Gottesfurcht und Emmentaler

Martin Arnold | Ausgabe 6 - 2008

In der Schweiz verfolgt und verbrannt haben die Wiedertäufer in Mexiko eine neue Heimat gefunden. Doch der Fortschritt führt nun zu Rissen in der bibeltreuen Gemeinschaft.

Eigentlich könnte Cuauhtemoc eine mexikanische Stadt sein wie jede andere auch. Ein bisschen Stolz schwingt beim Namen mit, wenn die Erinnerung an den letzten, un-beugsamen Aztekenkaiser Cuauhte-moc, den herabstürzenden Adler, wach wird. Doch durch zwei Dinge unterscheidet sich Cuauhtemoc von anderen mexikanischen Städten: Da ist das raue Wetter, das im Winter öfters Schnee auf die 2000 Meter über Meer liegende Hochebene wirft. Und da sind die vielen Blondschöpfe, die Frauen mit ihren seltsamen Kleidern, die das Bild dieser Gegend prägen und kaum mit dem Erscheinungsbild der Azteken in Einklang zu bringen sind. Mennoniten sind sie, Abkömmlinge der pazifistischen Wiedertäufer, die im 16. Jh. in der Schweiz verfolgt und vertrieben wurden.

Gnadenlos verfolgt

Die Mennoniten wurzeln in der Täuferbewegung. Diese könnte man mit heutigen Begriffen als äussersten linken Flügel der Reformation bezeichnen. Während die Lutheraner und Zwinglianer noch eher an einer Verbindung zwischen Obrigkeit und Kirche festhielten, lehnten die Täufer diese radikal ab. Das Täufertum ent-stand nach 1520 in Zürich als radikale Form der Zwinglianer. Etlichen Bürgern schienen die Lehren des Huldrych Zwingli zu wenig nach der Bibel gerichtet. Die Täufer befürworteten zudem die Taufe des erwachsenen Menschen, der sich in vollem Bewusstsein zum Glauben bekennen soll. 1525 wurde die erste Gemeinde gegründet. Ab 1526 wurden die Führer der Täufer in Zürich mit dem Tod durch Ertränken bestraft. Im gleichen Jahr begann auch in vielen ande-ren Ländern die Verfolgung – sowohl in protestantischen als auch  katholischen Gebieten. Doch nirgends wurden sie so brutal und konsequent verfolgt wie in der Schweiz. Sie wurden ertränkt, gerädert, enthauptet, verbrannt und lebendig begraben.

Die Verfolgung war vorerst kontra-produktiv. Die Lehre breitete sich vom Jura bis zum Bodensee aus. Appenzell hatte bald eine Gemeinde von Wiedertäufern, die im Untergrund lebte. In St. Gallen predigten katholische Geistliche vor fast leeren Bänken, weil die Bürger zu den Wiedertäufern überliefen. Doch schliess-lich gelang es den religiösen Fanatikern sie in Zürich und Basel beinahe auszu-löschen.

Viele Schweizer Wiedertäufer wanderten nach Böhmen, Rheinlandpfalz, in die Niederlande und nach Preussen aus. Bis 1530 war die Lehre der späten Taufe, der Eidesverweigerung gegenüber dem Staat und dem Militär bis nach Norddeutsch-land, in die Niederlande, nach Österreich sowie Böhmen und Mähren verbreitet. Doch die Basis-Christen fanden nirgendwo eine richtige Heimat und die Bewegung drohte allmählich zu zersplittern. Rettung kam durch den norddeutschen Priester Menno Siemens, dem Namens-geber der Mennoniten, der die Bewegung, wieder einte. Siemens trat 1536 den Wiedertäufern bei und beeinflusste die Glaubens-gemeinschaft durch zahlreiche Schriften.

