Eisige Abfahrten auf dampfgebogenen Kufen

Urs Oskar Keller | Ausgabe_01-02/2017

Im Winter herrscht Hochbetrieb bei Erwin Dreier. Seine Firma 3R AG baut im thurgauischen Sulgen Holzschlitten nach traditioneller Art.

@ swiss-image.ch/Robert Bösch, Urs Oskar Keller

Erwin Dreier, 43, liebt den Winter. Aus einem einfachen Grund: Kommt der Schnee, läuft das Geschäft. Buchstäblich. Dreier baut im thurgauischen Sulgen Holzschlitten. Sulgen ist kein Mekka für Schlittenflitzer und Wintersportler, aber der Sitz einer führenden Wagnerei mit über achtzigjähriger Erfahrung im Schlittenbau. Heute ist sie die grösste Schlittenbauerin der Schweiz. 3R verkauft über 5000 Schlitten pro Jahr. Besonders bekannt sind die Klassiker «Davoser» und «Grindelwaldner».

Eschenholz ist ideal für Schlitten. Das Holz, aus dem die Schlitten sind, stammt weitgehend aus dem Thurgau, beispielsweise aus dem Güttinger Wald. Im überdachten, offenen Schopf lagern rund 150 Kubikmeter Eschenholz. «Das deckt unseren Jahresbedarf», sagt Dreier während der Besichtigung. Zum Dampfbiegen und Verformen verwenden er und seine elf Mitarbeiter Qualitätsholz einheimischer Laubbäume, darunter auch Spezialhölzer wie Nussbaum und Kirschbaum. «Zu 98 Prozent werden bei uns Hölzer aus FSC-zertifizierten Ostschweizer Wäldern verwendet», sagt Dreier. «Damit können wir von der Waldstrasse bis zum fertigen Produkt, das später unseren Betrieb verlässt, für die konstante Qualität garantieren.» Das Holz kauft er direkt aus dem Wald bei Forstkooperationen, auf der Gant oder auch von Sägereien.

Dreier lässt aus den Baumstämmen 30 bis 62 Millimeter dicke Bretter sägen. Eschenholz sei für den Schlittenbau ideal, weil es zäh, langlebig, maschinell gut verarbeitbar und nur unwesentlich teurer als Buche sei, erläutert der Holzfachmann. «Wir verarbeiten das ganze Eschenholz, also Kern- wie Splintholz. Das hat auf die Qualität keinen Einfluss.» Bis das Holz in Sulgen am Lager liegt, kostet der Kubikmeter derzeit 400 bis 500 Franken. «Wir lagern es nur ein Jahr. Dann hat es noch genau die richtige Feuchtigkeit von 20 bis 25 Prozent, die es beim Dampfbiegen haben muss.»

Das Holz in die Form biegen. Das Dampfbiegen ist eine traditionelle Technik, die schon die alten Griechen kannten. Das Holz in die richtige Form biegen, ist eine Kunst. Wichtigste Werkzeuge der 3R sind neben einem holzbefeuerten Dampferzeuger mit drei Rohren denn auch die verschiedenen Biegemaschinen. Dampferzeugung sowie das Heizen der gesamten Wagnerei und eines Nachbarhauses werden durch eine Schnitzelheizung mit eigenem Restholz gewährleistet.

Viel Wasserdampf und sorgfältige Handwerkskunst sind für die Biegetätigkeit wichtig. Die Kufen aus massivem Eschenkantholz werden im Dampfbiegeverfahren gebogen. Die auf die exakte Länge zugeschnittenen Holzblöcke für die Läufe werden eine Stunde bei über hundert Grad Celsius in eines der Rohre gelegt und stark gedämpft. Anschliessend werden die heissen Hölzer mit massgefertigten Formen, den Spannblechen, von Wagnerlehrling, heute auch «woodartist» genannt, Martin Hürzeler möglichst rasch gebogen und in die gewünschte Form gebracht. Die Holzteile fixiert er vorher, damit sie sich nicht strecken können und somit gut gestaucht werden.

Trocknen, bohren, aufschneiden. Anschliessend beginnt der langsame und schonende Trocknungsprozess. In zwei vollautomatischen Trocknungsanlagen werden sämtliche gebogenen Holzteile getrocknet. Immer wieder werden sie mit Wasser eingesprüht. Denn das Trocknen darf nicht zu schnell gehen – die Hölzer sollen langsam von innen nach aussen trocknen.

Erst am Schluss werden die Holzläufe, die ein Paar bilden, mit einer Schwingmeisselmaschine aufgeschnitten: Die Blöcke werden der Länge nach halbiert und weiterverarbeitet. Die Flächen werden danach gehobelt und die Kanten gefräst.

In der Montageabteilung fügen Angestellte die etwa zwanzig Einzelteile – Beine, Holzläufe, Tragjoche, Sitzleisten, Stahlkufen, Streben, Bügel usw. – eines Schlittens zusammen. Die einzelnen Komponenten werden verleimt und mit verzinkten Schrauben befestigt. Das Logo und die Armbrust mit dem «Swiss made» werden mittels Brennstempel eingebrannt. Die Eisenkufen liefert eine Schlosserei aus der Region. Die Sitzfläche (Bespannung) für die Swiss Racer, Flizzer und Sportrodel ist aus feuchtigkeitsunempfindlichem Nylon aufgeflochten. Für die Endmontage benötigt man etwa zehn Minuten.

