Gesunde Beine
Jeder Zweite leidet im Laufe seines Lebens unter krankhaften Veränderungen der Beinvenen. Doch Krampfadern müssen nicht sein. Oft helfen ein gesunder Lebensstil und naturheilkundliche Massnahmen, vorzubeugen oder Beschwerden zu lindern.
So viele Vorteile die Evolution uns Menschen mit dem aufrechten Gang auch beschert hat: Für unsere Venen ist dies eine Herausforderung. Sie müssen schliesslich das Blut entgegen der Schwerkraft wieder zum Herzen zurück transportieren, damit es von dort aus über die Arterien erneut in alle Körperteile und Organe gelangt. Bei einem 70 kg schweren Menschen fliessen so ständig etwa fünf Liter Blut durch die Adern. Unterstützt wird die Blutzirkulation von den Venenklappen, die den Rückstrom des Blutes verhindern. Muskelbewegungen sorgen ebenfalls für einen verbesserten Blutrückfluss, indem sie die Venen immer wieder zusammendrücken. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Muskelpumpe.
Ein Frauenproblem
Bei jungen und gesunden Menschen funktioniert dieser Mechanismus meist problemlos. Doch mit zunehmendem Alter erschlaffen Muskeln und Bindegewebe immer mehr. «Infolge dieses natürlichen Alterungsprozesses steigt das Risiko für Venenbeschwerden», sagt Jürg Traber, Chefarzt der Venenklinik Bellevuepark in Kreuzlingen. Gemäss Schätzungen kommt es bei fast jedem zweiten Erwachsenen im Laufe des Lebens zu Venenveränderungen. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Grund: Bei ihnen muss sich das Gewebe im Falle einer Schwangerschaft stark ausdehnen können, ist dadurch insgesamt weicher und elastischer.
Als wichtigste Ursache einer Venenschwäche gilt erbliche Veranlagung. Aber auch ein ungesunder Lebensstil spielt eine wichtige Rolle. «Lifestyle-Faktoren tragen in erheblichem Masse dazu bei, dass auch immer mehr jüngere Menschen an Venenleiden erkranken», sagt Traber. Zu den Risikofaktoren zählen Übergewicht, Bewegungsmangel (viel Sitzen und Stehen, wenig Sport) sowie eine ballaststoffarme Kost. Auch eine frühere Thrombose kann die Entwicklung eines Venenleidens begünstigen ebenso wie eine Schwangerschaft.
So beugen Sie vor
• Essen Sie nicht zu viel und nicht zu fettig. Bevorzugen Sie vollwertige und faserreiche Kost mit viel frischem Obst und Gemüse.
• Machen Sie regelmässig kalte Beingüsse, kalte Waschungen und Wassertreten.
• Achten Sie auf lockere Kleidung und Schuhe. Verzichten Sie auf alles, was einschnürt. Flache Absätze sind venenfreundlich.
• Beachten Sie die folgende Regel: Lieber laufen und liegen anstatt sitzen und stehen.
• Sorgen Sie für viel Bewegung durch Fusswippen und -kreisen, Kniebeugen, Treppensteigen oder Ausdauersportarten wie Velofahren, Schwimmen oder (Nordic) Walking.
• Sorgen Sie regelmässig für Entlastung durch Hochlagern der Beine.
• Bauen Sie Übergewicht ab.
Quelle: Schweizerische Venenliga
Beschwerden vor allem im Sommer
Venenbeschwerden machen sich vor allem in der wärmeren Jahreszeit bemerkbar, da es bei hohen Temperaturen zu einer Erweiterung der Gefässe kommt und das Blut dort besonders leicht versacken kann. Je nach Art und Ausprägung unterscheidet man folgende Formen:
• Besenreiser: Hierbei handelt es sich um kleinste, mit Blut gefüllte Äderchen. Durch die Haut sind sie als Netz hellroter oder dunkelblauer Linien oder als rötliche Flecken sichtbar. Besenreiser treten vor allem an den Rück- und Aussenseiten der Ober- und Unterschenkel auf. Sie heissen so, weil sie in ihrem Aussehen an das Geflecht eines Reisigbesens erinnern. Besenreiser behindern das Blut nicht beim Rückfluss zum Herzen und verursachen in der Regel keine Beschwerden. Sie sind meist nicht behandlungsbedürftig, sondern stellen eher
ein kosmetisches Problem dar, können aber im Einzelfall auch auf eine Venenerkrankung hindeuten.
