Gewitter im Kopf

Stella Cornelius-Koch | Ausgabe 2 - 2008

Kopfschmerzen sind eine Volkskrankheit, jeder Zweite leidet unter ihnen. Da wird häufig und schnell zur Tablette gegriffen – doch in vielen Fällen wirken natürliche Mittel und eine gesunde Lebensführung besser.

Ein Pochen an den Schläfen, ein Druck
hinter den Augen oder ein Hämmern
unter der Schädeldecke – es gibt wohl
kaum jemanden, der diese Symptome
nicht kennt. So belegt eine Befragung,
dass 45 Prozent der Schweizer zum
Zeitpunkt der Umfrage innerhalb der
letzten vier Wochen unter Kopfweh
gelitten haben. Kopfschmerz ist somit
noch vor Rückenschmerzen das häufigste
gesundheitliche Leiden.

Spannung tut weh

Doch Kopfweh ist nicht gleich Kopfweh. Die internationale Kopfschmerz-gesellschaft (International Headache Society) nennt etwa 200 verschiedene Kopfschmerzarten. Allgemein unterscheidet man zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen. Sekundäre Kopfschmerzen sind Symptom oder Anzeichen einer anderen Erkrankung, angefangen von einer Grippe bis hin zu einer akuten Hirnblutung oder einem Hirntumor, oder entstehen durch äussere Einwirkungen wie Halswirbelleiden oder eine Verletzung. Dagegen findet sich bei den sehr viel häufigeren primären Kopfschmerzen keine andere Erkrankung oder äussere Einwirkung als Ursache.

Spannungskopfweh und Migräne

Die beiden am weitesten verbreiteten primären Formen, Spannungskopfschmerz und Migräne, machen alleine über 90 Prozent der Kopfschmerzfälle aus.

Spannungskopfweh: Charakteristisch für Spannungskopfschmerz ist ein dumpfer, beidseitiger, drückender oder ziehender Schmerz. Manchmal tritt auch ein Kältegefühl und Schwindel auf. Bei körperlichen Aktivitäten wird der Schmerz nicht schlimmer; an frischer Luft lässt er oft nach. Mitunter ist auch die Nackenmuskulatur schmerzempfindlich. Als seltener episodischer Spannungskopfschmerz gelten Beschwerden, die weniger als einmal im Monat auftreten. Bei sehr häufigem Kopfweh, an mehr als 15 Tagen pro Monat, spricht man von chronischem Spannungskopfschmerz. Manchmal kann sich auch eine Migräne hinter solchen Beschwerden verbergen.

Migräne: Kennzeichnend für eine Migräne ist ein heftiger, anfallartiger und meist einseitiger, pulsierender Schmerz. Die Seite kann von Attacke zu Attacke wechseln. Mögliche Begleitsymptome sind Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Übelkeit und Erbrechen. Gehen der Schmerzattacke Sehstörungen, ein Kribbeln oder ein Taubheitsgefühl in Armen und Beinen voraus, spricht man von einer Migräne mit Aura. Wichtiger Unterschied zum Spannungskopfschmerz: Der Schmerz verstärkt sich bei körperlichen Aktivitäten. Kinder haben meist kurze Migränen und oft andere Beschwerden als Erwachsene. Bei ihnen kann es vorkommen, dass nicht der Kopfschmerz, sondern Erbrechen das auffälligste Symptom ist.

• Clusterkopfschmerz: Ebenfalls ein primärer, aber weitaus seltener Kopfschmerz ist der Clusterkopfschmerz (von engl. cluster, Haufen, Gruppe, Schwarm). Er betrifft nur etwa einen von 1000 Menschen, kann aber die Lebensqualität extrem beeinträchtigen. Der heftige Schmerz tritt im Augen- oder Schläfenbereich in einer Gesichtshälfte auf, kann aber auch in den Kiefer-, Rachen-, Ohr-, Nacken oder Schulterbereich ausstrahlen. Patienten beschreiben den Schmerz oft als «glühend heisses Messer im Auge». Im Gegensatz zur  Migräne empfinden Patienten bei Clusterkopfschmerz einen ausgeprägten Bewegungsdrang.

