Gentechnik und der Hunger

Andres Jordi | Ausgabe 2 - 2009

Durch eine Stärkung der regionalen Landwirtschaft lassen sich Hunger und Armut bekämpfen, weniger mit Gentechnik.

Die grüne Gentechnik kann nach Meinung vieler Befürworter einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung von Unterernährung und Armut leisten. Weniger Ernteverluste und höhere Erträge gentechnisch veränderter Pflanzen sollen den Hunger in Entwicklungsländern verringern und die Ernährungsgrundlage einer wachsenden Weltbevölkerung sichern helfen. Mit salztoleranten und trockenheitsresistenten Sorten sollen sich bisher ungeeignete Anbauflächen erschliessen lassen. Die Mehrerträge, verbunden mit Einsparungen beim Pestizidverbrauch und bei der Bewirtschaftung, sollen Bauern trotz teureren Saatguts bessere Einkommen ermöglichen.

Laut dem International Service for the Acquisition of Agribiotech Applications konnten indische und chinesische Bauern ihr Einkommen durch den Anbau von Bt-Baumwolle 2007 durchschnittlich um rund 270 Franken respektive 235 Franken pro Hektar steigern. Die Erträge erhöhten sich um bis zu 50 Prozent, während sich der Insektizidgebrauch im gleichen Mass reduzierte. «Unsere Untersuchungen mit Kleinbauern in Indien zeigen, dass Biosaaten gegenüber konventioneller und gentechnisch veränderter Baumwolle in punkto Einkommen eindeutig besser abschneiden», sagt dagegen Tina Goethe von Swissaid. Zudem habe sich die Verschuldung der Bauern, die auf gentechnisch veränderte Baumwolle setzten, durch das duetlich teurere Saatgut tendenziell erhöht.

Abhängigkeit von Agrarkonzernen

Entwicklungsorganisationen wie die Swissaid befürchten, dass die Abhängigkeit der Bauern von den internationalen Agrarkonzernen insbesondere durch deren Patentrechte auf GV-Saatgut in den Entwicklungs- und Schwellenländern stark zunimmt. Zudem fördere die Gentechnologie die Industrialisierung der Landwirtschaft und Konzentration auf wenige Grossbetriebe. Verlierer seien die unzähligen Kleinbauern, die mit solchen technisierten Agrarbetrieben nicht konkurrieren könnten und aus der Landwirtschaft und oft auch von ihrem Land verdrängt würden. «In Argentinien und Paraguay mussten Zehntausende von Bauernfamilien aus wirtschaftlichem Druck ihr Land aufgeben oder wurden sogar gewaltsam vertrieben», sagt Goethe.

Kleinbauern, oft vor allem Frauen, produzieren in vielen Entwicklungsländern laut Goethe bis zu 85 Prozent der für eine gesicherte Ernährung notwendigen landwirtschaftlichen Produkte. «Die Bauern benötigen keine mit grossen finanziellen Risiken verbundenen Technologien», ist sie überzeugt, «sondern solche, die auf die lokalen Verhältnisse zugeschnitten sind, altes Wissen wieder vermehrt nutzen, auf Sortenvielfalt und auf Arbeitskraft statt Kapital setzen.»

Kleinbauern stärken

In die gleiche Stossrichtung gehen die Vorschläge des demnächst erscheinenden Berichts «International Assessment on Agricultural Science and Technology for Development» des Weltlandwirtschaftsrats: Der industrielle Intensivanbau in Monokulturen und mit gentechnisch veränderten Pflanzen habe zwar die Produktion in den vergangenen Jahrzehnten teilweise deutlich gesteigert, helfe jedoch den Bedürftigen nicht. Das aus 400 Experten und Regierungsvertretern bestehende Gremium fordert deshalb einen radikalen Richtungswechsel hin zu einer multifunktionalen Landwirtschaft und lokalen Anbaupraktiken. Nur eine Stärkung der regionalen Landwirtschaft in den Entwicklungsländern könne die Ernährungsprobleme dauerhaft lösen. Die Gentechnologie spielt dabei höchstens am Rand eine Rolle.

«Auch Kleinbauern profitieren»
Philipp Aerni vom Institut für Umweltentschiedungen der ETH Zürich und vom World Trade Institute der Universität Bern betont im Zusammenhang mit der Armutsbekämpfung die Rolle der öffentlichen Forschung und wünscht  sich mehr Partnerschaften zwischen privaten und öffentlichen Institutionen.