Das Zentrum dieses Glaubens hatte sich aus der Schweiz nach Norden verscho-ben. Die meisten Täufer mussten die Schweiz verlasssen. 1614 wurde mit Hans Landi der letzte Mennonit in Zürich enthauptet, nachdem er seine Strafe, die Versklavung auf einer venezianischen Galeere, nicht akzeptieren wollte und geflohen war. Andere Mennoniten wurden enteignet und an die Landesgrenzen verschleppt. Vermittlungsversuche der holländischen Behörden schlugen fehl, die schweizerischen Gebiete zur Mässigung bei der Verfolgung der Andersgläubigen zu motivieren.

Freiheit in Mexiko

Die übrig gebliebenen Schweizer Mennoniten fanden in Holland, Preussen und später in Russland eine neue Heimat. Nach der Revolution wanderten sie nach Kanada, in die USA und nach Mexiko aus. Der Wiedertäufer Jakob Ammann aus dem Simmental gründete im ausgehenden 17. Jahrhundert in der Schweiz eine eigene Gemeinde, aus der die Amischen entstanden. Viele von ihnen siedeln heute im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania, wo sie nach wie vor ihren traditionellen Glauben ausüben.

Erst mit der Helvetischen Republik hörte in der Schweiz die Verfolgung und Dis-kriminierung der Wiedertäufer anfangs des 19. Jahrhunderts auf. Heute werden die rund 5000 Mennoniten, Amischen und anderen Wiedertäufer in der Schweiz den Freikirchen zugeordnet. Viele leben im Berner Emmental und auf den Jura-höhen – immer recht hoch über dem Meer; ganz im kargen Siedlungsraum über 1000 Meter verhaftet, der ihnen der Bischof von Basel einst zugestanden hatte.

In Mexiko sicherte 1921 der damalige Staatspräsident Alvaro Obregón den Mennoniten volle Religionsfreiheit, die Befreiung vom Wehrdienst und vom Schwur des Eides, sowie das Recht auf eigene Schulen und eigene Sprache zu.

Gnadenfeld und Blumenort

Im Norden Mexikos,  in der Provinz Chihuahua,  siedeln die Mennoniten auf einer Fläche von fast 8000 Quadratkilometern, aufgeteilt auf sechs Kolonien.
Die 150 Dörfer zählen zusammen etwa 50000 Einwohner. Die Landschaft ist von grausiger Schönheit. Filmkulisse und Klischee zugleich. In endlosen Steppen ragen die Silhouetten von Kakteen in den Himmel. Doch unter dem tiefblauen Himmel haben die Menschen eine Oase aufgebaut: die grösste Mennonitenkolonie Lateinamerikas.

Die Familien sind kinderreich, weniger als fünf Kinder selten. Sie heissen Peters, Friesen, Klassen, Froese oder Martens. Die Mennonitendörfer werden von den Mexikanern nur als Campos bezeichnet und fortlaufend nummeriert. Die deut-schen Namen können sie nur schwer aussprechen. So heisst Campo 2a eigentlich Gnadental, Campo 2b Gnadenfeld, Campo 21 steht für Neuenburg oder Campo 22 für Blumenort.

Chihuahua ist der wilde Norden Mexikos. Es ist das Land der Charros, der mexi-kanischen Cowboys. In dieser Gegend dominieren neben der Steppe ausgedehnte Nadelwälder. Hier ist das Reich der Taramahura-Indianer, einer der wenigen nicht an die Zivilisation angepassten Stämme Mexikos. Die Ureinwohner leben in den Weiten des Cobra Cañon, der von einer der weltweit spektakulärsten Eisen-bahnlinien durchquert wird. Das Gebiet ist von eindrücklicher Schönheit und dünn besiedelt. Die Taramahuras zählen ebenfalls rund 50000 Angehörige – wie die Mennoniten.