Warnsystem des Körpers

Wie Kopfschmerzen entstehen, ist bislang nicht vollends geklärt. «Wir gehen davon aus, dass das Gehirn selbst die Kopfschmer-zen macht und das Gefässsystem daran beteiligt ist», sagt der Neurologe Peter Sandor vom Universitätsspital Zürich. Was man zudem weiss: Das Schmerzsystem im Kopf folgt eigenen Gesetzmässigkeiten und ist nicht mit dem in anderen Körper- bereichen vergleichbar. Das ist unter anderem auch daran erkennbar, dass zum Beispiel die bei Migräne verordneten Triptane nur gegen Kopfschmerzen, nicht aber gegen andere Schmerzen im Körper wirken.  So lästig und unangenehm sie auch sind: Kopfschmerzen haben im Körper eine Funktion. «Im Kopf sind wichtige Organe lokalisiert – das Gehirn, aber auch Sinnesorgane wie Augen, Nase und Ohren. Daher ist es überlebenswichtig, dass dort ein empfindliches Warnsystem vorhanden ist», erklärt Kopfschmerz- und Migräneforscher Sandor.

In vielen Fällen haben Kopfschmerzen eine Rückzugsfunktion. Bei einer Migräne geht man davon aus, dass im Gehirn ein bioenergetischer Mangel herrscht, der darauf hindeutet, dass die Energiereserven der betroffenen Person erschöpft sein könnten. Laut Sandor kann man sich die Schmerzattacke als Stoppsignal vorstellen, das den Betroffenen zu einer dringenden Pause auffordert.

Faktor Stress

Somit wird auch verständlich, dass Stress als Auslöser von Kopfschmerzen eine wichtige Rolle spielt. Zwar gibt es zahlreiche Faktoren, die bestimmen, ob und wie stark Kopfschmerzen auftreten. Bei einer Migräne sind dies neben einer erblichen Veranlagung auch hormonelle Einflüsse (menstruelle Migräne) oder die Zufuhr bestimmter Nahrungsmittel, bei Spannungskopfschmerz einseitige, körperliche Belastung oder Wettereinflüsse. Innere Anspannung, Überforderung oder menschliche Konflikte können jedoch der entscheidende Auslöser sein. Um die individuellen Auslöser herauszufinden, ist es sinnvoll, ein Kopfschmerztage-buch zu führen. Eine entsprechende Vorlage findet sich auf www.headache.ch, der Internet-Seite der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft.

Wichtige Tipps für den Alltag
Kopfschmerzen sind oft auf äusserliche Ursachen zurückzuführen. Mit einer bewussten Haltung und einer Veränderung verschiedener Gewohnheiten lassen sie sich deshalb zu einem guten Teil vermeiden. Hier die fünf wichtigsten Tipps:

• Vermeiden Sie einseitige Belastungen, die zu Muskelverspannungen führen können. Achten Sie auf einen ergonomischen (Computer-) Arbeitsplatz und regelmässige Pausen. Auch das richtige Bett kann Kopfschmerzen verhindern.

• Streichen Sie Nahrungs- und Genussmittel, die bei Ihnen eine Migräne auslösen können. Hilfreich dabei ist ein Kopfschmerztagebuch. Häufige Übeltäter sind Wein, Nikotin oder Schokolade.

• Achten Sie auf einen geregelten Tagesablauf mit einem gleichmässigen Schlaf-Wach-Rhythmus – auch am Wochenende.

• Setzen Sie sich selber nicht unnötig unter Druck. Nobody is perfect – auch Sie nicht. Lassen Sie öfter mal die Seele baumeln und gönnen Sie sich etwas Schönes. Gehen Sie mit Stresssituationen gelassener um, indem Sie eine Entspannungsmethode lernen.

