Ein Schluck Geschichte
Gletscherwein direkt ab Fass gibt es nur in Grimentz. Das Walliser Dorf im Val d‘Anniviers bewahrt so eine einzigartige Tradition – und bietet damit ein Aprés-Ski-Erlebnis der besonderen Art.

Entstanden ist der Gletscherwein aus dem früheren Nomadendasein der Bewohner des Val d’Anniviers. Vor einigen Jahrhunderten erwarben die Gemeinden Obstgärten und Reben im Rhonetal in der Umgebung von Siders. Je nach Jahreszeit lebten die Familien im Tal oder auf der Alp. Jeweils am Ende des Winters im Mai wurde der vinifizierte Wein in den Lärchenfässern talaufwärts in die Nähe der Gletscher gebracht. Der 76-jährige, aus Grimentz stammende, Jean Vouardoux erzählt nicht ohne Stolz : «Man stellte fest, dass dieser Wein nach längerer Lagerung an Duft und Farbe gewann, aber nicht in der Ebene, sondern nur hier oben am Fuss des Gletschers in den kühlen Kellern. Deshalb gab man ihm den Namen Gletscherwein.» Die Fässer werden sorgfältig von Generation zu Generation konserviert, und viele von ihnen sind über zweihundert Jahre alt.
Besonders ist so ziemlich alles an diesem Wein, nicht nur, dass man ihn direkt ab Fass trinkt, ebenso ist der Geschmack einmalig. Ein typischer Gletscherwein wie dieser entwickelt den eigenen Terpentin-Geschmack, hat aber auch ein dezentes, herbes Bouquet. Der hochprozentige Wein mit einem
Alkoholgehalt von etwa 14 Volumenprozent gleicht im Ausbau dem Sherry oder Madeira und ist lange haltbar. «Früher benutzte man für den Gletscherwein zu 90 Prozent die Rèze-Sorte, zu Deutsch Resi», sagt Vouardoux. «Diese Traube hatte viel Säure und wurde erst nach einigen Jahren Lagerung trinkbar. » Die Resi ist eine aus der Gegend von Verona stammende Rebsorte, die von römischen Söldnern eingeführt wurde. Es ist eine äusserst seltene weisse Rebsorte, die man nur noch im Wallis findet. Heute wird der Gletscherwein hingegen meist aus Fendant (Chasselas) produziert und mit Ermitage, identisch mit der französischen Marsanne- und Malvoisie-Traube, ergänzt. Auch die Rebsorte Petite Arvine – eine alteingesessene Traube, die heute im Wallis wieder der Favorit bei Neupflanzungen von weissen Rebsorten ist – ist beim Gletscherwein wichtig.
Wein aus dem 19. Jahrhundert
Die Behandlung des Gletscherweines, die sogenannte Transvasage, ist so speziell wie einfach: Jedes Jahr im Mai wird wie eh und je der neue Wein aus Sierre hier ins Tal hinaufgebracht und in die alten Fässer gefüllt. Die neue Ernte füllt die Verkäufe des Vorjahres auf und vermischt sich mit Wein aus den letzten 25 bis 30 Jahren. «Der Ältere Jahrgang wird durch den nächstjüngeren ergänzt. Um das Fass von 1886 aufzufüllen, nehmen wir den Wein vom Fass aus dem Jahr 1888. Und das Fass von 1888 wird mit dem Wein vom 1934er-Fass ergänzt, das wiederum mit dem Wein vom Fass von 1969 aufgefüllt wird», erklärt der Grimentzer.
Die Fässer werden also nie ganz geleert und der zentimeterdicke Weinstein wird nie entfernt. Ein immer geringer werdender Teil des Gletscherweines stammt somit noch aus dem 19. Jahrhundert. In den grossen Fässern madeirisiert der Wein, er erhält durch Oxidation seine dunkle Farbe und seinen Eigengeschmack.
Reifen im Rhonegletscher
Auch anderswo im Wallis gibt es Gletscherweine, die aber ganz normal in Flaschen gekauft werden können. So lässt etwa das Weingut Adrian Mathier in Salgesch seit zehn Jahren im Rhonegletscher bei Temperaturen um den Gefrierpunkt seine Dessertweine reifen. Edle Weine mit natürlicher Restsüsse müssen nahe dem Gefrierpunkt stabilisiert werden. Aus reiner Platznot kam damals die Familie Mathier auf die Idee, Eichenfässer in eine Gletschergrotte einzulagern.
Doch nur, was hier in Grimentz oder in anderen Orten im Eibischtal gehegt und gepflegt wird, ist der «echte Gletscherwein», meint Jean Vouardoux. Dieser komme auch niemals in den Handel. Für ihn wie auch für andere Grimentzer wäre dies gleichbedeutend mit dem Verkauf Ihrer Seele. Der Gletscherwein soll das bleiben, was er ist: eine Tradition, eine Kuriosität.
• Gletscherwein
Führungen zum Bürgerhaus in Grimentz (VS) mit Kostprobe des Gletscherweines jeweils montags um 17 Uhr. Weitere Infos: Grimentz/St-Jean Tourisme, 3961 Grimentz, Telefon 027 475 14 93, www.grimentz.ch
• Weinmuseum
Das Château de Villa in Sierre bietet ein Walliser Reb- und Weinmuseum, eine Önothek, ein Restaurant und ein Sensorama. In der Önothek lagern 550 Weine von mehr als 100 Kellern aus dem Wallis. Jede Woche können Besucher eine Auswahl von Weinen degustieren. Ein weiteres Weinmuseum, das Haus Zumofen, befindet sich in Salgesch. Ein Rebweg verbindet die beiden Museumsstandorte. Weitere Infos: Château des Villa, 3960 Sierre, Telefon 027 455 18 96, www.chateaudevilla.ch, www.walliserweinmuseum.ch
Fotos: © Dominik Plüss, zuc123 / flickr / cc
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