Wie wirkt sich der Anbau und Handel von
GV-Pflanzen auf die sozioökonomischen Verhältnisse der Bauern aus?
Das hängt von der jeweiligen Anbaukultur ab. Die Produktion von Baumwolle, Soja und Mais wurde bereits vor der Einführung der Gentechnik von der industrialisierten Grosslandwirtschaft dominiert. Durch Gentechsorten konnte diese die Produktionskosten senken. Grossbauern in Brasilien, Spanien und Argentinien haben sehr von den neuen Sorten profitiert. Gerade beim Anbau schädlingsresistenter Baumwolle konnten auch viele Kleinbauern profitieren.

Wie wirkt sich der Anbau und Handel gentechnisch veränderter Pflanzen auf die Abhängigkeit von Bauern von Agrokonzernen aus?
Die Agrounternehmen offerieren meist Saatgut, Spritzmittel, Dünger, Kredite und technische Assistenz, während die Bauern sich verpflichten, ihre Erträge an den Konzern abzuliefern. Dieses Vorgehen und die damit verbundene Abhängigkeit der Bauern beschränkt sich aber mittlerweile nicht mehr nur auf Agrokonzerne, sondern betrifft auch die Praktiken vieler Agrarkooperativen und Supermarktketten. Das Saatgut wird in Entwicklungsländern meistens nicht direkt von Grosskonzernen vermarktet, sondern von einem lokalen Unternehmen via Lizenzvergabe.

Was ist der Sinn hinter den Patentrechtzahlungen, die Bauern Agrounternehmen zahlen müssen?
Patente sollen hauptsächlich einen Anreiz schaffen, dass Unternehmen in neue Produkte und Technologien investieren. Das erfordert hohe Fixkosten für Forschung und Entwicklung und der höhere Preis, der durch das patentbedingte temporäre Monopol gewährt wird, erlaubt es diese Kosten zu amortisieren. Dabei muss man auch die Preisdifferenzierungsstrategie eines Unternehmens mitberücksichtigen: Ist die Gewinnmarge in einem kaufkräftigen Land hoch, kann es profitabel sein, dasselbe Produkt zu einem weit niedrigeren Preis in einem Land mit geringer Kaufkraft zu vermarkten. Die Agrofirmen verwenden bei der Vermarktung von gentechnisch verändertem wie auch bei konventionellem Saatgut oft hybride Sorten, die bei Wiederverwendung weit geringere Erträge abwerfen. Dieser «natürliche» Schutz des geistigen Eigentums zwingt die Bauern, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen, wenn sie die hohen Erträge weiterhin erzielen wollen. Das ist ein Grund, warum es seit über 60 Jahren eine Saatgutindustrie gibt, hat aber nichts mit der Gentechnik an sich zu tun.

Sind die Agrounternehmen die grossen Profiteure?
In der Tat ist es so, dass die grossen Agrounternehmen momentan am meisten profitieren, denn die hohen Regulierungskosten bei der Zulassung von GV-Pflanzen können sich kleinere Unternehmen unmöglich leisten. Im Durchschnitt wartet man fünf Jahre auf eine Zulassung und der Kostenaufwand für Risikostudien und Anbauauflagen belaufen sich im Schnitt auf rund 20 Millionen Franken. Die Ironie besteht darin, dass Gentechkritiker hohe Regulierungsauflagen fordern, zugleich aber die Konzentration in der Industrie anprangern. Bestimmte Entwicklungsländer wie Brasilien, Indien und China haben erfolgreich eigene Gentechsorten entwickelt. In Afrika zeigt momentan einzig Südafrika Interesse dazu. Die restlichen afrikanischen Länder sind zu stark von europäischer Entwicklungshilfe und den europäischen Agrarmärkten abhängig, als dass sie es sich leisten könnten, gegen den Willen der Europäer die Zulassung von GV-Sorten voranzutreiben.

Unter welchen Voraussetzungen könnte der Anbau von GV-Pflanzen auch den Kleinbauern etwas bringen?
Es wird meist ignoriert, dass es auch öffentliche Forschung gibt. Und diese kümmert sich oft um die genetische Verbesserung von Nutzpflanzen, die für die Industrie nicht von Interesse sind, dafür umso grössere Bedeutung für das Überleben von Subsistenzbauern haben. Um die Gentechnik wirklich zum Nutzen der Kleinbauern anwenden zu können, bräuchte es jedoch einen grösseren Willen zu Partnerschaften zwischen privaten und öffentlichen Institutionen. Diese sind aus ideologischen Gründen meist nicht möglich.

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Tags (Stichworte): ÖkologieArmutErnährungGentechnikHungerLandwirtschaft

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