• Hören Sie auf Ihren Körper! Er sagt Ihnen sehr genau, was ihm gut tut und was nicht.Machen Sie eine Pause, sobald Sie erste Anzeichen einer Migräne spüren. Damit können Sie einen Anfall oft noch aufhalten oder zumindest lindern. Frauen mit Migräne sollten sich gerade während ihrer kritischen Zyklustage nicht überfordern. 

Schmerzmittel richtig anwenden

Gegen den gelegentlichen Einsatz von Schmerzmitteln ist laut Peter Sandor nichts einzuwenden. Infrage kommen bei sporadisch auftretenden Spannungs- kopfschmerzen oder einer leichten Migräne frei käuf-liche Substanzen wie Acetyl-salicylsäure, Naproxen, Ibu-profen, Paracetamol oder Metamizol. Dabei ist wichtig zu wissen, dass Schmerzmittel maximal an zehn Tagen im Monat eingenommen werden sollten. Eine häufigere oder ständige Einnahme kann nicht nur die Magenschleimhaut, Leber oder Nieren schädigen, sondern selbst zu Kopfweh führen, ein Phänomen, von dem etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist. Ein Medikamentenentzug unter ärztlicher Aufsicht ist in diesem Fall unumgänglich, da das Kopfweh sonst häufiger und schlimmer werden kann. Auch schwere Migräneanfälle oder häufige Spannungskopf-schmerzen sollten nie selbst behandelt werden. Es gibt zudem Warnzeichen,
bei denen man in jeden Fall einen Arzt aufsuchen sollte. Dazu gehören:

ein gravierender neuartiger Kopfschmerz, der das Funktionieren im Alltag beeinträchtigt.

Kopfschmerzen, die mit einem starken Krankheitsgefühl oder Fieber einhergehen.

ein schlagartig auftretender Kopfschmerz.

In solchen Fällen sollte der Hausarzt immer der erste Ansprechpartner sein. Er kann nicht nur eine etwaige Begleiterkrankung ausschliessen, sondern bei Bedarf auch eine Überweisung zum Experten veranlassen.

Natürliche Mittel

Doch schulmedizinische Behandlungen und Pharmapräparate sind nur ein Weg zur Linderung von Kopfschmerzen. In vielen Fällen helfen – alleine oder ergänzend zur Therapie – verschiedene natürliche Mittel. Gute Erfahrungen sind mit folgenden Mitteln und Massnahmen gemacht worden:

Pfefferminzöl: Es gilt als ebenso wirksam wie Paracetamol und Acetylsalicylsäure. Von dem ätherischen Öl werden ein paar Tropfen vorsichtig auf Schläfen, Stirn und Nacken getupft – dabei aber nicht mit den Händen in die Augen reiben. Die Anwendung kann bei Bedarf wiederholt werden und eignet sich auch für Kinder ab sechs Jahren.

Pestwurz: Die Einnahme eines Fertig-Präparats aus der Wurzel der Pestwurz (Petasites hybridus) kann die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken deutlich senken. Naturheilkundler und Mediziner empfehlen eine drei- bis viermonatige Einnahme; danach soll die Dosis laufend reduziert werden. Bei Wiederauftreten der Beschwerden kann eine erneute kurmässige Anwendung erfolgen. Pestwurz-Extrakte sind ebenfalls für Kinder geeignet.

Co-Enzym Q10, Magnesium und Vitamin B2: Sie verbessern den Energiehaushalt und werden auch von Sandor und seinem Team für Behandlungen eingesetzt und in Forschungsprojekten untersucht. Jede dieser drei Substanzen hilft Kopfschmerzen vorzubeugen, die Migränehäufigkeit zu verringern und zeigt kaum Nebenwirkungen. Sie sollten ärztlich verordnet und kurmässig über drei bis sechs Monate täglich eingenommen werden.

Kälte und Wärme: Kälte hemmt entzündliche Prozesse, verringert die Durchblutung, wirkt abschwellend und senkt so die Schmerzwahrnehmung. Bei einer akuten Migräneattacke ist das Auflegen einer kalten Kompresse daher einen Versuch wert. Wärme (Wärmflasche, Körnerkissen, Infrarotlampe) ist bei gleichzeitigen Muskelverspannungen im Hals-Nacken-Bereich sinnvoll.

