Farbenkraft aus der Natur

Fabrice Müller | Ausgabe_05/2017

Die Kraft der Natur lässt sich mit natürlichen Farben in die eigenen vier Wände holen. Davon ist der Künstler Urs A. Furrer überzeugt. Er arbeitet mit Steinpigmenten, die er aus allen Gegenden der Schweiz zusammenträgt.

@ Farbrice Müller, zvg

Eisen trifft auf Stahl. Mit voller Wucht. Immer wieder. Dazwischen: ein blauer Stein, der immer mehr zerfällt, sich aber tapfer gegen die kräftigen Hammerschläge wehrt. Beissender Geruch steigt in die Nase, er erinnert an «Käpselipistolen». Endlich, der blaue Lapislazuli aus Afghanistan ist zerkleinert. Nun kommt ein kalk- und glimmerhaltiger Stein aus dem Domleschg unter den Hammer. Er zerfällt mit den ersten Schlägen in kleine Brocken und rasch zu Fragmenten, dann Körnen, und schliesslich Steinmehl. Ein warmes, strahlendes Gelb leuchtet uns entgegen.

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Werklager von Urs A. Furrer
Reto Brawand Zürich
Kaufmann Maler und Gipser

Die schweiz pulverisiert. Urs A. Furrer legt Hammer und Schutzbrille beiseite. Mit einem Pinsel wischt er den gelben Steinsand in ein Glas mit Deckel. Viele solche Gläser hat er bereits gefüllt. Mit Calandagrün etwa, mit Prättiviola und Wolfrot vom Wolfgangpass bei Davos und natürlich das Zorarot, sein Lieblingspigment aus dem Mendrisiotto: ein heller Apricotton mit grosser Strahlkraft.

Die ganze Schweiz gibt es bei Urs A. Furrer mittlerweile in Pulverform. Vom Schiefer aus dem Prättigau über Granit aus der Gotthardregion bis zum Kalk vom Jura und vieleGesteinsarten mehr hat er zertrümmert. Allein aus den Bündner Bergen hütet er beispielsweise drei Gelbtöne: Julier-, Puschlav- und Silvrettagelb.

Mehr als 360 verschiedene Steinpigmente lagern in den Gläsern und Holzkisten seines Ateliers, darunter 60 unbunte Pigmente wie das gleissende Schijenstrahlweiss, dessen Gesteine manchmal wie Reisszähne aus Bündner Weiden blicken. Schwarzes Gestein findet Furrer unter anderem im Flussbett der Nolla bei Thusis. Der sogenannte Tonschiefer verfügt über Pyriteinflüsse mit weissen Adern; die schwarzen Bestandteile bestehen aus Graphit. Und aus dem Wallis erhielt er einen rabenschwarzen Anthrazitbrocken. Eher selten in der Schweiz sind blaue Steinpigmente. Wenige davon entdeckte Furrer in der Val Ferrera in Gruoba oberhalb Schmelza, wo in alten Zeiten Kupfer abgebaut wurde. Für die Herstellung von Pigment reichen diese Kleinstmengen allerdings nicht aus.

Mysterium der Natur.
Steine sind sein Leben. Spätestens seit 1997. Damals beschäftigte sich der gebürtige Stadtzürcher mit väterlichen Wurzeln zu den Walsern mit dem Farbton von Schiefergestein. Besonders die Lichtreflexionen hatten es ihm angetan. Doch die Acrylfarbe brachte den Künstler nicht weiter. Dann kam er auf die Idee, die Farbe dort zu holen, wo sie entsteht – in der Natur. «Ich begann, das Schiefergestein zu Pigmenten zu verarbeiten und führte erste Experimente durch. Die Lebenskraft dieser Farben liess mich nicht mehr los. Ich bin der Natur dankbar, dass sie mich auf dieses Mysterium aufmerksam gemacht hat», schwärmt Furrer.

