Erstes Gebot: Geniess den Garten

Remo Vetter | Ausgabe_05/2017

Remo Vetter und seine Frau Francis verbringen gerne Zeit im Garten, am liebsten mit Freunden. Dann sinnieren sie über Kräuter und bedrohte Bestäuber.

@ Remo Vetter, istockphoto.com, zvg

Als zweijähriger Knirps wühlte ich bereits im Wald mit der Handschaufel in der Erde. Mein Grossvater hat mich täglich nach der Arbeit auf Entdeckungsreise in den Wald mitgenommen, wo er einen Garten hegte. Er pflegte zu sagen: «Die Natur braucht den Menschen nicht, die Natur reguliert sich selbst. Wichtig ist, dass wir an spätere Generationen denken. Indianer denken für sieben Generationen. Wir, wenn wir die Entwicklung unserer Ressourcen und das Abholzen von lebenswichtigen Waldbeständen anschauen, denken anscheinend nicht einmal bis morgen, sondern höchstens an den schnellen Gewinn. Der Mensch ist das schlimmste und dümmste Raubtier.» Diese Aussage hat sich mir tief eingeprägt.

Ich stelle mir öfters die Frage, was heutzutage Menschen zum Gärtnern antreibt. Und warum schauen sich so viele Garten- und Kochsendungen an? Was treibt uns an, jemandem zuzusehen, wie er ein Apfelbäumchen pflanzt? Das Informationszeitalter hat uns viel Positives gebracht, wir sind virtuell weltweit vernetzt; doch hat uns das auch die Erdung entzogen. Wir sind bodenlos geworden. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass wir vermehrt wissen wollen, woher die Produkte kommen, die wir konsumieren, wo das Gemüse, die Früchte und Kräuter gewachsen sind. So sind Saisonalität und Regionalität zu wichtigen Verkaufsargumenten geworden. Wir spüren intuitiv, dass es guttut, mit dem Rhythmus der Natur zu leben.

Hingabe macht Experten. Die meisten Menschen würden gerne gärtnern, wie sie essen und leben: Es soll schnell gehen und anfallende Probleme werden «bekämpft». Gärtnern aber ist – wie Essen – eine Philosophie. Es braucht Zeit und Musse. Gärtnern heisst für mich auch loslassen können – durch den Garten flanieren, ohne hier ein Unkraut zu rupfen und dort eine Staude aufzubinden. Einfach das Leben geniessen! Was gibt es Schöneres, als sich im Garten mit Freunden zu treffen und ein feines Essen mit frischem, selbstgezogenem Gemüse und Kräutern zu geniessen? Das ist einer der Gründe, warum ich gärtnere: Weil ich gerne gut esse und frische, stärkende, lebendige Nahrung zu mir nehmen will.

Kürzlich beim Vorbereiten eines Vortrages mit dem Thema «Sinnfindung im Garten» hat meine 23-jährige jüngste Tochter gemeint, sie wisse nicht, ob sie erwachsen genug sei, um zu einer Pflanze zu schauen. Eine Pflanze sei nämlich wie ein Kind: Man sei verantwortlich. Ich musste schmunzeln, denn ich weiss, dass sie sehr pflichtbewusst und verantwortungsvoll ist.

Doch ihre Ginsengpflanze, die wir gemeinsam im Gartencenter gekauft hatten, verlor gerade alle Blätter. Meine Tochter meinte, dass sie vielleicht doch keinen grünen Daumen habe, worauf ich erwiderte, dass ich nicht an den grünen Daumen glaube. Wenn man sich mit etwas auseinandersetzt und den Dingen und Taten Beachtung schenkt, wenn man eine Tätigkeit immer wieder tut, wenn sie zu einer positiven täglichen Routine wird, etwa indem man eine Pflanze liebt und ihr Nahrung und Beachtung schenkt, wird die Pflanze unweigerlich «glücklich» erblühen. So wird man zum Experten. Dies gilt übrigens für alle Lebensbereiche.

