Es geht auch ohne Ritalin

Damian Bugmann | Ausgabe 3 - 2008

Ritalin ist nicht das einzige Mittel zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndroms ADHS. Verschiedene alternativ- und naturmedizinische Methoden können sanft und umfassend helfen.

Nach dem Verständnis der Schulmedizin liegen die Ursachen des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) und des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms ohne Hyperaktivität (ADS) in einem genetischen Schaden und einer Stoffwechselstörung des Vorderhirns. Da das Dopamin freisetzende Molekül Methylphenidat die Aufmerksam- keitsstörung oft lindert, geht man davon aus, dass unkonzentrierte Jugendliche und hyperaktive Kinder zu wenig von diesem Botenstoff selber produzieren können. Als Haupttherapie propagiert und verabreicht man daher meist Methylphenidat. Das Medikament wird unter den Handelsbezeichnungen Ritalin oder Concerta in Tablettenform abgegeben.

Das den Lifestyle-Medikamenten Amphetamin, Prozac und Ecstasy ähnliche Methylphenidat soll bei Kindern Nervosität und Zappeligkeit bändigen und bei Jugendlichen die Konzentration auf Arbeits- und Lernprozesse fördern. Experten schätzen, dass heute weltweit über 20 Millionen Kinder und Jugendliche dieses Medikament einnehmen. In der Schweiz sollen Schätzungen zufolge rund sechs Prozent aller Kinder Methylphenidate schlucken. Zwischen 1996 und 2000 soll sich der Konsum hierzulande versiebenfacht haben. Statistische Zahlen werden laut dem Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic jedoch nicht erhoben.

Ganzheitliche Behandlung gefordert

Kritiker fordern ein Wegkommen von der einseitigen neurologischen Sichtweise und der blossen Symptomunterdrückung. Sie plädieren für ganzheitliche Behandlungskonzepte, Alternativen zur schädlichen Dauermedikation, den Einbezug von Ernährung, Lebens- und Arbeitsumständen sowie der Familiensituation und Bezugspersonen in die Therapie. Psychische und soziale
Probleme könnten nicht alleine mit einem chemischen Wundermittel gelöst werden, so der Tenor. Viele Kinder brauchten in der heutigen Konkurrenz- und Konsumgesellschaft eine bessere Begleitung und Förderung sowie Eltern, die vernünftige Grenzen setzen könnten – und keine forcierte Integration in Schul- und Arbeitsstress mit Hilfe eines Medikaments.

Ritalin – Ausnahme, nicht Regel

Hierzulande wurde der Ritalinboom lange als typische Übertreibung der USA abgetan. Unter anderem aufgrund intensiver Bewerbung der Ärzte und Psychiater seitens der Pharmaindustrie stiegen aber auch in Europa die Verkäufe von Methylphenidat-Produkten. Der sprunghafte Anstieg der Anzahl regelmässiger europäischer Konsumenten in den 90er-Jahren entfachte in den Medien eine rege Ritalin-Diskussion. Das Thema spielt in den Informations- medien inzwischen eine untergeordnete Rolle, im Internet aber wird immer noch heftig informiert, gebloggt und für oder gegen schulmedizinische oder alternative Therapien argumentiert.

Alternative Therapien wie die Homöopathie werden in der schweizerischen und europäischen Öffentlichkeit mangels besserer Kenntnis oft gerne als Glaubenssache und zur Heilung ernsthafter Krankheiten völlig ungeeignet hingestellt. «Aus meiner Praxiserfahrung kann ich sagen, dass die klassische Homöopathie sehr häufig eine Alternative zur schulmedizinischen Behandlung mit Ritalin ist», sagt dagegen die im Kanton Bern praktizierende Ärztin und Homöopathin Petra Fuchs. Im Unterschied zur westlichen Schulmedizin habe die Alternativmedizin ein anderes Verständnis zur Entstehung von Krankheiten und deren Symptomen und verfolge daher einen vollkommen anderen Behandlungsansatz.

Ein abgestimmtes Zusammengehen von Schul- und Alternativmedizin schliesst sie dabei jedoch nicht grundsätzlich aus: In Ausnahmesituationen, zum Beispiel wenn ausgesprochen starke familiäre oder berufliche Belastungen aufträten, setze sie bei der Behandlung phasenweise ebenfalls Methylphenidat ein.

