Gesünder sterben
Allzu bewusste Freunde können einem die Party verderben, wie Öko-Lisa kürzlich erfahren musste. Ihr Trost: Auch wenn Gesundheitsfanatiker sterben, sind sie tot.

Gestern habe ich zum letzten Mal im Kreise meiner Freunde Geburtstag gefeiert. Nicht, was Sie denken. Kein diagnostizierter Krebs im Endstadium. Auch keine Scham davor, ungebremst in eine für die Gerontologie relevante Altersstufe vorzudringen. Denn würden mathematische Quantitäten mein Leben beeinflussen, hätte ich nach dem vermeintlichen Fest nicht noch zwei von diesen mitgebrachten Weinflaschen für mich alleine geöffnet – mit dem Fazit, dass ich mich heute wie eine Unterhose mit eingenähter Bügelfalte fühle: irgendwie nicht von dieser Welt.
Dabei dachte ich immer, dass man von Biowein keinen Kater kriegt, weil schonend angebaut und mit weniger Schwefel versetzt. Da bin ich genauso einer gedanklichen Fata Morgana aufgesessen, wie es ein Irrglaube war zu meinen, ich könnte für meinen engsten Freundeskreis mal eben eine selbst gemachte Lasagne in den Ofen schieben – wo es sich Laura, meine vegetarische Freundin aus Florenz, doch von Haus aus gewohnt ist, das Rinderhackfleisch zwischen den Teigblättern herauszukratzen.
Monika auf Steinzeitdiät
Ich habe zwar nicht vergessen, Patrick in meine Überlegungen mit einzubeziehen, der nach einem ausgewachsenen Heuschnupfen nun eine Weizenallergie entwickelt hat. Allein seinetwegen kaufte ich diese überteuerten Lasagne-Blätter aus Dinkel, war sogar willens, sie nach Packungsvorschrift vorzukochen. Aber es kam was dazwischen: Julias Milchunverträglichkeit, von deren Existenz ich am Telefon erfuhr, als das Nudelwasser bereits sprudelte und die Mehlschwitze für die Béchamelsauce schon fertig war. Gut, sagte ich mir, es soll keine Lasagne sein und mailte mal eben Oliver an, der als Hobbykoch unbestritten zur Profiklasse gehört. Die Antwort kam postwendend von seiner neuen Flamme namens Jacqueline. Oliver sei auf Dienstreise, aber sie hätte da eine geniale Rezeptidee: gedünstete Meeresalgen auf Naturreisrisotto – «gabs letzte Woche nach dem Reiki-Workshop. Hat unfassbar geschmeckt! In der Zwischenzeit hab ichs schon viermal zu Hause nachgekocht!»
Nun ist mir auch klar, weshalb sich Oliver freiwillig in den Aussendienst hat versetzen lassen, mit happiger Auswärts-Essens-Entschädigung. Aber jedem das Seine. Deshalb auch keinen Naturreisrisotto, weil Monika derzeit auf Steinzeitdiät lebt. Verspeist wird nur, was es bereits vor der neolithischen Revolution gab, also bevor sich Ackerbau und Viehzucht ausgebreitet haben. Würmer, Larven und Insekten sind okay, Milch und Milchprodukte nicht. Fünf Kilo will Monika auf diese Weise abnehmen und dann ernährungstechnisch subito wieder in die Neuzeit zurückkehren.
Ob unsere Freundschaft dieses Experiment überstehen wird, weiss ich nicht, versuche jedoch zuversichtlich zu bleiben, solange sie nicht in Bastschuhen und Bärenfellmantel daherkommt. Die Hoffnung stirbt schliesslich immer zuletzt, lange nachdem die Fettleber ihre Dienste eingestellt hat. Davor braucht sich Bruno im Übrigen nicht zu fürchten, wo er doch nur noch Light-Produkte mit einem Fettgehalt von unter fünf Prozent verzehrt, um seinen Body-Mass-Index bis auf die dritte Stelle nach dem Koma halten zu können – möglichst bis er die Hundert überschritten hat. Sein Grossvater mütterlicherseits ist ja nur sechsundneunzig geworden, aber der hat ja auch Zeit seines Lebens gegessen, was auf den Tisch kam: Schweinebraten, Kartoffelgratin, Kopfsalat, Schokoladengugelhopf. Kein Wunder, ist der gute Mann gestorben!
Je demeter desto besser
Ein Schicksal, das es zu verhindern gilt, ein Leben lang. Und so sind im Kampf gegen das Unausweichliche alle Nahrungsmittel recht, solange sie nur als gesund taxiert werden. Je demeter desto besser, lautet der Schlachtruf. Wir Schweizerinnen und Schweizer folgen ihm in grosser Zahl. Im letzten Jahr ist der heimische Bio-Markt fast doppelt so schnell gewachsen, wie der von konventionellen Lebensmitteln. Nichtsdestotrotz: Auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot, das schleckt keine Geiss weg. Auch keine fröhliche Biogeiss, die auf einer biologisch-dynamischen Weide grast und deren herb-süssliche Milch selbst von Milchallergikern vertragen wird – also auch von meiner Freundin Julia.
Die kam wegen eines Arzttermins übrigens eine Stunde zu spät zu meiner Geburtstagsfeier oder besser gesagt zu dem, was einst als Feier angedacht war. Denn Partystimmung kam über dem Essen keine auf, weil es nämlich schlicht nichts zu futtern gab. Stattdessen liess man mich bei stillem Wasser hochleben – und wünschte mir ein möglichst langes und gesundes Leben.
Die Autorin
Geboren 1970 in Bern, arbeitet Nicole Amrein als freie Journalistin und Romanautorin. Nach ihrer Tätigkeit als News-Moderatorin bei einem Schweizer Fernsehsender war sie unter anderem Redaktionsleiterin verschiedener Frauenmagazine sowie Autorin bei einem Gastromagazin. Sie hat mehrere satirische Frauenromane und Romanserien verfasst, darunter einige Bestseller. Jeden Monat gewährt sie uns einen unterhaltsamen satirischen und intimen Blick ins Tagebuch von Öko-Lisa. Noch mehr Informationen unter www.nicoleamrein.ch
Illustraion: © Manuela Lanfranconi
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