Tipps für den urbanen Gärtner
• Powerbeeren
Heidelbeeren, Cranberry und Preiselbeeren sind beliebte Fruchtsträucher für den Balkon und die Terrasse. Sie lieben einen humusreichen, sauren Boden. Es empfiehlt sich eine Pflanzung in Rhododendronerde (torffrei) in einem genügend grossen Kübel. Wir decken die Erde mit einer ca. 5 cm dicken Schicht Holzhäcksel oder Tannenreisig ab, um die Feuchtigkeit zu halten und gleichzeitig den heimischen Waldboden-Effekt zu erhalten.
• Kiwi
Kiwi sind winterharte, mehrjährige Kletterpflanzen. Sie lassen sich problemlos an Balkongeländern und Hausfassaden hochziehen. Eine Pflanzung von mehreren Kiwis erhöht den Fruchtertrag durch Eigen- und Fremdbefruchtung.
• Erdbeeren auf dem Balkon
Erdbeeren eignen sich sehr gut für die Bepflanzung von Töpfen, Kübeln und Kästen. Zum Beispiel in einer Hängeampel, einem Balkonkasten oder als Unterbepflanzung von Zierstämmen in grossen Kübeln und Kästen auf der Terrasse sind sie ideal geeignet. Erdbeeren benötigen in der Reifezeit eine gute Wasserversorgung. Wenn Erdbeeren im Freiland kultiviert werden, empfiehlt es sich, unter den Pflanzen Stroh auszubringen, damit die Früchte nicht auf der Erde liegen und faulen oder verschmutzen. Auch Vögel lieben Erdbeeren, darum muss man die Pflanzen im Freiland allenfalls mit Vogelschutznetzen schützen.

Fliegen sie noch? Wer war zuerst da: der Nektar oder die Bestäuberin? Wir werden das vielleicht nie mit letzter Sicherheit klären können. Aber wir können sicher sein, dass sich die Honig- und Wildbienen, die Hummeln und Schmetterlinge, die Wespen und Raubfliegen gemeinsam mit den Pflanzen im Laufe von Jahrmillionen so entwickelt haben, dass sie perfekt zusammenarbeiten. Doch die Harmonie ist weitflächig brutal zerstört: Monokulturen verursachen saisonale Trachtenarmut, Pestizide schwächen das Immunsystem oder töten unmittelbar, versiegelte Böden, englische Rasen, Thuja-Hecken bieten keinen Lebensraum. Das Insektensterben ist eindeutig menschgemacht. Und dramatisch. Doch offenbar ist den meisten Menschen nicht bewusst, was für eine Bedeutung Bienen und Co. haben.

Ein grosser Teil der Blütenpflanzen braucht Tiere zur Bestäubung. Die Honigbiene ist perfekt dafür gebaut, diese Aufgabe zu übernehmen. Ihr Körper ist eine regelrechte Pollenfalle, und sie ist mit einer so ausgeprägten Arbeitsethik ausgestattet, dass sie keine Blüte unbesucht lässt. Ohne Bienen gäbe es rund ein Drittel weniger Ernten von Obst und Gemüse.

Hungersnöte wegen Insektensterben? Die Bienen und viele andere Insekten sind durch den Einsatz von Herbiziden weltweit bedroht. In Gesprächen mit Imkern erfahre ich immer wieder, dass sie in den vergangenen Jahren einen grossen Teil ihrer Völker verloren haben. Imker sind geduldige, geerdete Menschen, abhängig von Bauern und Landschaftspflegern, die durch ihre Arbeit mit der Natur den Imker und seine geliebten Bienen unterstützen. Wenn wir aufgrund von unkontrollierten Pestizideinsätzen die Bienenvölker weiterhin in gleichem Masse dezimieren, werden wir in einigen Jahren die Obstbäume von Hand bestäuben müssen – so wie es in Teilen Chinas schon der Fall ist. Es sind lächerliche Kompensationsversuche. Ein einziges Bienenvolk kann im Tag bis zu drei Millionen Blüten bestäuben.