• Krampfadern: Varizen entstehen, wenn die Venenklappen nicht mehr richtig schliessen und sich das Blut in den Venen staut. Durch die Druckerhöhung weiten sich die Venen und schlängeln regelrecht. Mit Krampf – etwa im Sinne eines Wadenkrampfs – haben Krampfadern übrigens nichts zu tun. Der Begriff stammt vom altmittelhochdeutschen Wort Krummader ab, bezeichnet also eine gekrümmte, geschlängelte Vene. Bei den Krampfadern unterscheidet man ver-schiedene Arten: Netzartige Krampfadern sind etwas grobmaschiger und grösser als Besenreiser und befinden sich meist an den Aussenseiten der Ober- und Unterschenkel sowie in den Kniekehlen. Im Falle einer Verletzung können Netzkrampfadern bluten und ausgedehnte Blutergüsse verursachen. Stamm-Krampfadern treten an beiden Stammvenen der Beine auf: an der grossen Rosenvene, die sich vom inneren Fussknöchel zur Leiste zieht, und der kleinen Rosenvene, die vom Aussenknöchel bis etwa oberhalb der Kniekehle reicht. Bei Seitenast-Varizen handelt es sich um Krampfadern an den Verzweigungen dieser beiden Venen. Unter Perforans-Krampfadern versteht man Krampf-adern der Verbindungsvenen zwischen oberflächlichem und tiefem Venensystem.
• Beinvenen-Thrombose: Vor allem Menschen mit unbehandelten Krampfadern laufen Gefahr, eine Venenentzündung (Thrombophlebitis) zu bekommen. Hierbei bildet sich an der Venenwand ein Blutgerinnsel (Thrombus), das die Vene teilweise verschliesst. Oft genügt als Auslöser für eine Thrombose bereits ein Stoss oder eine Abschnürung, etwa durch zu enge Kniestrümpfe oder langes Sitzen mit angewinkelten Beinen. Eindeutige Symptome sind rote, heisse und schmerzende Beine. Solange nur die oberflächlichen Venen betroffen sind, ist eine Venenentzündung relativ harmlos und heilt unter ärztlicher Behandlung rasch ab. Vorsicht ist geboten, wenn die Schmerzen an Intensität zunehmen (besonders in der Wade beim Heben des Fusses), die Wadenmuskulatur spannt oder das Bein anschwillt. In diesem Fall sind auch die tiefen Beinvenen betroffen. Löst sich der Thrombus, kann er über den Blutkreislauf in die Lunge gelangen. Dann besteht die Gefahr einer Lungenembolie.
• Offenes Bein: Krampfadern oder eine tiefe Venenthrombose können im schlimmsten Fall zu Beingeschwüren führen. Durch krankhaft erweiterte und klappengeschädigte Venen, nach einer Thrombose oder durch Verstopfung der Abflusswege erfolgt ein Blutrückstau. Das kann zu einer Minderversorgung des Bindegewebes führen. Mögliche Folge sind schlecht heilende Wunden an Unterschenkeln und Füssen. Venenbeschwerden fangen fast immer ganz harmlos an. Oft kommt es zunächst nur zu schweren Beinen und geschwollenen Füssen und Knöcheln. Erst später kommen dann Schmerzen bei langem Sitzen und Stehen hinzu. Jürg Traber rät, Veränderungen an den Beinvenen immer ernst zu nehmen.
Bei diesen Anzeichen sollte ein Venenfacharzt aufgesucht werden:
• Schwellungen der Füsse,
Knöchel und Beine
• Krampferscheinungen
• Juckreiz an den Beinen
• Schwere und Spannungsgefühl
• deutlich sichtbar hervortretende
Krampfadern
• Blutungen aus kleinen
Krampfadern, wenn man sich
anstösst.
