Grenzwertig

Jochen Ihle | Ausgabe 6 - 2009

Kulturhistorisch Bedeutendes und landschaftliche Abwechslung bieten die ersten drei Etappen des Grenzpfades Napfbergland.

Der Grenzpfad Napfbergland ist ein Fernwanderweg entlang der Grenze zwischen den Kantonen Bern und Luzern, von der barocken Anlage des ehe­maligen Klosters St. Urban über wildroman­tische Wege bis auf den Brünigpass. Wo noch vor 150 Jahren feindliche Scharmützel statt­fanden, möchte der Grenzpfad heute Gren­zen überwinden. Der Weg zieht sich durch die sanfte Hügellandschaft des Emmentals, durch das Biosphärenreservat Entlebuch und lässt auch aussichtsreiche Gipfel wie Napf, Wachthubel und Brienzer Rothorn nicht aus.

Unterwegs warten urtümliche Land­schaften, historische und kulturelle Sehens­würdigkeiten, liefern Schautafeln Informa­tionen zu Geschichte und Landschaft des Grenzgebiets. Der 1998 eröffnete Weg kann in Etappen von fünf bis sechs Tagen erwan­dert werden. Quereinstiege sind jederzeit möglich und viele weitere Aktivitäten er­lauben es, den Aufenthalt auszudehnen. Da kann man am Napf Gold waschen, mit Lamas über die Hügel trekken oder in der Schaukäserei staunen, wie der berühmte Emmentaler Käse hergestellt wird.

Königsetappe ist die 9­-Stunden­-Tour von Marbach auf das Brienzer Rothorn, wahr­haftig ein starkes Stück! Die letzte Etappe, vom Brienzer Rothorn zum Brünigpass, ist dagegen nur ein Spaziergang.

Barocke Baukunst, alte Burgen

Unsere erste Teilroute führt uns von Lan­genthal über St. Urban nach Huttwil. Die Barockfassade des ehemaligen Zisterzien­serklosters St. Urban ist auch für weniger fleissige Kirchgänger beeindruckend. Mäch­tig ragen die beiden Zwillingstürme in den Himmel, bilden einen fast schon erhabenen Anblick. Das Kloster wurde bereits im Jahr 1194 von Mönchen gegründet und war lange Jahre religiöses, geistiges und auch wirt­schaftliches Zentrum im Grenzraum der Kantone Bern, Solothurn, Aargau und ­Luzern. Als den Ordensleuten trotz mehre­rer Um­ und Anbauten der Platz zu knapp wurde, baute in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Vorarlberger Baumeister Franz Beer eine von Grund auf neue Klos­teranlage, eines der eindrücklichsten Bei­spiele barocker Baukunst in der Schweiz. Auf einem geführten Rundgang bestaunt man Chorgestühl, Bibliothek und Festsaal; lohnend ist auch ein Spaziergang durch die Parkanlage mit eindrücklichen Skulpturen.

Ein Spaziergang ist auch die erste Etappe auf dem Grenzpfad Napfbergland, eine Einstiegswanderung durch das Täl­chen der Rot, wo die reaktivierten Wässer­matten plätschern. Die Wässersysteme ge­hen zurück auf die Zeit der Mönche von St. Urban und sind ein kulturhistorisches Denkmal, aufgenommen ins «Inventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationa­ler Bedeutung».

Oberhalb Melchnau taucht man ein in den Wald, wo zwischen uralten Bäumen die noch älteren Mauern der Burgruinen von Grünenberg und Langenstein stehen. Die Burgherren gehörten einst zu den bedeutend­sten der Region und ihre Bur­gen, einst der Brennpunkt des mittelalter­lichen Adels im Oberaargau, sind Stein ­gewordene Geschichte. Während die Mau­ern von Langenstein ziemlich zerfallen sind, wurden die Gebäudereste von Grü­nenberg saniert und konserviert. Über dem Boden der einstigen Kapelle errich­tete man einen Schutzbau, Informations­tafeln klären über die Geschichte auf.

Das Kontrastprogramm zum dunklen Wald liefert das Hochplateau von Gondis­wil, über das man aussichtsreich ins heraus­geputzte Blumenstädtchen Huttwil hinein­wandert. Huttwil bietet verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten vom Hotel bis zum Schlafen im Stroh an.

Höhepunkt Napf

Eine Panoramawanderung vom Feinsten ist die zweite Etappe des Grenzpfads Napf­bergland. Kunststück – auf der Route liegen mit dem Ahorn und dem Napf auch zwei aussichtsreiche Logenplätze. In Huttwil lohnt ein Bummel durch die Strassen und Gassen. «Städtliführungen» geben einen Einblick in die Geschichte des fein heraus­geputzten Städtchens, klären auf über den Schweizerischen Bauernkrieg von 1653, den Städtlibrand vom Juni 1834 und über die Entstehung des heutigen Ortskerns rund um den Brunnenplatz.