In ihrer Praxis hat Fuchs bisher Patienten in unterschiedlichen Situationen behandelt: Kinder mit der Erstdiagnose ADHS oder solche, die bereits seit einiger Zeit Medikamente einnehmen, deren Eltern aber nach Alternativen suchen. Oder Patienten, bei denen die Diagnose erst im Erwachsenenalter gestellt wurde. «Sowohl Kinder als auch Erwachsene, die bisher noch kein Ritalin oder vergleichbare Medikamente eingenommen haben, erhalten in meiner Praxis zuerst nur eine homöopathische Medikation», hält die Ärztin fest. «Finde ich das entsprechende Heilmittel nicht, nimmt die Homöopathie aber zunächst neben Methylphenidat eine begleitende Funktion ein», sagt sie. Sobald eine beobachtbare Besserung eintritt, reduziert sie das Ritalin langsam und setzt es
schliesslich ganz ab. Begleitend zur homöopathischen Behandlung empfiehlt sie je nach Situation eine Elternberatung, pädagogische Therapie und Einzel- oder Familientherapie.

Aufgeschlossene Schulmedizin

Auch ein Teil der heutigen Schulmedizin befürwortet alternative Konzepte. Im Zentrum für Entwicklungsförderung und pädiatrische Neurorehabilitation in Biel nehmen bei der Behandlung von ADHS die Standardtherapien wie die Medikation mit Methylphenidat und eine Verhaltens- oder Familientherapie zwar eine zentrale Stellung ein. «Diese wirken auf die Kernsymptome des ADHS», erklärt Chefarzt Ralph-Ingo Hassink. Zum Bieler Behandlungskonzept von ADHS gehören daneben aber auch Heilpädagogik, Ergo- und Logopädie sowie komplementärmedizinische Massnahmen wie Homöopathie, Akupunktur und Diäten.

Im Rahmen des Projekts «Integrative Medizin» werden beispielsweise auf den Patienten abgestimmte komplementärmedizinische Massnahmen eingesetzt. Die Effizienz solcher alternativer Konzepte sei zwar aus wissenschaftlicher Sicht teilweise noch unklar oder fehlend, so Hassink, sie verbesserten aber den allgemeinen Gesundheitszustand der Patienten und dadurch auch indirekt die spezifischen Symptome des ADHS. Im Falle der Homöopathie verweist er auf eine Studie des Inselspitals Bern, in der bereits 2005 die Wirksamkeit einer homöopathischen Behandlung von ADHS wissenschaftlich nachgewiesen wurde.

«Man kann auch zuerst mit Homöopathie behandeln und wenn dies nicht funktioniert, Methylphenidat einsetzen», erläutert der Arzt pragmatisch. Entscheidend für die ADHS-Diagnose und -Behandlung sei aber auf jeden Fall das Gesamtbild des Kindes: seine Stärken, Ressourcen und seine Defizite. Bei Hassinks Behandlungskonzept werden daher zuallererst immer auch die erzieherischen und pädagogischen Massnahmen eines ADHS-Kindes optimiert.

Seit elf Jahren behandelt Ursula Eggimann in ihrer Praxis in Grenchen SO, Patienten, bei denen die Schulmedizin ADS oder ADHS diagnostiziert hat. Ihre Praxiserfahrung zeige ganz klar, dass Ritalin keine Heilung, sondern nur eine Verlagerung der Grundproblematik bewirke und andere Krankheitssymptome hervorrufe, sagt die Naturärztin NVS mit den Spezialgebieten Homöopathie, Kinesiologie, Bioresonanz und Pflanzenheilkunde. «Mein Ziel ist es immer, Ritalin möglichst schnell abzusetzen», sagt sie. «Je länger aber das Medikament eingenommen wurde, desto länger dauert auch die Absetzung.»

Therapie für die ganze Familie 

Laut Eggimann ist das Risiko gravierender Nebenwirkungen und Folgeschäden einer länger andauernden Ritalin-Einnahme – beispielsweise Abhängigkeit, Psychosen, Parkinson, Organschäden – inzwischen durch verschiedene Studien aus England und den USA auch wissenschaftlich nachgewiesen. «Für mich kommen auch aus diesem Grund nur sanfte, nebenwirkungsfreie Therapien in Frage, die eine dauerhafte Gesundung bewirken», sagt sie.

«In der Naturmedizin arbeiten wir nicht wie in der Neurologie mit dem Gedanken: Das Kind funktioniert nicht, wir müssen mit einer Chemikalie in den Hirnstoffwechsel eingreifen», erklärt sie. Naturmedizin reguliere, harmonisiere und baue Körper und Geist auf. Bei ADHS-Patienten würden auch die gesamte familiäre und schulische Situation sowie die ganze körperliche Konstitution in die Behandlung einbezogen. Bei Kindern und Jugendlichen sei zudem eine intensive elterliche Begleitung notwendig.

