Genuss im Schneckentempo

Markus Kellenberger | Ausgabe 12 - 2009

Festtage sind Genusstage, das gilt besonders für die Zeit von Weihnachten bis Neujahr. Die Organisation Slow Food unterstützt das Bedürfnis nach feinem Essen – aber nach dem Prinzip der nachhaltigen Besinnlichkeit.

Convenience Food, Junk Food, Functional Food, Brain Food , Gender Food, Fast Food – und jetzt auch noch Slow Food. Heisst das, dass wir unsere Hamburger ab sofort langsam essen müssen? Giuseppe Domeniconi lacht herzlich. «Im Prinzip ja», sagt er, «denn wer langsam isst, beginnt sich Gedanken darüber zu machen, was er eigentlich isst.» Und mit diesem einen Satz hat der Geschäftsführer von Slow Food Schweiz das zentrale Anliegen seiner Organisation auch schon auf den Punkt gebracht: Bewusstes Essen!

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«Essen ist mehr als sich nur ernähren, sich die nötigen Vitamine, Fette und Ballaststoffe zuzuführen», erklärt Domeniconi. «Essen ist in erster Linie Genuss – und es ist auch ein gesellschaftlicher und politischer Akt, bei dem wir Verantwortung dafür übernehmen können, woher unsere Lebensmittel kommen und mit welcher Liebe und Sorgfalt sie produziert, gehandelt und verarbeitet wurden. » Dieses Bewusstsein zu fördern, sei das Ziel seiner weltweit tätigen Organisation.

Das Recht auf Genuss
Slow Food wurde 1986 in Italien gegründet. Anfängliches Ziel war, sich für gutes Essen, für kulinarischen Genuss und ein moderates Lebenstempo einzusetzen. Inzwischen setzt sich Slow Food unter dem Motto «Recht auf Genuss» weltweit in über 130 Ländern auch für eine hohe Lebensqualität ein. Darunter versteht die öko-gastronomische Organisation, dass lokale Essgewohnheiten und Produkte nicht in Vergessenheit geraten, dass Vielfalt, Artenreichtum und traditionelle Herstellungsmethoden erhalten bleiben und dass der Umwelt, dem Wohlergehen der Tiere und der Gesundheit Sorge getragen wird.

Missachtete Schöpfung

«Wer Fleisch essen will, beziehe es nicht von industriellen Produzenten, sondern aus Bauernbetrieben aus der Region, bei denen das Tier noch als Lebewesen die gebührende Achtung und den nötigen Schutz geniesst.» Dieser Appell steht ganz in der Tradition von Franz von Assisi, dem Gründer des Kapuzinerordens. Für ihn waren die Tiere und Pflanzen auf Erden die Brüder und Schwestern der Menschen, die mit dem ihnen gebührenden Respekt behandelt werden mussten – und das entspricht weitgehend der Philosophie von Slow Food. «Die Achtung vor dem, was wir essen, steht für uns im Mittelpunkt», sagt Giuseppe Domeniconi, «Sie macht den Unterschied aus zwischen Ernähren und bewusstem Genuss.»

Süchtig nach Fast Food

Das tönt ganz einfach, ist im Alltag aber oft nur schwer umzusetzen. Das hat beispielsweise  Slow-Food-Mitglied und Kultkoch Jamie Oliver in England erfahren. Nachdem Oliver die Kantinenküchen auf gesunde und frische Lebensmittel umgestellt hatte, flüchtete ein guter Teil der Schüler in der Pause in die Fast-Food-Bude in der Nebenstrasse, um weiter fettige Pommes mit zuckrigem Ketchup zu essen.

Die Tricks der Industrie

Lebensmittelfachleute wissen, wie sehr uns unsere Geschmackserlebnisse prägen und wie stark sich unser Geschmacksempfinden mittels raffinierter Beigaben auch manipulieren lässt. Die Hersteller von Fertigprodukten, zeitgeistiger auch Convenience Food genannt, machen davon gezielt Gebrauch. Um dem entgegenzuwirken, unterstützt und organisiert Slow Food Immer wieder Kinderworkshops zur Geschmacksförderung. Dort geht es nicht darum, Fast Food in Bausch und Bogen zu verdammen, sondern beispielsweise den Unterschied zwischen gekauften und selber gemachten Pommes frites herauszuschmecken.

Foto: fotolia.com

Tags (Stichworte): Fast-FoodSlow-Food

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