Mit glänzenden Augen erzählt er über seine Funde. Hinter jedem Stein steckt eine Geschichte. In seiner Werkstatt in Conters bei Küblis werden die Fundstücke geschreddert und zermahlen. Immer wieder ist der Alchemist in der Schweiz unterwegs auf der Suche nach neuen Fundstücken. Steine aus dem Ausland indes findet man bei ihm eher selten. Er wolle sich nicht verzetteln, meint er schmunzelnd, im Wissen, dass es in anderen Ländern viele spannende Gesteinsarten gibt – so etwa den Lapislazuli aus Afghanistan. «So ein intensives Blau findet man in der Schweiz nicht», sagt Furrer.

Nicht immer gibt ein Stein von aussen zu erkennen, was er in seinem Innern verbirgt. Trotz Kennerblick erlebt auch Furrer immer wieder mal Überraschungen, wenn er einen Stein pulverisiert. Und ist oft voller Ehrfurcht: «Das rötliche Erzmaterial aus dem Gonzen bringt in Pulverform eine derart starke Farbwirkung hervor, dass ich immer wieder ins Staunen gerate», erzählt er.

Licht und Verarbeitung. Das Wort «Farbe» in Zusammenhang mit seinen Steinpigmenten nimmt Furrer zwar nur ungern in den Mund. Viel lieber spricht er von der Ausstrahlung und Qualität eines Steins – und wird dabei philosophisch: «Der Begriff Farbe ist für mich zu einschränkend. Die Kraft eines Steinpigments lässt sich besser über die Sinne aufnehmen als mit Worten beschreiben.»

Das Licht spielt bei der Wahrnehmung der Steinpigmente eine wichtige Rolle. Es bringt die mineralischen Farbtöne zum Leben. Und mit den Steinpigmenten holt man sich ein Stück Natur in die eigenen vier Wände. Etwas, was synthetische Farben laut Furrer nicht schaffen: «Synthetische Farben sind von der Natur und ihren Prozessen abgekoppelt. Folglich strahlen sie auch nicht die gleiche Kraft aus wie mineralische Farben.» Wie die Steine als Farbpigmente wirken, hänge von ihrer Herkunft, der Beschaffenheit und der Verarbeitung ab. Ein stark pulverisiertes Gestein, das besonders fein gemahlen wurde, verfüge über eine noch stärkere Ausstrahlung als weniger fein pulverisierte Steine.

Stein an der Wand. Seine Steinpigmente setzt Urs A. Furrer in der Malerei ein. Manchmal kommt es auch vor, dass seine Kunden Steine von Orten mitbringen, wo sie sich besonders wohl fühlen. Der Künstler zermalmt sie und malt mit ihnen. «Die Kraft dieser Steine findet dann den Weg ins Bild», sagt er. «Und dieses wiederum wird zum Kraftort in der Wohnung.»

Möglich ist ferner der Einsatz der Steinpigmente für die Wandgestaltung. Hierfür überlässt Furrer die Ausführung dem Malerhandwerk. Wichtig sei, natürliche Bindemittel zu verwenden, die nicht filmbildend sind und dadurch die Ausstrahlung der Pigmente hemmen würden. Als mögliche Bindemittel bieten sich Kasein, Gummi Arabicum, Perlleim oder auch Milch und Bier an. Natürlich spiele dabei ebenso der Untergrund eine Rolle: So mache es wenig Sinn, die Farbe aus Steinpigmenten auf einen synthetischen Untergrund aufzutragen und dabei mit Haftbrücken zu arbeiten. In solchen Fällen empfiehlt Furrer, auf grossflächige Bilder zu setzen, von denen aus die Kraftfarben wirken können.

Derzeit experimentiert der Künstler mit Tonplatten, die er mit seinen Pigmenten bemalt und anschliessend brennt. Je nach Länge des Brennvorgangs verändert sich die Tönung. Spannend ist auch hier der Vergleich zwischen synthetischen Farben und Farben aus Steinpigmenten: Letztere bestechen durch ihre Lebendigkeit und Ausstrahlung, während die künstlichen Farben eher dumpf wirken.

