Essen nach Yin und Yang

Damian Bugmann | Ausgabe 2 - 2009

Makrobiotik ist keine Diätquälerei, sondern Bestandteil einer ganzheitlichen Philosophie. Die asiatische Ernährungs- und Lebenslehre bringt Ausgeglichenheit in alle Lebensbereiche.

«Mit den ganzheitlichen Ernährungslehren und Lebensphilosophien wie Makrobiotik muss man sich sehr gut befassen, um sich nicht einseitig zu ernähren», meint die diplomierte Ernährungsberaterin Arlette Kleinendorst. «Veganer, die alle tierischen Produkte und die Nutztierhaltung ablehnen, sind oft zu wenig mit Vitamin B12 versorgt.» Der gut angewendete Ovo-Lacto-Vegetarismus hingegen biete eine gute Ernährung (siehe «Natürlich» 1-09).

Das gilt auch für die makrobiotische Küche, obschon ein gängiges Vorurteil meint, diese verzichte ganz auf Fleisch und Milchprodukte. «In der Makrobiotik kann man alles essen», betont Hene Keller, «wichtig ist, wie die Nahrungsmittel kombiniert und zubereitet werden.» Der Mann ist langjähriger Kenner und Anwender dieses Ernährungskonzepts. Der frühere Lehrer arbeitet als selbstständiger EDV-Fachmann und hat am Kientalerhof in Kiental BE, damals Makrobiotisches Institut, Ausbildungen in Makrobiotik und Shiatsu absolviert.

Makrobiotik
Der aus dem Griechischen stammende Begriff bedeutet frei übersetzt «das grosse Leben». Der Ursprung der Makrobiotik findet sich in der japanischen Heilung-durch-Nahrung-Bewegung Shoku-Yo Kai des 19. Jahrhunderts.
Die Philosophie der Makrobiotik: Balance beim Essen zwischen Yin und Yang, Kalium und Natrium, sauer und alkalisch, ausgewogene Ernährung und Zubereitung, naturnahe und tiergerechte Produktion der verwendeten Nahrungsmittel.

Die Lust am Essen

Zur Zeit seiner Ausbildung am Lehrerseminar in Bern wurde er Vegetarier aus sozioökonomischen Gründen. Er ass kein Fleisch, weil er es verabscheute, dass in Europa und Nordamerika Getreide und Bohnen, die Grundnahrungsmittel der Entwicklungsländer, an Mastvieh verfüttert werden. Aber mit dem, was in unserer Esskultur übrig bleibt, wenn das Fleisch weggelassen wird, war für ihn auch die Lust am Essen weg. Er nahm zu, war viel krank, und eine Diagnose bei einem Makrobiotik-Lehrer ergab Probleme beim Immun- und Nervensystem. «Ich realisierte, dass ich ohne Fleisch zu viel Yin und zu wenig Yang hatte und nicht in Balance war.» Erst als Keller makrobiotisch zu essen begann, hatte er plötzlich wieder Lust am Essen, es mundete vorzüglich, er fühlte sich gut und gesund. Jetzt begriff er den Sinn des Wortspiels: «Man ist, was man isst.»

Schiffbruch mit Köstlichkeiten

Fleisch, Eier und Meersalz sind in der Makrobiotik Yang, gehören also in der chinesischen Philosophie zum Prinzip Sonne oder Tag. Getreide ist eher in der Mitte anzusiedeln, Speiseöle, Gemüse, Kaffee, Alkoholika, Fruchtsäfte und Weiteres sind hingegen Yin (Schatten, Nacht). Backen, Braten und trockene Zubereitung gelten als Yang, sanftes Garkochen (Simmern) und feuchte Zubereitung als Yin.

Weitere Balancen gilt es herzustellen zwischen Lebensmitteln mit alkalisierenden beziehungsweise säurebildenden Wirkungen, eine Differenzierung, wie sie auch die europäische Bircher-Benner- Ernährungslehre kennt. Kombinationen wie Fisch und Kartoffeln, Steak und Salat, Geflügel und Obst gelten nach diesen Kriterien als ausgeglichen.

Aber: «Ein Käsefondue lässt sich kaum ausgleichen», schrieb Hene Keller bereits 1987 in der von ihm herausgegebenen, zweisprachigen Makrobiotik-Zeitschrift. «Nach solchen einseitigen Exzessen verlangt der Körper unweigerlich nach Kaffee, Orangensaft und frischen Früchten. In gewisser Hinsicht ist also jeder ein Makrobiot, nur wissen es viele nicht und schaukeln bis zum Schiffbruch auf dem wilden Meer auf- und abwogender Köstlichkeiten dahin.»

