Freiheit
Rauschende Abfahrten durch unberührten Pulverschnee: Das Skivergnügen abseits der Pistenhektik lässt sich auch in der Schweiz verwirklichen – etwa auf dem Säntis.
Der Anteil der Ski- und Snowboardtourenfahrer wächst. Am stärksten allerdings ist das Wachstum nicht im klassischen Tourenbereich, sondern im Segment Freeride. Die Schweiz bietet dazu fast unbegrenzte Möglichkeiten. Die Erschliessung mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Bergbahnen und Skiliftanlagen ist so gut, dass man (beinahe) CO2-neutral und ohne dass es dafür einen Helikopter braucht, perfekte Pulverschneeabfahrten erleben kann.
Pulverschnee garantiert
Timing ist beim Freeriding entscheidend: Wenn der Schnee fällt und das Wetter passt, heisst es nichts wie raus. Heute ins Appenzell, auf den Säntis. Hier ist das Freeride-Paradies! Jedenfalls bei den Skitourengehern, für die der Säntis bereits heute ein beliebtes Ziel ist. Der höchste Gipfel des Alpsteinmassivs ist für Freerider noch zu entdecken. Die gute Erreichbarkeit von Zürich, St. Gallen und dem gesamten Bodenseeraum aus ist ein grosses Plus. Und die 1600 Höhenmeter lange Abfahrt lässt sich auch noch als kurzfristig geplantes Nachmittagsvergnügen realisieren.
Hat man erst einmal den mächtigen Gipfelbau hinter sich gelassen, taucht man in eine andere Welt ein. Die Ruhe ist fast komplett, einzig ein paar Alpendohlen schweben durch die Lüfte auf der Suche nach etwas Essbarem. Wer schon mal den Sommerbetrieb im Alp-steinmassiv erlebt hat, wird den Ort nicht wiedererkennen. Die Restaurantdichte ist zwar immer noch gross, doch offene Türen wird man nirgends finden, denn die Häuser sind in dieser Jahreszeit meist komplett eingeschneit.
Rücksicht auf die Natur
Freeriden ist Trend- und Natursport in einem. Der Spass abseits der präparierten Pisten und im unverspurten Weiss kann andere aber in Bedrängnis bringen: Für Gämse, Schneehase und andere Wildtiere ist der Winter mehr Last als Lust. Bereits kleine Einschränkungen der Freerider bringen einen grossen Nutzen für die Wildtiere.
Wer mehr über Wildtiere weiss, wird sie in der freien Natur vermehrt beachten und nachhaltigere Naturerlebnisse mit nach Hause nehmen. Ein schonender Umgang mit der Bergnatur liegt im eigenen Interesse der Schneesportler: Zum einen, um den eigenen «Spielplatz» Natur intakt zu halten, zum anderen, um immer strengere Vorschriften und Verbote zu verhindern.
Die Wildtiere leben im Winter von ihren Reserven und müssen haushälterisch mit ihnen umgehen; das vorhandene Nahrungsangebot reicht nicht zum Überleben. Bei der Flucht durch tiefen Schnee verbraucht das Wild ein Vielfaches an Energie. Wiederholte Flucht kann daher zur Schwächung der Wildtiere, zur Störung des Paarungsverhaltens und zum Tod durch Erschöpfung führen.
Die stark gefährdeten Raufusshühner, dazu zählen Hasel-, Schnee-, Birk- und Auerhuhn, sind in den Morgen- und Abendstunden aktiv und dann besonders störanfällig. Am Morgen und Abend sollten Schneesportler deshalb die Wälder und Waldränder unbedingt meiden. Man sollte sich an die bestehenden Routen und Wege halten, Bäume und Baumgruppen umfahren und Lärm vermeiden. Gämsen und Steinböcke sind den ganzen Tag über aktiv. Werden sie wiederholt gestört, verlassen sie ihr Einstandsgebiet oberhalb der Waldgrenze und ziehen sich in den Schutzwald zurück. Es kommt zu Bissschäden an jungen Bäumen, und die Verjüngung des Waldes wird dadurch beeinträchtigt. Bei Rothirschen und Rehen ist die Situation ähnlich. Apere Flächen und felsige Bereiche sind weiträumig zu umfahren. Der Abstand zu den Tieren soll gewahrt werden, die Routenwahl ist bei Bedarf anzupassen.
Verzicht bei Lawinengefahr
Der Winter bringt Freeridern unvergessliche Momente – meditative Kurzaufstiege in den Morgenstunden, fantastische Weitblicke auf dem Gipfel und stiebende Pulverschneeabfahrten. Der Winter kann aber auch ein Risiko darstellen – in der Schweiz sterben pro Jahr durchschnittlich 24 Menschen im Schnee. Die grösste Gefahr geht von Lawinen aus, weshalb Grundlagenkenntnisse in der Lawinenkunde essenziell sind und die aktuelle Lawinensituation bei der Tourenplanung berücksichtigt werden muss.
Bei unserem Freeride erübrigt sich dies. Die Säntisbahn transportiert Skitourengeher und Freerider nur bei sicheren Verhältnissen, das heisst bei geringer oder mässiger Lawinengefahr. Daher unbedingt vorher anrufen, wenn man nicht auf der Schwägalp festsitzen möchte.
Im freien Ritt vom Säntis nach Appenzell
Gebiet: Alpstein
Abfahrt: 1600 m
Schwierigkeit: Wenig schwierig
Strecke: Bergstation Säntisbahn, Fussgängerweg/-tunnel zum alten Bergrestaurant nehmen (speziell markiert für Skifahrer), dann über den Gross Schnee Richtung Südost fahren, unterhalb des Chalbersäntis Richtung Nordost zur Wagenlücke (2075 m) abfahren, nach der Wagenlücke zuerst Richtung Norden, dann Nordost weiterfahren, eines der drei Couloirs wählen (Empfehlung: ganz rechts durch das «Männercouloir»), weiter bis zum Unter Messmer (1613 m), via Seealp zum Seealpsee (1141 m) – wenn möglich ab Seealp ziehen lassen, bis Restaurant Forelle mit Stockeinsatz –, danach über Gätteri nach Wasserauen (868 m).
Karten: Landeskarte 1:25 000, 1115 Säntis, Skitourenkarte 1:50 000, 237S Walenstadt
Alpinschulen/Bergführer: www.bergsportschulen.ch, www.4000plus.ch
Bild: © FOTOLIA
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