Gartenarbeit im Mai
Ziergarten
Gute Pflanzzeit für sämtliche Gartenpflanzen.
• Vorsicht mit empfindlichen Garten- und Kübelpflanzen vor den Eisheiligen (Mitte Mai). Sicherheitshalber bei Frostgefahr mit Folien abdecken.
• Witterungsabhängiges Giessen bei Neupflanzungen. Mehr giessen, wenn es trocken ist, weniger, wenn es länger regnet.
Nützlinge unterstützen. Insektenhotel und Unterschlüpfe für Igel, Fledermäuse, Marienkäfer aufstellen.
• Flieder, Forsythien und frühjahrsblühende Gehölze sollen nach der Blüte zurückgeschnitten bzw. verjüngt werden. Alte Triebe möglichst tief an der Basis der Pflanze schneiden. So kann das Gehölz über den Sommer neue Blütentriebe für das kommende Frühjahr bilden.
Für die Neuanlage einer Wildblumenoder Rasenfläche ist der Mai ein guter Zeitpunkt. Darauf achten, dass der Rasen nach der Aussaat kontinuierlich leicht feucht gehalten werden muss.
Kletterpflanzen regelmässig auf binden, wenn nötig Rankhilfen zur Verfügung stellen.
• Aussaaten und Pflanzen von Sommerblumen.
• Nach den Eisheiligen Balkonkästen bepflanzen.
• Reste der verblühten Zwiebelgewächse erst nach dem Einziehen entfernen.
Gemüsegarten
• Kräutertöpfe und Kräuterkästen in der Nähe der Küche anlegen.
Empfindliche Gemüsepflanzen wie Tomaten, Paprika, Gurken und Zucchini nach den Eisheiligen ins Beet pflanzen.
Wintergemüse wie Rosenkohl und Federkohl jetzt ins Freiland säen.
• Regelmässiges, «pro-aktives» Hacken, um das Unkraut nicht auflaufen zu lassen.
• Laufende Schneckenbekämpfung. Einsammeln von Schneckeneiern, z. B. unter Brettern.

Oase der Ruhe. Seit 35 Jahren unterstützen wir ein Bienenprojekt im spanischen Hochland. In der steppenartigen kastilischen Hochebene wird weder Chemie noch Kunstdünger eingesetzt. Das extreme Klima lässt eine reiche Vielfalt aromatischer Blütenpflanzen wie Rosmarin, Thymian, Lavendel, Ysop, Eisenkraut, Anis, Fenchel, Oregano und viele andere gedeihen. Im Bestreben naturreinen Honig zu erzeugen, werden die Bienen so wenig wie möglich gestört und der Imker verzichtet bewusst auf eine künstliche Zufütterung. Den Bienenvölkern wird immer genügend Honig belassen, um sie über die blütenlose Zeit zu bringen.

Auch wir sind bestrebt, dass sich Bienen, Hummeln, Fledermäuse, Igel, Blindschleichen, Frösche, Marienkäfer, Florfliegen und Co. wohlfühlen, in dem von uns gepflegten A. Vogel Schaugarten im appenzellischen Teufen. Etwa indem wir Insektenhotels und Unterschlüpfe für diese Helfer anlegen und Insektenpflanzen wie die Bienenweide (Phacelia) unter Obstbäumen, Beerenpflanzen und auf Brachflächen säen. Damit ziehen wir Bienen und Hummeln an, welche die alten Obstbäume und Beeren bestäuben und wir leisten gleichzeitig einen kleinen Beitrag zum Schutz der unermüdlichen Helfer. Ich ermuntere Sie, liebe Leser, vom Angebot «Bienenweide Samen» Gebrauch zu machen und damit die Natur und die fleissigen Bestäuber zu unterstützen. 

Zur Person
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im A. Vogel Besucherzentrum in Teufen Appenzell Ausserrhoden tätig.


Fotos: Remo Vetter, istockphoto.com, zvg

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