Engagiert und freiwillig
Engagiert und freiwillig 2011 ist das europäische Freiwilligenjahr. Schweizer und
Schweizerinnen leisten jährlich rund 700 Millionen Stunden
Gratisarbeit – meist kaum beachtet von der Öffentlichkeit.

«Ohne freiwilliges Engagement würden alle modernen Gesellschaften sofort zusammenbrechen», sagt der deutsche Soziologe Ulrich Beck über den Stellenwert der Freiwilligenarbeit. In der Schweiz sind gemäss verschiedenen Statistiken knapp 40 Prozent der Bevölkerung freiwillig tätig. Dabei wird zwischen sogenannt formell freiwilligen Tätigkeiten und informellen Hilfeleistungen unterschieden. Zu ersteren gehört die Mitarbeit in Organisationen, Vereinen oder in politischen Gremien sowie Vereinsmitgliedschaften. Als informell werden Engagements bezeichnet, die ausserhalb von Institutionen geleistet werden, zum Beispiel der wöchentliche Einkauf für die betagte Schwiegermutter oder die Aufgabenhilfe für das Nachbarskind. Insgesamt werden jährlich so rund 700 Millionen Stunden unentgeltliche Arbeit geleistet. Die Erhebung des sogenannten Freiwilligen-Monitors 2010 stellt fest, dass das Engagement der formell Tätigen gegenüber den letzten Jahren leicht rückläufig ist. Bei der informellen Freiwilligenarbeit ist dieser negative Trend deutlich spürbar: Dort sank das Engagement um acht Prozent – jede fünfte Person ist informell tätig. Ein Grund für den Rückgang könnte die mangelnde Wertschätzung für das unentgeltliche Tun sein.
Surftipps
Hier erhalten Sie weitere interessante Informationen zum Thema
• freiwilligen-monitor - Freiwilligkeit und Ehrenamt in der Schweiz
• WWF Schweiz
• Schweizerisches Rotes Kreuz
• innovage
• bennevol - Verein Fach- und Vermittlungsstellen für Freiwilligenarbeit
• benevol - freiwilligenjob
• forum freiwilligenarbeit
• sozialzeitausweis
• Freiwilligenjahr 2011 in der Schweiz
Anerkennung fehlt oft
Laut Freiwilligen-Monitor arbeiten die informell Freiwilligen durchschnittlich 15 Stunden pro Monat. Elsbeth Fischer-Roth von Benevol Schweiz, dem Netz von professionellen Vermittlungsstellen für Freiwillige, sagt: «Diese stillen Helferinnen und Helfer wünschen sich, dass ihre Arbeit ebenso wie bezahlte geschätzt wird und dass sie ein minimales Unterstützungsangebot und Entlastungsmöglichkeiten erhalten.» Hilfreich sind vielleicht auch die von Benevol aufgestellten Richtlinien: maximal vier Stunden pro Woche; persönliche und öffentliche Anerkennung; Einführung und fachliche Begleitung sowie Mitbestimmung bei Umfang und Dauer des Einsatzes.
Über den Stellenanzeiger des Netzwerks werden zurzeit 550 Einsätze angeboten. «Für kurzfristige Einsätze oder aber für anspruchsvolle Aufgaben, die auch länger dauern dürfen, findet man am besten Leute», sagt Geschäftsführerin Elsbeth Fischer. Etwas schwieriger sei es, für Betreuungsaufgaben wie Besuchsdienste in Pflegeheimen oder im Spital Interessierte zu finden. Zwar hat für viele Menschen die Motivation «andern zu helfen» immer noch einen hohen Stellenwert, als ebenso wichtig wird jedoch auch «Spass an der Tätigkeit» gewichtet.
Eine andere Form von Anerkennung hat das Forum für Freiwilligenarbeit vor acht Jahren mit dem Sozialzeitausweis geschaffen. Die Idee: Der Ausweis informiert über geleistete Freiwilligenarbeit und kann genauso wie Weiterbildungen oder Kursbescheinigungen zum Beispiel ein Bewerbungsdossier ergänzen. Bis heute wurden aber nur 230 000 Ausweise bestellt. «Mit einer Namensänderung soll er nun vom sozialen Image wegkommen, damit ihn auch Freiwillige in den Bereichen Umwelt, Kultur oder Gemeindearbeit einsetzen», erklärt Denise Moser.
Mehr Motivation dank Unterstützung
Freiwillige, die in einem organisierten Rahmen tätig sind, bekommen je nach Institution verschiedene Arten von Unterstützung. So bietet zum Beispiel der WWF seinen Riverwatchern eine viertägige Ausbildung an. Wer nach Abschluss eines Einsatzes einen Bericht schreibt, erhält ein Zertikkat, das man gegebenenfalls bei einer Ausbildung zum Umweltberater anrechnen lassen kann. Bisher hat der WWF rund 500 Riverwatcher ausgebildet, 60 stehen zurzeit aktiv im Einsatz. Attraktive Angebote führen dazu, dass sich die Freiwilligenarbeit zunehmend auf organisierte Tätigkeiten verlagert. Bei jungen Erwachsenen ist der Anteil bei dieser Art von Freiwilligenarbeit in den letzten drei Jahren leicht angestiegen.
Während Junge auf bewährte Organisationen setzen, erproben Senioren neue Formen wie das selbst organisierte Beratungsnetzwerk Innovage. Pensionierte Berufsleute stellen unentgeltlich Beratung und Begleitung für soziale Projekte zur Verfügung: ein Dorfmarkt, der psychisch Behinderte beschäftigt, ein Chor für Langzeitarbeitslose oder Einsätze in einem Dritte-Welt-Land.
Fotos: fotolia.com, zvg
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