Globuli für das liebe Vieh

Katharina Dellai-Schöbi | Ausgabe 11 - 2008

Die Homöopathie boomt bei Hund und Katz, aber auch bei Kuh und Schwein. Insbesondere für Biobetriebe scheinen sich Behandlungen mit Globuli auszuzahlen – trotz aller Kritik.

Die Homöopathie erobert die Stall-Apotheke: Immer mehr Landwirte in der Schweiz behandeln ihre Tiere mit homöopathischen Heilmitteln. Laut Alfons Knüsel, dem Präsidenten der Schweizerischen Tierärztlichen Vereinigung für Akupunktur und Homöopathie, ist der Aufwärtstrend einerseits darauf zurückzuführen, dass in gewissen Fällen auch die Schulmedizin an ihre Grenzen stösst. Andererseits werde von den Kunden geschätzt, dass die Homöopathie das kranke Tier als Ganzes wahrnehme und individuell therapiere. Nicht zuletzt dürfte aber auch die immer grösser werdende Problematik der Antibiotika-Resistenz zum Globuli-Boom beitragen. Insbesondere in Wissenschaftskreisen ist die alternative Heilmethode jedoch stark umstritten.

Dünner als ein Ozean

Der Vater der Homöopathie ist der deutsche Arzt Samuel Hahnemann, der Ende des 18. Jahrhunderts die Theorie aufstellte, Krankheiten müssten mit denjenigen Mitteln bekämpft werden, die in gesunden Menschen die Symptome hervorriefen. Er nannte diese Heilmethode nach den griechischen Wörtern «homoios» (gleich) und «pathos» (Leiden) Homöopathie. Sie fand viele Anhänger und bereits 1815 wurde sie erstmals in der Tiermedizin erwähnt.

Gleichzeitig wurde aber auch Kritik laut, die bis heute nicht verklungen ist. Diese setzt schon bei der Herstellung an, bei der die Ausgangssubstanz mit Alkohol oder Wasser verdünnt wird. Viele Homöopathen verwenden Heil-mittel, die um den Faktor 1030 und mehr verdünnt wurden. Das ist eine höhere Verdünnung, als wenn man einen einzigen Tropfen der Substanz in den Weltmeeren auflösen würde. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass sich in den Arzneifläschchen auch nur ein einziges Molekül des Ausgangsstoffes befindet – dasselbe gilt für die Globuli genannten weissen Kügelchen, bei denen der Wirkstoff mit Zucker vermischt wird. Die Wirkung der Heilmittel geht nach Ansicht der Homöopathen allerdings auch nicht auf die Eigenschaften des Ausgangsstoffes zurück, sondern auf eine «geistigartige Kraft». Diese soll bei der Verschüttelung, bei der das Heilmittel mit einer festgelegten Anzahl von Schlägen auf eine harte Unterlage gestossen wird, von der Ursubstanz auf den Trägerstoff (Wasser, Alkohol oder Zucker) gelangen. Physikalische Hinweise auf eine solche Übertragung gibt es freilich nicht.

Die «geistigartige Kraft» heilt auch nicht direkt; vielmehr soll sie die Lebenskraft im Patienten anregen und die körpereigenen Abwehrmechanismen in Gang setzen. Daher sei es wichtig, betonen die Homöopathen, das kranke Tier in seiner Gesamtheit zu betrachten und bei der Arzneimittelwahl etwa auch seine Haltung oder sein Temperament zu berücksichtigen – die Homöopathika also individuell auf das jeweilige Tier abzustimmen.

Kritik an Studien-Designs

Zwar wird immer wieder von Fällen berichtet, in denen kranke Tiere auf die alternativen Heilmittel angesprochen haben sollen, und auch manche Forscher kamen zum Schluss, dass Homöopathika in bestimmten Fällen tatsächlich wirken könnten. Dass sie aber gleich gut – oder gar besser – als konventionelle Medikamente wirken, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Zudem wird oft Kritik laut an der Qualität vieler Studien, die eine angeblich positive Wirkung von Homöopathika aufzeigen.

So wird etwa oft kritisiert, die Untersuchungen würden nicht mit der in der medizinischen Forschung üblichen sogenannten Doppelblindstudie durchgeführt, bei der – um mögliche Fehlerquellen bestmöglich auszuschliessen – weder die Patienten noch der behandelnde Arzt wissen, wer mit dem Placebo und wer mit dem Heilmittel behandelt wird. Laut Knüsel sind Doppelblindstudien in der Homöopathie allerdings nur beschränkt anwendbar, da die Heilmittel für jedes kranke Tier individuell ausgesucht werden müssten.

Auch wird oft bemängelt, die Studien seien mit zu wenigen Versuchstieren durchgeführt worden, oder Faktoren, die für die Heilung eine Rolle gespielt haben könnten, seien nicht berücksichtigt worden. Peter Klocke vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick AG und seine Kollegen verfolgen den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit von Homöopathika in der Nutztiermedizin in den letzten Jahren daher auch nur noch sporadisch.