Das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen den Indianern und den euro-päischstämmigen Christen. Beide wehren sich gegen die Assimilierung, zumin-dest teilweise mit Erfolg. Beide pflegen noch ihre eigene Sprache. Plattdeutsch im Fall der Mennoniten. Nach beiden Gruppierungen streckt die moderne Zivilisa-tion ihre Fangarme aus – neuerdings mit Strassenbau und Television. Auf ihre Art haben sich die Mennoniten bereits ein wenig angepasst: Sie zahlen Steuern, beziehen Strom und bezahlen auch dafür. Doch sie mischen sich nicht in die Politik ein. Sie lassen sich nicht von der Polizei helfen und ein Streit zwischen Glaubensbrüdern wird bei einem Gespräch mit dem Dorfpräsidenten beigelegt.

Europäische Tradition in der Fremde

Die Mennoniten sind überzeugte Pazifisten und verweigern den Militärdienst. Auch das hatte sie in Europa suspekt gemacht. Auch deshalb mussten sie den alten Kontinent verlassen. Doch die europäische Kultur ist ihnen geblieben.

Die 25-jährige Maria Peters, die im Campo 6, in Rosental, wohnt, macht nach jeder Fruchternte Konfitüre ein. «Wir produzieren Butter, Brot, Fleisch und Getreide für unsern Bedarf», sagt sie und verweist darauf, dass die Mennoniten Selbstversorger sind. Was Maria Peters dennoch kaufen muss, besorgt sie im Mennoniten-Supermarkt Loewen. In dem «Colonialwarenladen» der alten Art gibt es alles zu kaufen.

Maria Peters und ihre Kinder Peter, Tina und Johann leben in einem schmucken Häuschen mit einigen Hektaren Land, 20 Kilometer ausser-halb Cuauhtemocs, in einer Art deutsch-mexikanischer Symbiose. Eine gewisse Weltlichkeit ist ein-gezogen. Die Peters besitzen ein Auto. Der Hof ist gut in Schuss. Die Küche ist geräumig. Es duftet nach Frischgebackenem. Auf dem Tisch stehen Porzellan-schälchen, in denen die Marmelade aufbewahrt wird. Der Nebenraum ist eine üppig gefüllte Vorratskammer, die die Familie unabhängig macht von Tiefkühl-produkten. Der Holzofen verbreitet eine heimelige Atmosphäre. In imposanten gläsernen Küchenmöbeln und Stubenschränken ist Schnickschnack aufbewahrt, der zum Stöbern und Be-trachten einlädt. Hier hat jemand viel Zeit für die Ein-richtung aufgebracht.

«Oben in den Bergen leben die radikalen Mennoniten, die mich vielleicht ver-achten würden», sagt Johann Friesen. Er führt in Cuauhtemoc zusammen mit seinem Vater ein Reisebüro. Ab und zu fährt er interessierte Touristen ins Land der Mennoniten. Nicht weit. Nur so weit, um ihre Neugierde zu befriedigen und nicht so weit, dass die Gefühle seiner Glaubensbrüder verletzt werden könnten. Er weiss: Mennoniten sind meist sehr scheu. Vor allem die Frauen. Ihre Frisur ist immer nach hinten gekämmt, einem missverstandenen Kirchenlied folgend, das besagt, Christus wünsche bei seiner Ankunft streng gekämmte Frauen. Ihr Blick sucht unentwegt Halt auf dem Boden. Sie sind sich Fremde nicht gewohnt. Ihr Beruf und ihre Berufung sind die einer Hausfrau. Maria Peters findet darin nichts Ungewöhnliches. Das ist ihr Leben. Sie denkt nicht weiter darüber nach.

Erfolgreiche Käser

90 Prozent der Mennoniten sind Bauern. Meist pflanzen sie Futtermais, Weizen, schwarze Bohnen und Apfelkulturen an. Berühmt sind sie aber für ihren Käse. Der «queso menonita» hat im Land der Azteken einen klangvollen Namen. 40 Käsereien gibt es in der Chihuahua-Kolonie. Die Mennoniten sind die bedeu-tendsten Käseproduzenten Mexikos.

Besonders gut schmeckt das «fondido». Das Gericht hat aber nicht sehr viel mit unserem Fondue gemeinsam. Der Käse wird im Ofen geschmolzen und umgibt eine scharfe Chili. In Campo 2b, in Gnadenfeld, betreibt Käsermeister Cornelius Rempel eine moderne Käserei. Täglich werden 16 Tonnen Milch verarbeitet.