Als Therapie wendet Eggimann nicht nur die Homöopathie an, sondern wählt aus der breiten Palette naturmedizinischer Methoden das für den Patienten Passende aus. Sie weist Eltern und betroffene Kinder auch auf eine ausgewogene und gesunde Ernährung hin und klärt eine allfällige Schwermetallbelastung oder einen Nährstoffmangel ab. «Beides sind Faktoren, die oft eine Blockade bewirken.»

Mit Meditation gegen Reizüberflutung 

Im Grunde gehe es bei der ganzen Überaktivitätstherapie darum, die durch Reiz- und Informationsüberflutung überbelasteten Festplatten unserer Gehirncomputer wieder zu entleeren und zu lernen, uns in vielerlei Hinsicht zu zähmen, erklärt die Naturärztin. Dabei könnten Meditation, bewusst gesteuerte Bewegungsabläufe oder die Verbindung beider Techniken zu meditativer Bewegung und zur Konzentration des Geistes helfen, wie es etwa beim Tai Chi oder Aikido praktiziert werde. «Die Therapie ist nicht ganz einfach und erfordert viel Spürsinn», meint Eggimann, «aber in vielen Fällen gelingt es, eine wirkliche Befreiung der Seele von den Zwängen vorgegebener Muster und eine Rückbesinnung auf beständige Werte und die eigenen, nicht von aussen aufgeprägten Wesensäusserungen zu erreichen.»

Kürzlich sei eine völlig verzweifelte Mutter mit einem renitenten, supercoolen Jugendlichen zu ihr gekommen. Innerhalb von neun Wochen habe er sich soweit entwickelt, dass sich seine Umgebung über die positive Veränderung wunderte. Eggimann: «Die Beruhigung des energetischen Systems erfolgte in diesem Fall durch zwei homöopathische Mittel. Das eine diente der Symptomatik und das andere war sein ganz persönliches Konstitutionsmittel.» Nach Ansicht der Naturheilkunde aktivieren homöopathische Globuli nicht nur die Selbstheilungskräfte eines Menschen, sondern geben auch der Bewältigung psychosozialer Schwierigkeiten und der Persönlichkeitsentwicklung wichtige Impulse.

Erschwerend komme in der Therapie hinzu, so Eggimann, dass Eltern oft schnell wieder Abstand von einer Behandlung nähmen, wenn die erste homöopathische Arznei nicht gleich den gewünschten Erfolg zeige. Sie seien zudem oftmals kaum bereit, einzusehen, dass sie in vielen Fällen selbst einen entscheidenden Anteil zum Verhalten ihres Kindes beitrügen. Für die Naturärztin ist daher unerlässlich, dass die Eltern möglichst aktiv bei der Gesundung des Kindes mithelfen.

Hilflosigkeit seitens betroffener Eltern und Erzieher sieht sie oft, aber auch Ahnungslosigkeit, Gutgläubigkeit und Resignation mangels schulmedizinischer Alternativen. «Meine Aufgabe als Naturärztin ist es deshalb, nicht aufzugeben, ganzheitliche Behandlungskonzepte zu suchen und aufzuzeigen», sagt sie. Dabei geht es ihr auch um die Verantwortung, Kinder vor Medikamentenmissbrauch zu schützen.

Bilder: irisblende.de, pixelio.de

Was meinen Sie?
Wird Ritalin zu häufig verschrieben? Dürfen Kinder heute nicht mehr laut und zappelig sein? Ist die Ritalin-Welle Symptom einer Gesellschaft, die alles Unangenehme mit Chemie korrigieren will?
Schreiben Sie an markus.kellenberger@natuerlich-online.ch oder
Natürlich, «Ritalin», Neumattstrasse 1, 5001 Aarau

Literatur
• Cordula Neuhaus. «ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen», Kohlhammer Verlag 2007, Fr. 30.90
• Dieter Pütz: «ADHS – Ratgeber für Erwachsene», Hogrefe Verlag 2006, Fr. 32.–
• Doris Ryffel-Rawak: «ADHS bei Erwachsenen – Betreoffene berichten aus ihrem Leben», Huber Verlag 2007, Fr. 28.40
• Richard de Grandpre: «Die Ritalin-Gesellschaft – ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben», Beltz Verlag 2005, Fr. 27.50

Internet
www.adhs.ch
www.adhs-schweiz.ch
www.sfg-adhs.ch
www.zappelphilipp.de
www.ads.bei-erwachsenen.de

Tags (Stichworte): Kinder, ADHS, Ritalin

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