Schlittelbahnen
• Grindelwald Bussalp (BE)
Vom Faulhorn bis nach Grindelwald werden 15 Kilometer und 1600 Höhenmeter zurückgelegt. Der «Pintenfritz» ist damit die längste Schlittelbahn Europas.
• Madrisa, Klosters (GR)
Die Schlittelbahn von Madrisa nach Saas verspricht auf 8,5 Kilometern Schneesportspass für die ganze Familie.
• Gornergrat (VS)
Mit 2819 Metern liegt hier der höchste Schlittelbahn-Start der Alpen.
• Kronberg (AI)
Mit 7 Kilometern ist sie eine der längsten Abfahrten der Ostschweiz.
• Kerenzerberg (GL)
Mit ebenfalls 7 Kilometern gilt die Schlittelpiste auf dem Kerenzerberg bei Kennern als Klassiker.
• Weissenstein (SO)
Der 4,5 km lange Schlittelweg nach Nesselboden und weiter nach Oberdorf ist rasend schnell und kurvig. Gemütlicher ist die familienfreundliche 4,6 km lange Abfahrt nach Gänsbrunnen.
• Riggisalp (BE)
Im Mondschein kann man eine vier Kilometer lange Piste hinuntersausen. Bis März jeden Freitag und Samstag von 18 bis 20.45 Uhr.
• Brambrüesch (GR)
Der gut präparierte Schlittelweg liegt nur 15 Minuten vom Churer Stadtzentrum entfernt.
• Muottas Muragl (GR)
Mit 20 anspruchsvollen Kurven ist diese Bahn für erfahrene Schlittler geeignet.
• Fräkmüntegg Pilatus (LU)
Die spektakuläre Schlittelpiste von der Fräkmüntegg nach Krienseregg ist für Familien ebenso geeignet wie für Adrenalinsüchtige.
• Beatenberg (BE)
Der Schlittelweg ist für geübte Schlittler und bietet während 40 Minuten rasanten Fahrspass. Kleinere Kinder schlitteln zusammen mit den Eltern auf den Winterwanderwegen.
• Schatzalp (GR)
Bis 23 Uhr ist diese Piste geöffnet und somit ideal für Nachtschwärmer.
• Geschnialp – Engelberg (LU)
Die rasante Talfahrt nach Engelberg wird stimmungsvoll beim Nachtschlitteln im Fackellicht. Natürlich mit anschliessendem Fondueplausch.
• Saas-Grund (VS)
11 Kilometer saust man auf dem Schlitten von Kreuzboden bis nach Saas-Grund – bei Tag und Nacht ein Riesengaudi!
Quelle: www.freizeit.ch

Der letzte Schliff. Am Ende der Fertigung wird jedes Teil nochmals auf Fehler kontrolliert. Die fertig montierten Davoser und Grindelwaldner Schlitten werden in der Lackiererei vollständig in zwei grosse Badewannen mit einem lösungsmittelhaltigen Lack getaucht und anschliessend unter der Decke zum Trocken aufgehängt. Bis zu hundert Schlitten hängen während mindestens zwölf Stunden im Raum.

Verdrängen die bunten und billigen Kunststoff-Bobs für Kinder in Zukunft die Holzschlitten? «Nein», meint Dreier: «Der Holzschlitten ist nicht in Gefahr. Um auf gut präparierten Schlittenbahnen zu fahren, eignen sich nur richtige, gute Holzschlitten oder -rodel.» Eine ernste Bedrohung sei eher der Klimawandel, das heisst schneearme Winter. Ohne näher darauf einzugehen, sagt Dreier: «Wir haben einen Plan B, falls es zu warm werden sollte und es massiv weniger Schlitten bräuchte. Aber bis dahin bleiben wir einer der traditionsreichsten Schlittenhersteller der Schweiz.» 3R hat sechs verschiedene Schlitten und Sportrodel im Angebot. Die Preise variieren von 164 Franken für einen Kinderrodel bis 554 Franken für den schnellen Sport-Doppelrodel der Z-series. Original Davoser Schlitten gibt es ab 209 Franken.

Solothurner Design made in Sulgen. «Davoser» oder «Grindelwaldner» sind im letzten Jahrhundert aus leichten norwegischen Schlitten entstanden, die damals in der Schweiz auftauchten und dann von hiesigen Schreinern «weiterentwickelt» wurden. Die Bezeichnung «Davoser Schlitten» bezieht sich auf die Bauart; es ist keine geschützte Marke. Solche Schlitten werden in vielen Ländern produziert. «Leider oft in sehr unterschiedlicher Qualität», kritisiert Dreier. «Unsere Davoser Schlitten sind ohne Kompromisse in der traditionellen und überlieferten Weise hergestellt.»

Foto: swiss-image.ch/Robert Bösch, Urs Oskar Keller

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