Traditionen und grundlegendes Wissen
rund um Farben sind heutzutage mit ihrer künstlichen Herstellung vielerorts verlorengegangen. Auch der Einsatz von natürlichen Farben sowie Lehm als Ersatz für Gipsverputz droht in Vergessenheit zu geraten und soll nun seit einigen Jahren durch ausgebildete Farbgestalter wieder vermehrt ins Bewusstsein der Menschen geholt werden.

Reto Brawand, gelernter Hochbauzeichner und Architekt, hat sich ür diese Ausbildung zum Farbgestalter entschieden, um sich danach selbstständig zu machen. «Der Einsatz von Farben fasziniert mich, weil sie einen tief bewegen können und emotionale Wirkungen hervorrufen.» Besonders angetan haben es auch ihm natürliche, ohne künstliche Hilfsmittel hergestellte Farben. Diese werden aus natürlichen Rohstoffen produziert und sind frei von Konservierungsstoffen, Weichmachern und Algiziden. So gibt es zum Beispiel Kalkfarben, Sumpfkalkfarben, Kaseinfarben und Kalkkaseinfarben; hinzu kommen Pflanzen-, Lehm- und Ölfarben.

Bereits seit der Antike als Baumaterial bekannt ist zum Beispiel der gebrannte Kalk. Auch in der römischen Baukultur nehmen Kalkputz und Kalkfarbe eine Schlüsselstellung ein. Und heute kommen sie wieder auf. Aus gutem Grund: Kalk ist umweltfreundlich, sorgt für ein angenehmes Raumklima und erlaubt viele Gestaltungsmöglichkeiten, von einfachen Anstrichen mit Kalkfarbe in verschiedenen Farbtönen über Lasurtechniken bis zur hochwertigen Spachteltechnik.

Kalkfarbe bestehe grundsätzlich aus Sumpfkalk und Wasser. Werde sie mit Sand gemischt, könne sie für Fresko-Malereien eingesetzt werden, erklärt Alfons P. Kaufmann aus Wallbach, der sich mit seinem Maler- und Gipsergeschäft auf natürliche Farben sowie Lehmbau spezialisiert hat. «Optisch besticht die Kalkfarbe durch ihr charakteristisches leuchtendes Weiss. Diese Leuchtkraft bringt keine andere Farbe zustande.»

Antibakteriell und atmungsaktiv. Man kann die Kalkfarbe mit Farbpigmenten mischen und abtönen. Dadurch entstehen meist matte Farbtöne – meist im Pastellbereich – mit einer faszinierenden Farbtiefe. «Kalkfarben reflektieren das Licht besonders gut», erklärt Kaufmann. «Sie sind hochatmungsaktiv und wirken im Raum hygienisierend und antibakteriell. Ausserdem ist sie in der Lage, die Feuchtigkeit des Raums zu regulieren.» Gegen Algen, Pilz und Schimmel weise sie ferner eine hohe Widerstandsfähigkeit auf. Deshalb sei die Kalkfarbe besonders auch für Feuchträume wie Bäder, Küchen und Keller ideal.

Beim Auftragen wird die Kalkfarbe im wässrigen Zustand verarbeitet. Deshalb sind drei bis vier Anstriche nötig, bis die Wand den gewünschten Farbton erreicht. Natürlich hergestellte Farben wirken oftmals strukturierter. Sie machen je nach Lichteinfall einen Wandel innerhalb weniger Stunden durch und verändern sich im Verlauf der Zeit. Dieser Alterungsprozess tue der Farbe gut, während Dispersionsfarben mit der Zeit schmuddelig wirken, findet Kaufmann. «Farbe kann und darf altern. Da sich natürliche Farben aus verschiedenen Pigmenten zusammensetzen, erhalten sie eine Patina, die ihre natürliche Schönheit unterstreicht.»

Fotos: Farbrice Müller, zvg

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