Gleich hinter Huttwil geht es sanft anstei­gend über die Nyffenegg auf das Ahorn. ­Zustiege sind auch möglich von Ufhusen, dem wildromantischen Cholerenbach ent­lang, oder von Sumiswald. Die Schaukäserei im nahen Affoltern ist übrigens nicht nur ein Ausflugstipp für schlechtes Wetter. An 365 Tagen im Jahr kann man dort den Käsern über die Schulter schauen und kommt  endlich hinter das Geheimnis, ­warum der Emmentaler Käse Löcher hat.

Wenig einsam ist es an Schönwettertagen auf dem Ahorn. Das liegt wohl mit daran, dass der beliebte Aussichtspunkt auf der Kantonsgrenze zwischen Bern und Luzern nicht nur durch gepflegte Wanderwege, son­dern auch mit einer Fahrstrasse erschlossen ist und ein Restaurant zur Einkehr verführt. Weiter geht es dann aber nur zu Fuss.

Der Grenzpfad macht seinem Namen alle Ehre und folgt als aussichtsreiche Höhenwanderung der Kantonsgrenze bis auf den Napf. Herrliche Aussichten bieten sich da: über die Landschaft der Täler, ­Hügel und Eggen und hinab ins Tal zur ­Gemeinde Luthern. Die Pfarrkirche mit den umliegenden Häusern geht auf die Bautätigkeit des Klosters St. Urban zurück, der historische Dorfkern gilt gar als einer der schönsten in der Umgebung. Luthern bietet jedoch nicht nur ein schönes Orts­bild, sondern auch einen Quereinstieg zum Grenzpfad, und vom Marienwallfahrtsort Luthern Bad besteht die Möglichkeit eines direkten Aufstiegs auf den Gipfel des Napf. Dort bietet das Berghotel Napf Kost und Logis.

Goldgrube

Der Napf leiht dem Grenzpfad nicht nur seinen Namen, auf ihm treffen tatsächlich die Grenzen der Kantone Bern und ­Luzern aufeinander. Weder Strassen noch Seilbahnen führen hinauf, die Aussicht muss man sich zuerst verdienen, sei es bei einem Aufstieg zu Fuss oder bei einem Ritt auf dem Bike. Vor allem wenn das Mittel­land von einer dichten Nebeldecke über­zogen ist, kommt der Napf ganz gross raus. Trotz seiner bescheidenen Höhe von 1408 Metern liegt der Gipfel meist über der Nebel grenze. Wenn dann der Wetter­bericht «unten grau, oben blau» verspricht, pilgern Sonnenhungrige auf den beliebten Aussichtsberg. Bei guter Sicht sind zahl­lose Alpengipfel zu erkennen. Dominie­rend sind natürlich die Berner Alpen mit dem Oberländer Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau, als Zugabe gibt es Blüemlis­alp, Wildstrubel oder Wildhorn, um nur ­einige zu nennen.

Über zwei Dutzend Wanderrouten ­führen auf den Rigi des Emmentals. Wer nicht auf dem Grenzpfad unterwegs ist, hat die Qual der Wahl. Wie wäre es mit dem Ausgangspunkt Willisau, natürlich nicht ohne zuvor noch die leckeren Willi­sauer Ringli frisch ab Ofen zu naschen? Oder auf dem Köhlerpfad von Romoos nach Bramboden über aussichtsreiche Kre­ten und durch wildromantische Schluch­ten?

Für Familien ist das Napfbergland ein fantastisches Naherholungsgebiet mit vielen Möglichkeiten: Wandern, Maultierreiten, Lama-­Trekking oder gar Goldwaschen. ­Jawohl, der Napf hat nicht nur schöne Aus­sichten zu bieten, sondern birgt auch in sei­nem Innern Schätze. Vermutlich schon die Helvetier suchten nach Napfgold und auch die Römer sollen am Napf Gold gewaschen haben. Ein Goldrausch wie am Klondyke River in Kanada kam allerdings nicht auf; heute suchen nur noch Hobbyschürfer nach Nuggets, leuchten Kinderaugen, wenn die Napfbäche tatsächlich kleine Goldflitter preisgeben. Auch der Grenzpfad macht weiter hin Freude und zieht über den Aus­sichtspunkt Turner hinab nach Trub­schachen. Dort bestaunt man schöne Holz­brücken, und im Fabrikladen einer bekannten Schweizer Gebäckfirma gibt es Feines für den Gaumen.

Foto: © Swiss Image / Christof Sonderegger

Tags (Stichworte): BernGrenzpfadLuzernNapfgebietSchattenfluhWandern

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