Frankensteins Werk

Martin Arnold | Ausgabe 01 - 2010

Harmlose Kernenergie? Das bezweifelt die wissenschaftliche Zeichnerin Cornelia Hesse-Honegger. Sie dokumentiert, wie Wanzen in der Umgebung von Atomkraftwerken mutieren.

Zur Wanzenspezialistin wurde Cornelia Hesse-Honegger nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Doch schon vor über 40 Jahren zeichnete sie die für die meisten Menschen eher mit unangenehmen Gefühlen verbundenen Insekten. Die Zürcherin malte im Südpazifik Meerschnecken und Korallen ab, sie zeichnete auch mutierte Fliegen aus dem Institut, einfach alles, was sie interessierte. Sie beschäftigte sich – wie sie heute zugibt – weder besonders mit der Politik, noch mit Fragen der Energieversorgung. «Ich akzeptierte auch Atomkraftwerke als eine Möglichkeit, unsere Nachfrage nach elektrischer Energie zu decken.»

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• Tschernobyl – wie kam es zum Super-Gau?

 Dann kam der 26. April 1986. Im ukrainischen Atomreaktor von Tschernobyl kommt es zum Super-Gau, bei dem grosse Mengen radioaktiver Materie durch eine Explosion in die Umwelt freigesetzt wurde. Bald schon stellte Hesse-Honegger in Schweden, aber auch in der Region Bodensee und im Tessin, jene Gegenden, die in der Schweiz wegen der Windrichtung vom Atomunfall in Tschernobyl am meisten betroffen waren, Veränderungen an den Wanzen fest.

1990 gelang es ihr, an einer Pressereise nach Tschernobyl und Umgebung teilzunehmen. Wo immer es ihr möglich war, scherte sie aus der Reisegruppe aus und machte sich auf die Suche nach Wanzen. In der Umgebung des besonders radioaktiv verstrahlten Pripjat, wo bis heute viele Menschen an Krebs erkrankt sind, aber auch ausserhalb der gefährlichen 30-Kilometer-Zone um den geborstenen Reaktor fand sie massive Missbildungen an den untersuchten Wanzen.

Was Cornelia Hesse-Honegger aber wirklich zu denken gab, war die Tatsache, dass sie dieselben Verstümmelungen auch in der Nähe von Schweizer Atomkraftwerken und in der Umgebung des Paul Scherrer Instituts (PSI) entdeckte. Diese Gebiete waren von Tschernobyl nämlich weniger betroffen. Sie war alarmiert und intensivierte ihre Untersuchungen, sodass sie bis heute über 16 000 Wanzen hat, die sie in ihrem Schlafzimmer lagert.

Die bedenklichen Ergebnisse stiessen in der Fachwelt auf Widerspruch. Die ETH kam in einer Studie, die Cornelia Hesse-Honegger für fadenscheinig hält, zum Schluss, dass die niedrige Strahlendosis, in der Umgebung von Atomkraftwerken unbedenklich sei. In der Studie wird die Ansicht vertreten, Verkrüppelungen seien bis zu einem gewissen Grade normal.

Cornelia Hesse-Honegger entgegnet dem Folgendes: «Wir wissen nicht, was normal ist, weil es die Biologen seit Beginn der umfassenden Umweltverschmutzung versäumt haben, sich um den Gesundheitszustand von Insekten und Pflanzen zu kümmern. Weil in Europa praktisch überall Atomkraftwerke stehen, gibt es keine Referenzbiotope mehr.»

Dafür hat sie beispielsweise in Südvietnam, in Gebieten, wo die amerikanische Luftwaffe während des Krieges (1965 bis 1975) das berüchtigte, dioxinhaltige Agent Orange versprüht hat, einen interessanten Vergleichsbiotop gefunden. Agent Orange führte zu schlimmen Missbildungen bei Kindern. «Aber dort weisen die Wanzen deutlich weniger Verkrüppelungen auf als im Kanton Aargau, wo die meisten Atomkraftwerke der Schweiz stehen», erklärt die Forscherin.

Kernkraft erhöht das Krebsrisiko

Im Aargau untersuchte sie an 40 Standorten je 65 Wanzen. In Kleindöttingen wiesen 12 von 65 in Rohr gar 15 von 65 Wanzen Anormalitäten auf. Besonders ausgeprägt wird es dort, wo es Überschneidungen der häufigsten Winde gibt, die aus Richtung von Gösgen, Beznau, Leibstadt und dem PSI wehen. Häufig treten Asymmetrien bei den Wanzen auf und manchmal dünkt es den Betrachter, hier sei Dr. Frankenstein am Werk gewesen: verkürzte Füsse, Augenpigmente am Hinterkopf, Geschwulste in den Augen oder vollkommen verschieden lange Flügel, die das Fliegen verunmöglichen. Die Ursachen dafür sieht Cornelia Hesse-Honegger in der radioaktiven Niedrigstrahlung der AKWs.

Der Reaktorunfall von Tschernobyl
Es war eine Kette unglücklicher Umstände sowie menschliches und technisches Versagen, die zum Reaktorunfall von Tschernobyl in der Ukraine führten. Den Anfang der Katastrophe bildeten anstehende Wartungsarbeiten im Rahmen derer bei einem Versuch eine vorübergehende, kontrollierte Abschaltung des Reaktors vorgesehen war. Ein abgeschaltetes Kraftwerk ist auf die Versorgung von Energie beispielsweise zur Kühlung angewiesen. Dieser Übergang auf die Notversorgung sollte durchgespielt werden.

Jede vierte Wanze ein Mutant

Hesse-Honegger hat im Kanton Aargau und jetzt im luzernischen Entlebuch auch bei anderen Tieren und Pflanzen Schädigungen festgestellt. Doch bei keiner Art hat sie sie mit einer so seltsam grausig anmutenden Ästhetik dokumentiert wie bei den Wanzen. Die wissenschaftliche Zeichnerin hat ihre Werke bis heute in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen präsentiert. Auch im Entlebuch, wo sie ihre Ergebnisse vortrug, mussten die Menschen zur Kenntnis nehmen, dass die Natur in der zum Unesco-Welterbe erklärten Landschaft nicht so intakt ist wie erhofft. In ihrem Ferienhaus in Flühli, das Hesse- Honegger gemeinsam mit ihrer Schwester besitzt, narkotisiert sie abends die Wanzen, bevor sie die Insekten unter dem Mikroskop untersucht, protokolliert und geschädigte Tiere abzeichnet. Es ist beachtlich, was sie auch hier, über 60 Kilometer entfernt vom nächsten AKW, an Missbildungen findet. In den Lagen, wo die Bise von Norden her ungehindert blasen kann, weist fast jede vierte Wanze Verkrüppelungen auf.

Noch immer hofft sie, dass vor einer neuen Abstimmung über die Atomenergie die Gefährlichkeit der Abstrahlung von Kernkraftwerken noch einmal genau untersucht wird. «Auch wenn die Niedrigstrahlung von AKWs nach bisherigen Erkenntnissen ungefährlich ist, zeigen doch Studien, dass sie problematischer ist, als bisher angenommen. Das müssen die Experten zur Kenntnis nehmen.»

Illustrationen: © Cornelia Hesse-Honegger


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