Einem Giftpilz auf der Spur
Das Rätsel um die Vergiftungen durch den Grünling in Europa könnte gelöst sein. Japanische Forscher haben einen Giftstoff identifiziert, der in Asien für mehrere Todesfälle verantwortlich scheint.

Grünling
Fünf Frauen und sieben Männer zwischen 22 und 61 Jahren erlitten in Frankreich in den Jahren 1992 bis 2000 nach dem Verzehr des als Speisepilz beliebten Grünlings ernste Vergiftungen. In drei Fällen endeten diese sogar tödlich. Im Jahre 2001 wiesen dann französische Wissenschafter nach, dass mehrere kurz aufeinander folgende Grünling-Mahlzeiten zu einer Auflösung von Muskelfasern – einer sogenannten Rhabdomyolyse – führen können. In der Schweiz, wo bis dahin noch keine Vergiftungen mit dem Grünling auftraten, strich das Bundesamt für Gesundheit den Grünling 2002 von der Liste der Speisepilze. Das für die Muskel zersetzung verantwortliche Gift des Grünlings blieb vorderhand unbekannt.
Rhabdomyolyse
Der Begriff Rhabdomyolyse bezeichnet eine besondere Form des Abbaues der quer gestreiften Muskulatur. Diese umfasst neben dem Herzmuskel jene Muskeln, die wir willkürlich anspannen können, im Unterschied zur glatten Muskulatur etwa von Darm, Arterien oder Bronchien, die wir nicht willentlich beeinflussen können.
Bei der Rhabdomyolyse gelangt das der Sauerstoffübertragung dienende und normalerweise fest im Muskel verankerte Myoglobin ins Blut. Dieses Eiweiss kann die feinen Nierenkanälchen verstopfen und zu Nierenversagen führen. In manchen Fällen soll aufgrund einer Schädigung des Herzmuskels das Herz versagen. Erste Anzeichen einer Rhabdomyolyse sind Muskelschmerzen und -schwäche sowie eine auffällige Dunkelfärbung des Urins.
In Asien sind ähnlich rätselhafte Pilzvergiftungen bereits seit den 1950er-Jahren bekannt. Inzwischen konnte hier ein Pilz mit wissenschaftlichem Namen Russula subnigricans, der von Sammlern offenbar mit verwandten essbaren Arten verwechselt wurde, als verantwortlicher Giftpilz identifiziert werden. 30 Minuten nach dessen Verzehr traten bei den Betroffenen Übelkeit und Durchfall als erste Symptome auf, gefolgt von Sprachstörungen, Muskelkrämpfen, steifen Schultern und Rückenschmerzen. Im weiteren Verlauf kam es dann auch zur Zersetzung von Muskelfasern. Das dabei ins Blut gelangende Eiweiss Myoglobin störte die Nierenfunktion und führte durch Nierenversagen in den letzten Jahren in Japan zu sieben Todesfällen. In unseren Laub- und Nadelwäldern wächst der asiatische Giftpilz nicht.
Japanische Forscher konzentrierten sich nun gezielt auf Russula subnigricans-Pilze aus der Region Kyoto, wo die rätselhaften Vergiftungen gehäuft auftraten. In diesen Pilzen fanden sie endlich einen Giftstoff, der auch für die bislang ungeklärten, ähnlich verlaufenen Grünling-Vergiftungen in Europa verantwortlich sein könnte. Es handelt sich dabei um die selbst für Chemiker reichlich exotische Substanz Cycloprop-2-en-Carboxylsäure. Nach vorläufigen biologischen Untersuchungen scheint diese Substanz direkt oder indirekt zu der gefährlichen Muskelzersetzung zu führen.
Der seltsame Giftstofft war in der Natur bisher kaum bekannt. Chemiker stellen diese unbeständige Substanz künstlich her und nützen ihre Reaktionsfreudigkeit für den Aufbau neuer Stoffe. Eben diese Reaktionsfähigkeit könnte für die Giftwirkung verantwortlich sein – vergleichbar etwa mit der Wirkung von sogenannten freien Radikalen, die chemisch ebenfalls sehr reaktionsfreudig sind und Zellen schädigen können.
Die Reaktionsfähigkeit und Empfindlichkeit des Stoffes erschwerten auch dessen Isolierung aus den Pilzen. Dies erklärt möglicherweise, warum diese Substanz so lange unentdeckt geblieben war, obschon sie sich im Tierversuch bereits in kleinen Mengen als lebensgefährlich erweist. So kann schon der Verzehr von zwei bis drei Fruchtkörpern von Russula subnigricans bei Erwachsenen zum Tod führen, erklären die japanischen Wissenschafter. Und sie halten es für möglich, dass auch die Grünlingsvergiftungen in Europa mit diesem seltsamen Giftstoffkandidaten zusammenhängen.
Weiterführende Artikel
«Passion Pilz»: «natürlich leben»-Redakteur Hans-Peter Neukomm berichtet über die Schweizer Wissenschaftlerin Beatrice Senn-Irlet, welche eingehend das Reich der Pilze erforscht.
Lange Latenzzeit
Das Tückische der Giftpilze liegt vor allem in der langen Latenzzeit, der Zeitspanne zwischen dem Verzehr und dem Auftreten erster Symptome.
Wer denkt schon beim Auftreten grippeähnlicher Symptome wie allgemeiner Müdigkeit, Muskelschwäche und Muskelschmerzen an eine Pilzvergiftung, wenn die Pilzmahlzeit bereits mehrere Tage zurückliegt.
Foto: © Jörg Gilgen, René Berner
Kommentare