«Wir haben festgestellt, dass andere Faktoren die Wirkungen der homöopathischen Mittel, wenn diese tatsächlich vorhanden sein sollten, stark überlagern», erklärt der Forscher. Im Wesentlichen sei dies das Umfeld der Tiere, weshalb er insbesondere dort Verbesserungsmöglichkeiten sehe. So müsse bei der Zucht sowie bei der Fütterung, der Haltung und beim Management angesetzt werden, um die Entstehung von Krankheiten zu vermeiden.

Globuli schützen vor Ertragsausfällen

Erkranken die Tiere trotzdem, greifen laut Klocke insbesondere Biolandwirte oft zu Homöopathika. Auch wenn deren Wirksamkeit (im Vergleich zu Placebos) bisher nicht habe nachgewiesen werden können, sagt der Wissenschafter, sei ein Erfolg für die Landwirte sichtbar, denn sie bräuchten weniger Antibiotika und Chemotherapeutika, um die Gesundheit der Tiere aufrechtzuerhalten. Die Homöopathie zahlt sich auch finanziell aus: Fleisch oder Milch von mit konventionellen Medikamenten behandelten Tieren dürfen je nach Wirkstoff bis zu sechs Monate lang nicht verkauft werden. Dies kann insbesondere für Biobetriebe, für die eine doppelt so lange Absetzfrist gilt, zu grossen Ertragsausfällen führen.

Doch gänzlich auf Antibiotika verzichten können auch Biobetriebe nicht. Erkrankt ein Tier so schwer, dass nur noch ein Antibiotikum Hilfe verspricht, bliebe bei strikter Ablehnung dieser Arzneimittel, wie sie etwa in den Richtlinien des amerikanischen National Organic Program (NOP) gefordert wird, oft nur die Notschlachtung; ein meist zu grosser Verlust für die Betriebe.

Homöopathie für Haustiere
Ob Hunde, Katzen oder Hasen: Viele Tierarztpraxen bieten mittlerweile eine homöopathische Behandlung für Haustiere an. Davon ausgehend, dass Tiere wie Menschen Lebewesen mit einer einer Persönlichkeit und einem Stoffwechsel sind, sind HomöopathInnen davon überzeugt, dass entsprechende Arzneimittel allen Wesen, auch Pflanzen, helfen können. Bei der Verabreichung der Arzneien geht es wie bei der Humanhomöopathie nicht darum, Pilze, Bakterien und Viren abzutöten, sondern in erster Linie die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Die Mehrheit der Ausbildungsstätten für klassische Homöopathie bieten Kurse und Lehrgänge für Tierhomöopathie an.

Heilsamer Placebo-Effekt?

Ein weiterer Kritikpunkt an den homöopathischen Heilmitteln ist, dass – selbst wenn sie tatsächlich wirken sollten – weder Naturwissenschaftler noch Homöopathen ihre Wirkungsweise erklären können. Laut Adam Rijnberk von der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Utrecht stützt man sich bei der Anwendung der Homöopathie lediglich auf Erfahrungen – also auf den Eindruck, dass die Behandlung tatsächlich wirkt. In der Fachzeitschrift «Australian Veterinary Journal» zeigt Rijnberk mögliche Gründe auf, weshalb die Homöopathie seit Jahrhunderten in der Human- und Tiermedizin angewendet wird, obschon sie wissenschaftlich gesehen auf sehr wackligen Beinen steht.

Es sei zum Beispiel möglich, schreibt Rijnberk, dass die Tierärzte zu wenig über den natürlichen Verlauf einer Krankheit wüssten. Da sie immer auf eine erfolgreiche Behandlung hofften, gingen sie einfach davon aus, der verbesserte Gesundheitszustand des Tieres sei auf das verabreichte Mittel zurückzuführen, und zögen gar nicht in Betracht, dass die Krankheit auch ohne Behandlung abgeheilt sein könnte. Laut dem Wissenschafter könnte auch der Erfolg einer Behandlung überschätzt werden, denn die Erfahrung eines Arztes beruhe meist auf einer begrenzten Anzahl von Fällen und eine Heilung könnte per Zufall gerade bei diesen eintreten – bei vielen anderen (unentdeckten) Fällen jedoch nicht. Schliesslich könnte die Heilung auch auf einem Placebo-Effekt beruhen, betont Rijnberk. Verschiedene Studien aus der Humanmedizin stützen diese Hypothese denn auch. Im Bereich der Veterinärmedizin wurde eine solche Analyse laut Rijnberk bisher noch nicht durchgeführt. «Allerdings ist die Situation bei Tieren auch anders», betont der Forscher. Denn da Tiere nicht wüssten, dass sie behandelt würden, könne bei ihnen auch kein Placebo-Effekt wirken. Knüsel ist diesbezüglich anderer Meinung. «Die Hoffnung der Bezugspersonen auf eine Heilung hat immer einen Einfluss», sagt der Tierarzt. Auch bei Tieren gebe es einen Placebo-Effekt, er habe selbst schon Placebos beim
Tier angewendet – und zwar erfolgreich.

