Gentechnik und die Gesundheit

Andres Jordi | Ausgabe 2 - 2009

Gentechnisch veränderte Lebensmittel durchlaufen eine Sicherheitsprüfung – konventionelle nicht.

Gentechnisch veränderte Lebensmittel der ersten Generation haben für den Konsumenten keinen direkten Mehrwert und stammen aus Pflanzen wie Soja oder Mais, die aus anbautechnischen Gründen artfremde Gene tragen, etwa um sie gegen Schädlinge oder Herbizide resistent zu machen. Lebensmittel der zweiten und dritten Generation haben bis heute noch praktisch keine Bedeutung und befinden sich meist erst im Entwicklungsstadium. Sie sollen unsere Nahrung dereinst schmackhafter machen, mit gesünderen Inhaltsstoffen versehen, allergiefrei sein oder sogar Impfstoffe und Medikamente enthalten.

Konventionelle wie gentechnisch modifizierte Lebensmittel sind komplexe Systeme, die neben der Vielzahl identifizierter auch unbekannte Inhaltsstoffe enthalten. Über die Wirkung dieser Substanzen auf den menschlichen Körper ist oft wenig bekannt. Durch die Gentechnik können zudem neue Proteine in die Nahrung gelangen, mit denen man bislang meist keine Erfahrungen als Inhaltsstoffe eines Lebensmittels hatte und die unter Umständen allergen oder sogar toxisch wirken können.

Aktueller Wissensstand zählt

In der EU und in der Schweiz zugelassene gentechnisch veränderte Lebensmittel haben – im Gegensatz zu konventionellen – eine umfassende Sicherheitsprüfung durchlaufen. Hierzulande müssen Firmen, die ein entsprechendes Produkt auf den Markt bringen wollen, im Bundesamt für Gesundheit (BAG) ein detailliertes Dossier zu verschiedenen Sicherheitsaspekten einreichen. Bewilligungen erteilt das BAG, wenn nach dem aktuellen Wissensstand eine Gefährdung der Umwelt und der Gesundheit ausgeschlossen werden kann. Bei den Kontrollen gilt das Prinzip der substanziellen Äquivalenz: Anhand einer Reihe Inhaltsstoffe wird die Gleichwertigkeit eines gentechnisch veränderten Lebensmittels mit einem vergleichbaren konventionellen überprüft. Zusätzlich werden Toxizität und allergologisches Potenzial untersucht.

Eine kürzlich erschienene Studie des Joint Research Centre der EU attestiert den zurzeit auf dem Markt erhältlichen gentechnisch veränderten Lebensmitteln keine grösseren Gesundheitsrisiken als vergleichbaren konventionellen. Eine 2005 von der Weltgesundheitsorganisation publizierte Untersuchung zieht ein ähnliches Fazit.

«Durch das Einschleusen neuer Gene wird eine Pflanze selbstverständlich verändert und nicht alle Folgen sind zum Vornherein absehbar», sagt Beat Keller von der Universität Zürich. Da die Zusammensetzungen und allfällige problematische Inhaltsstoffe der Kulturarten jedoch bekannt seien, kenne man auch mögliche Risiken sehr gut und diese liessen sich überprüfen. «Eine Sicherheitskontrolle deckt gesundheitlich unerwünschte Wirkungen auf, denn durch einen Gentransfer entsteht nicht plötzlich etwas völlig Neues», sagt der Pflanzenbiologe.

Anbau und Deklaration in der Schweiz
In der Schweiz baut bislang kein Bauer gentechnisch veränderte Pflanzen an. Das wird aufgrund des von der Bevölkerung gutgeheissenen Gentechnikmoratoriums bis mindestens 2010 so bleiben. Momentan sind hierzulande drei Maissorten und eine Sojasorte als Futter- oder Lebensmittel zugelassen. Weitere Produkte warten auf eine Bewilligung. Lebens- und Futtermittel, deren Anteil an gentechnisch veränderten Organismen höher als 0,9 Prozent ist, müssen als «gentechnisch verändert» deklariert werden. Milch, Eier und Fleisch von Tieren, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurden, unterstehen keiner Deklaration.  Keine Kennzeichnung wird zudem bei gentechnisch veränderten Enzymen verlangt, die in der Lebensmittelverarbeitung zum Einsatz kommen, im fertigen Produkt aber nicht mehr enthalten sind, beispielsweise Labenzyme zum Käsen.

Unüberschaubare Komplexität

Verschiedene Experten wenden jedoch ein, dass nur schon das Einschleusen eines einzelnen Gens in eine Pflanze in dieser zu unüberschaubaren und komplexen Wechselwirkungen führen kann. Denn viele Gene in einem Organismus haben gleichzeitig mehrere Funktionen, umgekehrt werden viele Funktionen durch mehrere Gene gesteuert. Gene beeinflussen und regulieren sich gegenseitig. Gene und ihre Produkte verhalten sich möglicherweise in einer neuen Umgebung anders als im Ursprungsorganismus. All dies kann den Stoffwechsel in einer genetisch veränderten Nahrungspflanze auf vielfältige und unvorsehbare Weise beeinflussen. Vollends unüberschaubar wird das Ganze bei Pflanzen, die mehrere Fremdgene enthalten.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass es auch Untersuchungen gibt, welche die generellen Unbedenklichkeitserklärungen in Frage stellen. Gleich zwei Studien haben jüngst auffällige Veränderungen bei mit Gentech-Mais gefütterten Mäusen diagnostiziert. Elena Mengheri vom Istituto Nazionale di Ricerca per gli Alimenti e la Nutrizione in Rom und ihr Team wiesen veränderte Reaktionen des Immunsystems bei jungen und alten Mäusen nach. Jürgen Zentek von der Veterinärmedizinischen Universitätsklinik Wien und seine Mitarbeiter stellten eine nach mehreren Generationen aufgetretene Abnahme der Fruchtbarkeit fest. Die untersuchten Maissorten haben das Bewilligungsverfahren der zuständigen Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit erfolgreich durchlaufen, deren Unabhängigkeit Kritiker gelegentlich in Zweifel ziehen.

Brauchen wir das?

Auch wenn der Verzehr zugelassener GV-Lebensmittel im Grunde unbedenklich sein mag, auch wenn es letztlich keine absolute Lebensmittelsicherheit gibt und solche Produkte im Vergleich zu konventioneller Nahrung besser kontrolliert werden, sind derartige Befunde irritierend und verunsichern. Und man fragt sich unweigerlich, ob wir Gentech-Lebensmittel überhaupt brauchen. Zumindest was den gesundheitlichen Mehrwert anbelangt, sind sich viele Ernährungsexperten einig, dass insbesondere in den reichen Industrieländern das herkömmliche Nahrungsangebot mehr als ausreichend ist für einen gesunden Lebensstil.

Weiterführende Artikel
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Gentechnik und Umwelt
Gentechnik und der Hunger

Links
www.dialog-gentechnik.at
www.transgen.ch
www.gentechnologie.ch
www.nfp59.ch
www.bag.admin.ch/themen/lebensmittel/04858/04863
www.agassessment.org

Literatur
Klaus Hahlbrock: «Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren? – Bevölkerungsexplosion – Umwelt – Gentechnik»,
Fischer Verlag 2007, Fr. 18.90
• 
Brigitte Zarzer: «Einfach genial – Die grüne Gentechnologie: Chancen, Risiken und Profite»,
Heise Verlag 2005, Fr. 30.90

Bilder: © FOTOLIA


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