Ganzheitliche Bio-Lehre aus Japan

Der erste, der in Japan östliche Philosophie in die westliche Ernährung brachte, war im 19. Jahrhundert der Arzt Sagen Ishizuka von der Shoku-Yo Kai (Heilung-durch-Nahrung-Bewegung). Er empfahl unter anderem auch den optimal balancierten Vollreis als Grundlage für individuelle Diäten, den Anbau ohne Kunstdünger, naturbelassene Nahrungsmittel und die Anwendung von Bädern und Gymnastik. George Ohsawa brachte Shoku-Yo dann unter dem Begriff Makrobiotik nach Europa, und Herman Aihara erbrachte im Rahmen der westlichen Wissenschaft den physiologischen Beweis der Säure-Base- und der Natrium-Kalium-Balance. Letztere erklärt einen Teil des Funktionierens der Yang-Yin-Balance in der Makrobiotik.

Allein mit Hilfe einer Ernährungslehre dauernd gesund zu bleiben, hält aber auch Hene Keller für unrealistisch. Es brauche manchmal auch ein Heilkraut oder ein Medikament, um ein gestörtes Gleichgewicht wieder herzustellen. «Natürlich empfiehlt es sich, nach Schwäche und Krankheit sehr ausbalanciert zu essen und auf Eskapaden zu verzichten», sagt er.
Es erstaunt ihn jedoch nicht, dass Menschen meistens scheitern, die voll im Familien-, Berufs- oder Sportleben stehen, und sich in die makrobiotische Diät Nummer sieben (Vollreisdiät) stürzen.

«Gerade die Vollreisdiät braucht eher einen ruhigen, geschützten Rahmen ohne Ärger und Stress und Zeit für beschauliche Tätigkeiten wie Meditationen, körperliche Übungen und Gartenbau.» Typisch für die westliche Denkensweise sei das Herausschneiden des Ernährungsaspekts aus dem makrobiotischen Zusammenhang. Das könne nicht funktionieren, denn für ein ausgeglichenes Dasein spielten Lebensweise, körperliche Aktivität und soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge weitere wichtige Rollen.

Besser, grösser, schneller – und die Alternative dazu

Das ganzheitliche, ausgleichende Menschen- und Weltbild des Ostens findet sich auch im Zen-Buddhismus, Taoismus und in Disziplinen wie Yoga, Tai-Chi, Budo und Shiatsu. Der Westen mit seiner dualistischen Betrachtung hingegen spaltet alles in Gut und Schlecht und sucht immer das Bessere, Schnellere, Grössere. Dadurch werden oft Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten geschaffen. «Im täglichen Leben schaue ich, dass ich nicht dualistisch lebe», sagt Keller, «dabei ist die Makrobiotik für mich ein Leit-faden zur Erreichung einer Balance in jedem Lebensbereich.» Und das funktioniert ohne grosse Einschränkungen und penible Kontrolle. Keller und seine Familie wenden das Ernährungskonzept heute nach 20-jähriger Praxis nicht buchhalterisch, sondern eher intuitiv und unbewusst an.

Die einseitige und einschränkende Fokussierung auf die Ernährung und ihre medizinischen Eigenschaften findet Mario Binetti von der Kientalerhof-Schule problematisch. Makrobiotik, sagt er, werde viel zu eng interpretiert und zu einem unflexiblen Diätkorsett gemacht. Der Begriff «Makrobiotik» ist nicht zuletzt deshalb aus dem Namen der Ausbildungsstätte verschwunden und wird laut Binetti an der Schule nur noch selten verwendet. Obwohl er von der Übersetzung («grosses Leben») her genau das bedeute, werde er leider oft als «Mikrobiotik» interpretiert und mit Krankheit in Verbindung gebracht.

«Grundsätzlich haben wir das, was man ganz allgemein mit Makrobiotik bezeichnen könnte, in unser Tagesleben hier im Kiental integriert», so Binetti, «dazu gehören die Grundphilosophie von Yin und Yang, Körperübungen und Ernährungslehre. Kochkurse finden in der Shiatsu-Ausbildung immer noch statt, und ab Mitte 2009 wird eine neue Kochschule moderne, lustvolle Makrobiotik lehren.»

Laut Binetti findet zurzeit eine Renaissance der makrobiotischen Bewegung in ganz Europa statt: «Ende 2007 und 2008 hat in Lissabon ein Treffen aller massgebenden Lehrerinnen und Lehrer dieser  gesundheitsfördernden Lebensweise stattgefunden, die geprägt ist von Mitgefühl und Urteilslosigkeit, basierend auf einer intuitiven Erfahrung der Naturgesetze, der Ausgeglichenheit von Yin und Yang.» Angesprochen fühlten sich Betroffene im Burn-Out-Bereich, aber auch viele junge Menschen, die nach echt ganzheitlichen Alternativen mit einer soliden Basis als Lebensphilosophie suchten.

Links
www.kientalerhof.ch
www.chinesischemedizin.ch
www.vegetarismus.ch
www.veganismus.com

Literatur
• Christoph Wilhelm Hufeland: «Makrobiotik oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern», Verlag Reichl 2008, Fr. 56.40
• Ohsawa /Herman: «Makrobiotik: Eine Einladung zu Gesundheit und Glück», Majajiva-Verlag 2004, Fr. 16.50


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