Immer schon errichteten die Mennoniten Mustersiedlungen und waren erfolg-reiche Landwirte. Das macht sie zu beliebten Arbeitgebern. «Wir zahlen bessere Löhne als die anderen Apfelplantagen», sagt Johann Friesen. Doch nun haben sie Sorgen. Das nordameri-kanische Freihandelsabkommen hat die Preise gedrückt. Die Einfuhr billigerer Produkte und die Landknappheit zwingen viele Mennoni-ten, erneut aus-zuwandern. Die liberalen zieht es nach Kanada, die konservativen nach Paraguay, Bolivien und Argentinien. Da viele Mennoniten kein Radio hören und nur über ihre eigene kleine Tageszeitung, die «Deutsch-mexikanische Rund-schau» informiert werden, wissen sie nicht, dass es auch in diesen Ländern schwierig sein wird. Informationen über die Weltlage haben in der Zeitung keine Priorität. Vielmehr geht es um Unfälle und Krankheiten, um Nachbarschafts-klatsch im weiteren Sinne.

Das Kreuzworträtsel in der Zeitung dreht sich um biblische Begriffe, das Puzzle zum Ausschneiden für Kinder ist eine Darstellung aus der Bibel und die Aus-einandersetzung mit der Wissenschaft dient dem Versuch, die Schöpfungslehre zu belegen. Es gelten unter diesen Menschen, die nur ihre Scholle beackern wollen, andere Werte. Davon kann man sich in den Leserbriefspalten ihrer Zeitung über-zeugen. «Liebe Freunde, uns ist der Ochse erkrankt», heisst es da etwa und es folgen detaillierte Schilderungen.

Erste Risse

Die wichtigste Lektüre der Menschen in der kargen Landschaft ist sowieso die Lutherbibel. Die Kinder der konservativen Mennoniten lernen nur einfache mathematische Aufgaben und das Alphabet, um die Bibel lesen zu können. Turnen und Tanz sind Teufelszeug. Als Jugendliche haben sie deshalb keine Chance auf eine höhere Schulbildung in Mexiko.

Doch das Leben in Rückständigkeit zeigt erste Risse. Die fortschrittlicheren Gemeindemitglieder schicken ihre Kinder von Anfang an in eine bessere Schule, lassen Besucher die Käsereien und ein eigens hergerichtetes Museum besichtigen. Gefährdet der intensivere Kontakt mit den Menschen draussen den Zusammen-halt der Gemeinschaft? Johann Friesen, der Reiseführer, zögert: «Würde es denn Gott gefallen, wenn wir gehen müssten, weil wir hier keine Zukunft haben? Will er nicht viel eher, dass wir auf unserem Stück Boden bleiben? Wenn er das will, müssen wir uns öffnen. Aber so langsam, dass sich niemand bedroht fühlt.»

Bilder: Martin Arnold

Tags (Stichworte): GeschichteGesellschaftMennonitenMexikoReligionSchweizSoziologieWiedertäufer

Kommentare

  1. Von Hansimex am Dienstag, 01.09.2009 Grüsse aus Mexico!
    Zufällig habe ich diesen Bericht gelesen.Es gibt doch einiges was nicht richtig ist. Der Name Meno Simens ist falsch geschriben.Es sollte Meno Simons heissen.Er stammt nicht aus Norddeutschland ,sondern von Wittmarsum(Prov.Friesland)Niederlande. Die Menoniten splittern sich in verschiedene Gruppen. Altkolonier ,Reinlander und Sommerfelder sind sehr konervativ.Kleingemeinde sind moderner. Konferenzler sind ganz modern. Wir sind Schweizer und wir wohnen bei den Menoniten.
    Wir haben keine Probleme. Unser Schwigersohn hier spricht sogar Schweizerdeutsch.
    Mit Gruss Hans Kern

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