Reagieren auf Homöopathie

In der Grundlagenforschung wird oft mit Pflanzen und Mikroorganismen gearbeitet. Dies hat laut Stephan Baumgartner von der Kollegialen Instanz für Komplementärmedizin (KIKOM) der Universität Bern und seinem Team den Vorteil, dass ohne ethische Schwierigkeiten relativ rasch und kostengünstig grosse Datenmengen erhoben werden könnten. Zudem könne bei Pflanzen und Mikroorganismen ein allfälliger Placebo-Effekt ausgeschlossen werden. Die Arbeit mit Pflanzen erlaube ausserdem erste Hinweise auf die Anwendbarkeit der Homöopathie auf Kulturpflanzen; da sehr hohe Verdünnungen eingesetzt würden, wären negative Einflüsse auf die Umwelt dabei eher gering, so der Wissenschafter.

Die Untersuchungen von Baumgartner und seinen Kollegen weisen darauf hin, dass Pflanzen und Mikroorganismen tatsächlich auf hohe homöopathische Potenzstufen verschiedener Substanzen reagieren könnten. Die Wissenschafter schwächten beispielsweise Weizen mit Arsen und behandelten die Pflanzen anschliessend mit homöopathischen Potenzen des in grösseren Mengen tödlichen Stoffes. Der Weizen reagierte auf die Behandlung mit einem verminderten Wurzelwachstum. Interessanterweise stellte eine italienische Forschergruppe – bei gleichem Versuchsansatz – fest, dass das Wurzelwachstum durch die Behandlung gesteigert wird. Stephan Baumgartner schliesst daraus, dass hohe homöopathische Potenzstufen durchaus Auswirkungen auf Organismen haben können. «Welche, scheint aber von noch unbekannten Faktoren abzuhängen», so der Wissenschafter. Eine umstrittene Praxis in der Tierhomöopathie ist die Prophylaxe bei ganzen Herden. Diese widerspricht nämlich dem Grundgedanken der Homöopathie, dass jedes Tier eine individuelle Behandlung benötigt. Auch Knüsel hat seine Mühe damit. «Ich habe aber beobachtet, dass in gewissen Situationen eine Gruppe von Schweinen immer gleich reagiert, beispielsweise mit Durchfall nach dem Absetzen der Ferkel», erklärt er. Wenn in diesen Fällen das passende homöopathische Mittel gegeben werden könne, sei ein positiver Einfluss sichtbar, obwohl die Tiere nicht individuell behandelt worden seien.

Von der positiven Wirkung der Homöopathika sind auch die Landwirte überzeugt, die sich für den Kurs «Homöopathie im Stall» von der Bioberatung am Strickhof in Lindau anmelden. «Die Nachfrage ist gross und die Kurse sind immer ausgebucht», so der Kursleiter Erik Meier. Insbesondere Landwirte von Biobetrieben spreche das Thema an. Meier schätzt, dass bereits jeder dritte Zürcher Biolandwirt den Einführungskurs oder einen Arbeitskreis besucht hat. «Rund 90 Prozent der Teilnehmer des Einführungskurses nutzten jeweils die Chance, nach dem Kurs in einem solchen Arbeitskreis mitzumachen», sagt Meier. Diese Erfahrungen zeigen, dass homöopathische Heilmittel aller Skepsis zum Trotz ihren Platz in der Stall-Apotheke gefunden haben. Und solange sie die erwünschten Wirkungen zeigen, werden sie sicherlich auch weiterhin auf Erfolgskurs bleiben.

Internet
Schweizerische Tierärztliche Vereinigung für Akupunktur und Homöopathie
Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL)
OMIDA AG
KIKOM (Universität Bern)
homöopharm
Verband Schweizer Naturheilkunde-Schulen

Literatur

Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL): «Handbuch Tiergesundheit», FiBL, Frick (2006), Fr. 55.–
Christiane P. Krüger: «Praxisleitfaden Tierhomöopathie»
Verlag Sonntag 2006, Fr. 99.50
Pia Carpentier: «Homöopathie für Hunde»
Verlag Hawelka 2006, Fr. 26.90
Wolfgang Daubenmerkl: «Homöopathie bei Pferden für die Kitteltasche»
Verlag Wissenschaftliche 2008, Fr. 49.90
Rudolf Deiser: «Naturheilpraxis – Katzen»
Verlag Gräfe und Unzer 2007, Fr. 23.90

Bilder: © FOTOLIA


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