den kämpfenden Kühen stehen, in schweren Schuhen und hölzernem Stock in der Hand. Sie müssen verhindern, dass sich zwei kämpfenden Kühen eine dritte nähert. Ausserdem versuchen sie auf Anweisung der Jury kampfunwillige Kühe zu einem Zweikampf zu animieren; dazu führen sie die Kühe zusammen.

Das Biest in uns
Der Schweizer Regisseur Yves Scagliola thematisiert in seinem Film «The Beast within» Tierkämpfe und deren kulturelle Bedeutung für eine Gesellschaft. Seine These: Menschen projizieren mit Tierkämpfen ihre Dämonen in das Tier hinein. Scagliola setzt Hundekämpfe in Mexiko den Kuhkämpfen in der Schweiz gleich. Er bezeichnet den Kuhkampf als zivilisierter, weil kaum ernsthafte Verletzungen vorkommen und die Kämpfe nicht bis zum Extrem geführt werden. «In der ersten Welt versuchen wir eine friedliche Gesellschaft zu sein, das zeigt die wattierte Form des Kuhkampfes», so Scagliola. In Mexiko seien die gesellschaftlichen Umstände hingegen von mehr Rücksichtslosigkeit geprägt, was sich in den Hundekämpfen entsprechend niederschlage.

Poffen, schären, stricken

Mit gewölbter Stirn und geblähten Nüstern stehen sich die beiden gegenüber, kampfbereit. Das sind nicht immer alle Kühe – sie haben die freie Wahl. Es kommt selten vor, aber manchmal hat eine Kuh keinen Bock auf Kampf. Dann dreht sie sich ab und trottet davon oder grast demonstrativ. Ihr sind die Reaktionen des Publikums egal. Aber den Besitzer schmerzen die Lacher... .

Bilder: © Elmar Weder

Tags (Stichworte): EringerKüheKuhkampfWallis

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