Komprimieren, veröden, operieren
Die Behandlung von Krampfadern richtet sich nach dem Krankheitsbild des jeweiligen Patienten. Verschiedene Ansätze haben sich bewährt:
• Kompressionstherapie: Hierbei wird dem erhöhten Druck des venösen Blutes im Bein ein entsprechender Druck von aussen entgegengesetzt. Kompressionsverbände oder -strümpfe führen zu einer Entstauung der Beine und verhindern Wasseransammlungen. Eine Kompressionstherapie kann manchmal
eine Alternative zur Operation sein. Für viele Patienten ist das Tragen von Kompressionsstrümpfen jedoch unangenehm – insbesondere in den Sommermonaten. Ausserdem bildet sich die Krampfader durch diese Massnahme nicht spontan zurück.
• Verödung: Diese Methode ist für wenige und kleine Krampfadern geeignet und kommt vor allem bei älteren, kranken und übergewichtigen Patienten infrage, bei denen eine Operation mit Risiken verbunden ist. Hierbei wird ein Verödungsmittel oder -schaum in die Krampfader gespritzt. Dadurch schwillt die Gefässwand der Vene an und die Vene wird verschlossen.
• Operation: Bei ausgeprägten Krampfaderleiden ist oft eine Operation erforderlich, um die erkrankten Teile des oberflächlichen Venensystems zu entfernen. Beim Stripping-Verfahren wird die erkrankte Vene herausgezogen
und die nicht mehr funktionstüchtigen Verbindungsvenen verschlossen. Solche Operationen werden heutzutage meist minimal-invasiv mit kleinen Stichen durchgeführt.
• Endoluminale Lasertherapie: Sie gehört zu den modernen Verfahren. Nach einer örtlichen Betäubung entlang der Vene wird über einen kleinen Einstich unter Ultraschallkontrolle eine Lasersonde in das Venensystem ein-geführt, die besonderes Laserlicht freisetzt. Durch die dabei entstehende Hitze wird die Vene schrittweise verschlossen. Nachteil: Die Übernahme der Kosten für eine Lasertherapie ist keine Pflichtleistung der Krankenkassen.
Was Sie auf Reisen beachten sollten

• Gefährdete sollten Kompressionsstrümpfe tragen. Wichtig sind Strümpfe der Kompressionsklasse 2, die bis zum Oberschenkel reichen.
• Reservieren Sie frühzeitig einen Gangplatz. Nutzen Sie die Zeit bis zur Abfahrt oder zum Abflug für etwas Bewegung. Wenn Sie während der Reise die Möglichkeit haben, stehen Sie alle 30 Minuten auf und gehen Sie umher.
• Nehmen Sie innerhalb 24 Stunden vor Ihrer Abreise nur leichte Kost zu sich, und sorgen Sie für eine geregelte Verdauung.
• Trinken Sie viel Flüssigkeit (am besten Wasser und Säfte). Meiden Sie Kaffee und Alkohol, da diese die Gefässe weiten und entwässernd wirken.
• Viele Fluglinien bieten auf Langstreckenflügen Gymnastikübungen an. Wem einfaches Fusskreisen und Anziehen der Zehen zu langweilig ist, für den hat Jürg Traber von der Venenklinik Bellevuepark in Kreuzlingen einen Tipp: zerknülltes Zeitungspapier mit den Zehen zu glätten.
Bild: © O. Fischer / PIXELIO
Linderung und Vorbeugung aus der Natur
Darüber hinaus gibt es zahlreiche naturheilkundliche Verfahren, welche eine Basisbehandlung sinnvoll ergänzen und Beschwerden lindern und vorbeugen können:
• Pflanzenheilkunde: Zu den bekanntesten Phytotherapeutika bei Venen-beschwerden gehören die Rosskastanie (siehe «Natürlich» 5-08) und das Rote Weinlaub (Vitis viniferia folium). Ihre Wirkstoffe fördern die Durchblutung und sorgen gleichzeitig dafür, dass weniger Flüssigkeit ins umliegende Gewebe austritt. Auch Buchweizen, Mäusedorn, Steinklee, Kuhschelle und die Virginische Zaubernuss können die Gefässe abdichten. Entsprechende Präparate sind als Kapseln oder Dragees, Salben, Tinkturen und Tees erhältlich. Die volle Wirkung tritt erst nach einigen Wochen ein.