Wasseranwendungen: Regelmässige Kneipp’sche Güsse, Teilbäder oder Wechselduschen können das überaktive, sympathische Nervensystem beruhigen. Regulierend wirkt ein wechselwarmes Fussbad: Hierzu je einen Eimer mit 38 Grad warmem und 12 bis 18 Grad kaltem Wasser füllen. Beide Beine zunächst für etwa 3 Minuten in das warme Wasser und anschliessend rund 15 Sekunden in das kalte Wasser stellen. Den Vorgang mehrmals wiederholen und immer mit kalt beenden. Zum Schluss das Wasser nur abstreifen und warme Wollsocken anziehen.

• Akupunktur: Der Mediziner Hans-Christoph Diener von der Universitätsklinik Essen konnte nachweisen, dass die Akupunktur bei chronischen Kopfschmerzen ebenfalls eine effektive Ergänzung des therapeutischen Konzepts darstellt. Meist wird ein- bis zweimal in der Woche genadelt. Im Durchschnitt sind etwa 10 bis 15 Behandlungen erforderlich.

Akupressur: Hierzu werden mit den Fingerspitzen kreisende Bewegungen auf bestimmten Akupunkturpunkten des Körpers durchgeführt. Kopfschmerzen, die hinter der Stirn sitzen, können zum Beispiel über den Beruhigungspunkt «Hsi-san» gelindert werden. Er liegt links und rechts der Schläfe, etwa einen Fingerbreit vom Ende der Augenbraue entfernt. Bei akuten Schmerzen sollte die Akupressur maximal 15 Minuten, zur Vorbeugung täglich 1 bis 2 Minuten angewendet werden.

• Entspannungsverfahren: Bewährt haben sich auch die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenes Training und Yoga. Die deutsche Yoga-Lehrerin Annett Suhr aus Bremen empfiehlt folgende Übung, die sich leicht im Büro durchführen lässt: Setzen Sie sich bequem hin. Rutschen Sie mit dem Gesäss so weit zurück, dass Sie Ihre Stirn auf die Tischkantelegen können. Nun den Kopf etwas nach vorne schieben, sodass sich die Haut an der Stirn in Richtung Augen schiebt. In dieser Haltung 10 Minuten entspannen und dabei ruhig ein- und ausatmen.

• Biofeedback: Hier lernen Betroffene, normalerweise unbewusst ablaufende Körperfunktionen wie Muskelspannung, Herzfrequenz und Durchblutung willkürlich zu steuern. Die Ergebnisse werden über einen Bildschirm sichtbar gemacht. Biofeedback eignet sich für Kinder und Erwachsene mit Migräne und Spannungskopfschmerz.

• Sport: Auch Bewegung kann helfen, Kopfschmerzen entgegenzuwirken. Besonders zu empfehlen sind Sportarten an der frischen Luft, wie Velofahren, Walking, Jogging und Schwimmen. Wichtig ist, dass mindestens dreimal in der Woche für etwa 30 bis 45 Minuten trainiert wird. Wer lange keinen Sport betrieben hat, sollte sich von seinem Hausarzt beraten lassen, bevor er mit dem Training beginnt.

Literatur:
Delbrück-Schneider: «Kopfschmerzen und Migräne ganzheitlich behandeln», Humboldt Verlag, 2006, Fr.17.–
Göbel: «Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne», Springer Verlag, 2002, Fr. 32.–
«Der grosse TRIAS-Ratgeber Kopfschmerzen, Migräne und Neuralgien», TRIAS, 2003, Fr. 33.70

Internet:
www.headache.ch
www.schmerzpatienten.ch
www.neurohelp.ch
www.nomig.ch Aktion gegen Kopfschmerzen

Tags (Stichworte): KopfschmerzenMigräneNaturheilkundeSchmerzmittel

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