• Kneippsche Güsse: Regelmässig angewendet wirken sie wie ein Gefässtraining. Ein Schenkelguss kann leicht in der eigenen Dusche durchgeführt werden. Hierfür einfach den Duschkopf abschrauben. Dann den kalten Wasserstrahl vom rechten Fuss über die Aussenseite des rechten Beines bis zum Gesässmuskel leiten. Dort einige Sekunden verweilen und an der Innenseite des Beines entlang wieder zum Fuss führen. Ohne Unterbrechung wechseln zum linken Fuss und Prozedur wiederholen. Anschliessend den Wasserstrahl an der Vorderseite des rechten Beines hinauf zur Leistengegend lenken, verweilen und an der Innenseite des rechten Beines hinunterführen. Auf der linken Seite wiederholen. Danach das Wasser nur abstreifen und sich warm anziehen.
• Wickel: Krampfadern oder leichte Venenentzündungen können gut mit Wickeln aus Lehm (Heilerde) oder Quark behandelt werden. Hierfür Heilerde mit Wasser zu einem dickflüssigen Brei anrühren, zirka drei Millimeter dick auf das Bein auftragen und mit einem Leinen- oder Baumwolltuch abdecken. Quark auf die gleiche Weise direkt auftragen. Die Wickel am besten täglich (bei akuten Beschwerden auch mehrmals pro Tag) 20 bis 30 Minuten einwirken lassen und die Reste mit Wasser abspülen.
• Homöopathie: Homöopathika können zur Behandlung von venösen Stauungsbeschwerden, aber auch bei akuten oberflächlichen und tiefen Venenentzündungen eingesetzt werden. Zum Einsatz kommen dabei verschiedene pflanzliche Homöopathika (Rosskastanie, Virginische Zaubernuss, Steinklee, Kuhschelle), aber auch mineralische (Folsäure, Kieselsäure, Kalziumfluorid)
und tierische Mittel (das Gift der Klapperschlange und der Kreuzotter).
• Blutegeltherapie: Der Blutegel wird schon seit Jahrtausenden zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Der Blutverlust durch das Saugen der Blutegel und die verlängerte Nachblutung bewirken einen sanften und langsamen Aderlass mit Abnahme der Blutkörperchen, Eiweissverlust und lokaler Entstauung. Da der Blutverlust durch Flüssigkeit ersetzt wird, kommt es zu einer Blutverdünnung und somit zu einer Verbesserung der Fliesseigenschaften des Blutes.
• Sauerstofftherapie: Bei schwer heilenden Wunden, wie zum Beispiel offenen Beinen, kann die Sauerstofftherapie helfen. Hierbei atmet der Patient in einer Druckkammer reinen Sauerstoff ein, der über die Blutbahnen zu den Geweben und Körperzellen wandert. Durch die vermehrte Sauerstoffversorgung werden die körpereigenen Abwehrmechanismen aktiviert und die Neubildung der Blutgefässe im Wundbereich gefördert.
Links
• www.venenliga.ch
• www.venenliga.de
• www.venenklinik.ch
Literatur
• Noppeney und Kallert: «Gesundheit für Ihre Venen»,
Urania Verlag 2006, Fr. 23.90
• Bruker und Gutjahr: «Krampfadern – schnelle, erfolgreiche und dauerhafte Beseitigung» Emu-Verlags-GmbH 2005, Fr. 23.90
• Heike Höfler: «Venengymnastik für gesunde, schöne Beine»,
BLV 2002, Fr. 24.–
http://www.venenklinik.ch/
Bilder: © irisblende.de
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